4. September 2026
Sozialforscher Herteux erklärt

In Deutschland machen 1,2 Millionen junge Menschen nichts

Mehr als eine Million junge Menschen in Deutschland sind weder in Ausbildung noch Arbeit. Wer sind die NEETs – und warum steigen ihre Zahlen? Dieser Beitrag ist zuerst auf “Focus online” erschienen.

 

Laut offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes absolvieren ca. 10 Prozent der jungen Menschen im Alter von 20 bis 24 Jahren in Deutschland weder ein Studium noch eine Ausbildung, noch sind sie in irgendeiner Beschäftigung. Zudem befinden sie sich auch nicht mehr im regulären Schulbetrieb.

Andreas Herteux, Wirtschafts- und Sozialforscher

Die Fachliteratur bezeichnet sie in der Regel als NEETs (Not in Education, Employment or Training). Dieser beachtliche Anteil ist besonders im Hinblick auf den Fachkräftemangel in vielen Branchen alarmierend, da das Land es sich im Grunde genommen nicht leisten kann, eine so große Anzahl an Bürgern gesellschaftlich sowie wirtschaftlich, womöglich nicht nur temporär, zu verlieren, und die langfristigen Folgen nur schwer abschätzbar sind.

Bis zu 1,2 Millionen NEETs in Deutschland

Wer sind die NEETs? Das führt zu der Frage, wer diese Menschen sind, und dabei stößt man bereits auf eine wirkliche Herausforderung, denn die Datenlage gestaltet sich unübersichtlich und es bedarf verschiedenster Quellen, um sich überhaupt ein ungefähres Bild machen zu können.

Statistiken gibt es viele, doch sie unterscheiden sich in der Methodik massiv. Mal verschiebt sich die Altersgrenze (Reichweite: 15 bis 29), mal werden die in unserem Land herrschende Schulpflicht, durchgeführte staatliche Maßnahmen oder stockende Integrationsprozesse berücksichtigt, dann wieder nicht, und so setzt sich das fort.

Von verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren beeinflusst

Einige Studien landen bei nur 800’000 NEETs, andere wiederum identifizieren mehr als 1,2 Millionen Betroffene in Deutschland. In der Summe vermag aber auch das nichts daran zu ändern, dass jede Anzahl viel zu groß ist, um sie zu ignorieren.

Die Individuen, von denen in diesem Rahmen gesprochen wird, sind heterogen und werden von verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren beeinflusst. Trotzdem gibt es Indizien – eines ist wohl, dass rund 600’000 junge Menschen in Deutschland zwischen 18 und 24 Jahren Bürgergeld beziehen.

Höherer Anteil mit Migrationshintergrund

Ein weiterer Faktor ist der Migrationshintergrund. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Deutschen Jugendinstituts (DJI) lag der Anteil der NEETs unter jungen Menschen mit Migrationshintergrund im Jahr 2020 bei etwa 13 Prozent, während er bei jungen Menschen ohne einen solchen bei rund 6 Prozent lag.

Die Gesellschaft ist in unzählige kleinere Lebenswirklichkeiten zerfallen, die alle ihre ureigenen Vorstellungen von Normalität, einem guten Leben oder dem richtigen Verhalten haben.

 

In Ostdeutschland ist die NEET-Quote tendenziell höher als in Westdeutschland. Männer nehmen mit knapp 60 Prozent einen dominierenden Anteil ein.

Wie hoch der Anteil derjenigen ist, die gute oder zumindest ordentliche Voraussetzungen haben, sich aber bewusst dafür entscheiden, sich temporär oder dauerhaft den gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen? Dafür gibt es keine Zahlen.

Warum machen so viele junge Menschen nichts?

Bei den Ursachen für die Untätigkeit muss ähnlich differenziert vorgegangen werden. Zuerst sind die “üblichen Verdächtigen” zu nennen: Abgehängte Milieus, wenig Zugang zu Ressourcen, kaum Unterstützung, mangelhafte Bildung, persönliche und gesundheitliche Probleme, regionale Unterschiede, Migrationshintergrund, Sprachbarrieren, Wohlstandsverwahrlosung – alles Faktoren, die weitgehend bekannt sein dürften, auch wenn es uns als Gemeinschaft offenbar nicht gelingt, sie zufriedenstellend zu bearbeiten.

