
Schulische Defizite: Jedes fünfte Unternehmen will weniger Lernende einstellen

Die Schweizer Wirtschaft schlägt Alarm. Ausbildungsbetriebe stellen seit Jahren zunehmende Kompetenzlücken bei ihren Lernenden fest. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Umfrage des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, des Arbeitgeberverbands und des Gewerbeverbands.
Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch verweist aber auf fast 3000 teilnehmende Unternehmen.
Grosse Defizite gibt es demnach beim Lesen und Schreiben. Viele Unternehmen geben an, dass ihre Lernenden Schwierigkeiten hätten, längere Texte zu verstehen und relevante Informationen aus einem Text herauspicken zu können. Ein Problem seien auch die Rechtschreibung, Grammatik und das adressatengerechte Schreiben im beruflichen Kontext. Ebenfalls rückläufig ist das Mathe-Niveau: Die Lernenden hätten Mühe, ein Resultat zu verstehen und in den richtigen Zusammenhang zu setzen.
Der Rückgang findet demnach schon lange statt, laut der Hälfte der Unternehmen bereits seit fünf Jahren. Die Unternehmen kritisieren aber auch personale, soziale und methodische Kompetenzen. Deutlich höher ist das Niveau bei den digitalen Kompetenzen.
Lernende brauchen mehr Betreuung
Die Folge: Lernende sind weniger selbstständig und machen mehr Fehler. Jedes fünfte Unternehmen gibt an, unter den abnehmenden Kompetenzen zu leiden. Für die Unternehmen bedeuten die schulischen Defizite einen Mehraufwand in zusätzlicher Betreuung und Coaching. Das sei vor allem für KMU mit geringen finanziellen Ressourcen problematisch.
Jedes fünfte Unternehmen gibt bereits an, aufgrund der damit verbundenen Mehraufwendungen künftig weniger Lernende zu rekrutieren. Die Gefahr besteht laut Dieter Kläy vom Gewerbeverband, dass künftig noch mehr Firmen auf Lernende verzichten.
Die Verbände warnen, dass ohne Trendwende weniger Lehrstellen und ein geschwächtes duales Berufsbildungssystem drohen. Lesen, Schreiben und Mathe müssten deshalb in der Volksschule wieder stärker ins Zentrum rücken.
Auch bei Pisa-Studie schlechter
Gleichzeitig brauche es auch eine vertiefte Ursachenanalyse. «Wir wissen noch relativ wenig, was die Ursachen sind», sagt Economiesuisse-Chefökonom Rudolf Minsch. Es gebe viele Thesen, von Corona über Lehrplan 21, es gebe aber noch keine flächendeckende Erhebung.
Künstliche Intelligenz könne nicht der einzige Grund sein, weil das Niveau schon länger abnehme. Er verweist auch auf die Pisa-Studie, laut der das Niveau der 15-Jährigen ebenfalls seit Jahren abnimmt. Zwischen 2012 und 2022 sanken die Mittelwerte um 22,7 Punkte in Mathematik und 25,1 Punkte im Lesen.
Die Verbände verweisen aber auch auf den steigenden Anteil der Schülerinnen und Schüler, deren Erstsprache nicht der Ortssprache entspricht. Ihr Anteil sei in den letzten 25 Jahren kontinuierlich von 21 Prozent auf 36 Prozent gestiegen.

