4. September 2026
Kritische Bemerkungen zur Bildungsinitiative

Die Reformen gehören endlich auf den Prüfstand

Die junge Berner Grossrätin, Stephanie Gartenmann (SVP) hat einen Artikel geschrieben, in dem sie verlangt, dass die vielen Reformen der Vergangenheit endlich auf den Prüfstand kommen, bevor man via Verfassung versucht, noch mehr Geld in das System zu pumpen. Die Berner Bildungsinitiative ist für sie der falsche Weg.

In einem Beitrag des Condorcet-Blogs konnte man fein säuberlich aufgestellt, die Anzahl der vergangenen Schulreformen und deren Inhalte nachlesen (https://condorcet.ch/2021/10/eine-kurze-chronik-der-20-berner-schulreformen-durchzogene-bilanz/ ) Seit 1996 ist unser Bildungssystem mit ungefähr 20 Schulreformen «beglückt» worden. Das sind alle anderthalb Jahre eine Reform.

 

Stephanie Gartenmann, SVP, Grossrätin im Kanton Bern, Juristin: “Damit wird der Bock zum Gärtner gemacht!”

Fortschrittsrhetorik prägte die Berichterstattung und kritische Einwände aus der Schulpraxis wurden mit dem Hinweis auf mangelnden Innovationsbereitschaft der Lehrerschaft weggewischt. Mit Pauken und Trompeten wurde das frühe Lernen zweier Fremdsprachen freudig begrüsst. Die schulische Integration aller Kinder in die Regelklassen, Selbstlernkonzepte und die neue Lehrerrolle des Lernbegleiters galten als zukunftsweisend. Wer in der Bildungspolitik gehört werden wollte, sprach von der Überwindung des Frontalunterrichts und lobte die tollen Möglichkeiten eines individualisierten Digitalunterrichts. Als Leitstern der ganzen Entwicklung galt der Lehrplan 21 mit seiner neuen Kompetenzorientierung. Dieser Meilenstein des Fortschritts sollte für jede Deutschschweizer Schule wegweisend sein und die Bildungsziele vereinheitlichen.

 

Reformen sollten normalerweise bessere Resultate anstreben. Dank den Vergleichstesten wie PISA, ÜGK oder Timms wissen wir aber, dass die Leistungen in den Grundkompetenzen seit 2012 sinken.

Das wirkt sich direkt auf die Wirtschaft aus. Am 1. September veröffentlichte «economie suisse» die Ergebnisse einer Umfrage unter 3000 Lehrbetrieben. Tenor: die Grundkompetenzen der Lehrlinge im Deutsch und in Mathematik nehmen ab. Viele Lehrlinge brauchen eine Nachqualifizierung.

Wäre es da nicht angebracht, einmal die Rolle der Schulreformen zu hinterfragen?

Der ehemalige Grossrat Alain Pichard (GLP) schrieb auf LinkedIn: «Die Bildungsleistungen sinken. Sie sinken seit 2012. Trotz Lehrplan 21, trotz der Kompetenzorientierung, trotz Erhöhung der Lektionenzahl, trotz früherem Schulbeginn, trotz der Einführung von Frühenglisch und Frühfranzösisch, trotz der Erhöhung der Bildungsausgaben um 30%, trotz der Digitalisierung, trotz der Abschaffung der Noten bis zum 3. Schuljahr, trotz der Einführung der integrativen Schule, trotz der Einführung der Mittagstische.» Und er fragte sich: Wäre es da nicht angebracht, einmal die Rolle der Schulreformen zu hinterfragen?

Rudolf Minsch, Geschäftsleitung der economie suisse: Die Schule muss sich wieder fokussieren.

Professor Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse forderte, dass sich die Schule wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren müsse. Und hier sei die Politik gefordert.

Schon der Präsentation der Umfrageergebnisse zur integrativen Schule lehnte die Präsidentin des LCH, Dagmar Rösler, diese Forderung rundweg ab und belegte dieses Ansinnen mit dem Wort «Gotthelf-Nostalgie». In einer Pressemitteilung (2. September 2026) zu den Umfrageergebnissen des Wirtschaftsverbandes bestätigte die Lehrerorganisation diese Haltung noch einmal und will von einer Fokussierung nichts wissen. Das hält Bildung Bern nicht davon ab, die Warnsignale aus den Lehrbetrieben als Werbung für die eigene Bildungsinitiative zu verwenden, über die am 27. September abgestimmt wird. Das ist eine Chuzpe sondergleichen und macht den Bock zum Gärtner. Denn ausnahmslos alle obgenannten Reformen wurden vom Verband Bildung Bern teilweise frenetisch unterstützt.

Es handelt sich um eine reine Input-Vorlage und das droht die Kostenspirale in unserem Bildungswesen noch weiter in die Höhe zu treiben, notabene ohne Erfolgsgarantie

Und immer, wenn eine Reform in Kritik geriet und die versprochenen Qualitätszuwächse nicht lieferte, reagierte Bildung Bern mit dem Argument der «Gelingensbedingungen», was eigentlich mehr oder weniger bedeutet, dass es noch mehr Ressourcen brauche, dann klappe es schon irgendwann einmal. Damit entzieht der Verband die Reformen einer Wirksamkeitskontrolle, wie sie Professor Wolter, Bildungsökonom an der Uni Bern, anmahnte, als er am 4. März 2025 in der NZZ schrieb: «Es gibt bei uns Reformen, die gross angekündigt und mit schönen Worten beschrieben werden – aber nie wird die Abmachung getroffen, welches Ziel damit eigentlich erreicht werden soll, und noch viel wichtiger: wie man die Zielsetzung einmal auch überprüfen will. So stehlen sich alle aus der Verantwortung.”

Und nun will die Lehrerorganisation den Begriff der Bildungsqualität in der Verfassung verankern und das mit dem bildungspolitischen Evergreen “Genügend Ressourcen”. Er rennt damit offene Türen ein. Die Bildungsausgaben explodieren. Sie belegen derzeit den ersten Platz im kantonalen Budget. Die Bildungsinitiative ist eine reine Input-Vorlage droht, die Kostenspirale in unserem Bildungswesen noch weiter in die Höhe zu treiben, notabene ohne Erfolgsgarantie. Das ist wie beim Wettrennen, den sich der Hase mit dem Igel liefert. Jedes Mal, wenn eine Reform scheinbar vollendet scheitert, dann kostet sie noch mehr.

Wir müssen in der Bildungspolitik wieder zu mehr Ehrlichkeit kommen und das heisst: Die vergangenen Schulreformen müssen auf den Prüfstand. Die Verankerung diffuser Begriffe in unserer Kantonsverfassung ist dagegen mit Sicherheit der falsche Weg.

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