Trotzdem müssen wir auch über die Begriffe Normalität und digitales Umfeld reden, denn dies sind zwei Schlüsselfaktoren unserer so schnellen und dynamischen Zeit, die historisch gesehen erst eine Nebenrolle spielten und nun wahre Protagonisten auf der gesellschaftlichen Bühne sind.

Was ist die Norm? Unsere Gesellschaft massiv gewandelt

Der erste Punkt ist die gängige Vorstellung von Normalität, wobei wir uns ganz auf das Themengebiet begrenzen und daher eher von gesellschaftlichen Erwartungen sprechen wollen. Grundsätzlich gibt es vielfach noch die Vorstellung eines Konsenses, dass ein Studium oder eine Ausbildung sowie eine anschließende Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit einer gewünschten Norm entspricht. Ein Ideal, das Gewohnte. Tatsächlich hat sich aber unsere Gesellschaft massiv gewandelt.

Sie ist in unzählige kleinere Lebenswirklichkeiten zerfallen, die alle ihre ureigenen Vorstellungen von Normalität, einem guten Leben oder dem richtigen Verhalten haben.

Milieus, die sich teilweise abgekoppelt haben und nicht selten nur noch eine ganz schwache Verbindung zu dem einenden Band und den mutmaßlich allgemein akzeptierten Vereinbarungen des Landes besitzen.

Daher spielen vermeintliche gesellschaftliche Grundüberzeugungen, wie beispielsweise die berufliche Aktivität oder der Leistungsgedanke, für sie keine herausragende Rolle, sondern andere Zustände wirken individuell attraktiver. Das klingt banal, aber es beschreibt die heutige Realität vieler Lebenswirklichkeiten. Keine Abweichung von der Norm, sondern neue Normalitäten und damit auch Identitäten.

Der sanfte Druck der Gemeinschaft verfängt nicht mehr

Diese haben heute bei jungen Menschen in vielen Fällen allerdings auch etwas mit der digitalen Konditionierung zu tun. Die virtuelle Welt rückt das Individuum in den Mittelpunkt, macht es zum König in der eigenen Welt. Eine Einbettung, die nicht selten das Selbstwertgefühl steigert und auch emotional unabhängiger vom Lob und Tadel der echten Welt macht.

Der sanfte Druck der Gemeinschaft verfängt nicht mehr, wenn er denn von dem spezifischen Milieu überhaupt jemals wahrgenommen und anerkannt wurde. Belohnungen gibt es unmittelbar, gerne per Klick. Wozu dann noch Anerkennung – und diese ist zweifellos eine bedeutende Triebfeder menschlichen Handelns – woanders suchen? Etwa im Beruf?

Wie sollte mit dem NEET-Phänomen umgegangen werden?

Unabhängig davon und von der genauen Anzahl stellen die NEETs am Ende ein gigantisches Potenzial dar, das langfristig besser genutzt werden muss. Um dem entgegenzuwirken, ist es notwendig, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, diese konsequent zu erforschen und die Vorgehensweisen anzupassen.

Es bedarf allerdings auch einer Verständigung auf allgemeingültige Normen – letztendlich eines neuen Gesellschaftsvertrags, in dem wir klären müssen, wer wir sind und wohin wir wollen.

 

Dazu gehören Maßnahmen wie Förderprogramme, Bildungsinitiativen, intensive Berufsvorbereitung, die Erforschung der digitalen Konditionierung sowie psychosoziale Unterstützung und gezielte Identitätsbildung.

Es bedarf allerdings auch einer Verständigung auf allgemeingültige Normen – letztendlich eines neuen Gesellschaftsvertrags, in dem wir klären müssen, wer wir sind und wohin wir wollen.

Letzteres ist eine Herausforderung, der unsere zersplitterte Gesellschaft in der aktuellen Lage nicht gewachsen scheint. Aber so ist es eben; die Geschichte wartet nie auf den richtigen Moment, sondern fordert stetige Anpassung und aktives Handeln.

 

Andreas Herteux ist Wirtschafts- und Sozialforscher und Autor des Standardwerks zur Geschichte der Freien Wähler (FW). Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.

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