Letzthin geriet mir wieder einmal die Bildungsangebot von éduaction 21 in die Hände. Education 21 ist das nationale Kompetenzzentrum für Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Es arbeitet vor allem mit Schulen, Lehrpersonen, pädagogischen Hochschulen, Bund und Kantonen zusammen. Education 21 wird hauptsächlich mit öffentlichen Gelder unterstützt.

Beat Zemp, der ehemalige Präsidenten des Schweizerischen Lehrerverbandes, machte sich Sorgen um die Umwelt. Der LCH war – das muss man fairerhalber sagen – nicht der einzige, der sich hinter die Ziele der BNE gestellt hat. Unzählige Dozentinnen in den Pädagogischen Hochschulen, die Beisitzer in den Thinktanks diverser Umweltverbände, Bildungspolitiker in den Parlamenten sowie die zahlreichen mit staatlichen Geldern subventionierten Mahnerinnen in den Gremien der Agenda 21 drängen in den florierenden Bildungsmarkt. Deshalb steht in dieser Charta auch: „Zur Förderung einer Nachhaltigen Entwicklung ist es von zentraler Bedeutung, BNE im Lehrplan 21 entsprechend zu berücksichtigen.“ Vor allem der Wachstumszwang unseres auf Ausbeutung der Umwelt beruhenden Wirtschaftssystems war Herrn Zemp ein Dorn im Auge. Das gilt natürlich nicht für das Wachstum der Löhne, die der Lehrerverband in Zürich zurzeit wieder tüchtig anmahnt.

Beim Durchforsten der Homepage von Education 21 kann einem der kalte Schauer den Rücken hinunterlaufen. Derart offensichtlich ist hier der Versuch, kleine Kinder mit ideologiebehafteter Weltrettungsprosa in einen homini naturae zu verwandeln. Und was noch schlimmer ist: Auf der Strecke bleiben in der Regel Naturexpeditionen, Morgenspaziergänge, Vogel- und Wiesenblumenbestimmung, physikalische Experimente, Neugier und Forschergeist. Meine Söhne haben in der Unterstufe nie eine Blumenwiese betreten, keine Pflanzen bestimmt, keine Tiere im Klassenzimmer gehalten. Sie wurden mit Arbeitsblättern und Dok-Filmen bombardiert, mit Unterricht, der keine offene Lösungsstrategie zulässt, weil er mit massiven Glaubenssätzen behaftet ist.
Eine Perversion von Unterricht
Es ist eine Perversion von Unterricht, die sich da abspielt, und bedeutet die Umkehr aller pädagogischen Werte, Werte, die auf Mündigkeit setzen und dem Findungsgeist der Kinder Raum lassen. Er ist zutiefst antiwissenschaftlich, denn die Wissenschaft ist immer der letzte Stand des Irrtums, Zweifeln und Kritik sind Pflicht. Deprimierend ist auch die Erkenntnis, mit wie viel Geld man die vielen Menschen aus dem realen Unterricht weggelockt hat, damit sie solche Lernprogramme in die Welt setzen und mit einem aktiven Lobbying deren Implantierung in den Unterricht vorantreiben, während die Praxis unter einem chronischen Geldmangel leidet.
Vermutlich würden viele dieser Möchtegern-Weltenretter den Anforderungen eines modernen Unterrichts auch gar nicht standhalten.
Vermutlich würden viele dieser Möchtegern-Weltenretter den Anforderungen eines modernen Unterrichts auch gar nicht standhalten. Deshalb widmen sie sich ihrer Bestimmung: Die Berufung als umwelterziehender Schreibtischtäter. Das ist bedeutend bequemer, als mit 16 pubertären Schülern Vogelstimmen zu lauschen. Ein Trost dabei ist die Erfahrung, dass solche scholastischen Unterrichtsmethoden sich in der Regel als wirkungslos erweisen. Je älter die Kinder werden, desto mehr wehren sie sich gegen Bevormundung und Indoktrination.


Die heutige Präsidentin des LCH, Dagmar Rösler, meinte dagegen, dass die Forderung nach Fokussierung auf den Kernauftrag der Schule, die Vermittlung der Kernkompetenzen, nicht zielführend sei und einem veralteten Bildungsdenken anhänge.
In seiner Antwort vom 2. September 2026 auf die Umfrage der «economie suisse «unter den Lehrbetrieben (https://condorcet.ch/wp-content/uploads/2026/09/Stellungnahme-LCH-zur-Umfrage-Grundkompetenzen-1.pdf) bestätigte der LCH noch einmal diese Haltung. Er warnt vor voreiligen Schulzuweisungen und mahnt ein wissenschaftliche Untersuchung der Ursachen an. Grundsätzlich aber behauptet er, dass nicht die Ausweitung des Wunschkatalogs bei den Bildungszielen und die masslose Überfrachtung des Lehrplans 21 mit über 2000 Kompetenzzielen für das schlechten Resultate bei den Grundkompetenzen sei, sondern die mangelnde finanzielle Unterstützung all dieser Ziele.
Und er appeliert an eine gemeinsame Verantwortung. Der Berner Bildungsökonom, Professor Wolter, beschrieb diese Argumentation schon am 4. März 2025 in der NZZ:
Es gibt bei uns Reformen, die gross angekündigt und mit schönen Worten beschrieben werden – aber nie wird die Abmachung getroffen, welches Ziel damit eigentlich erreicht werden soll, und noch viel wichtiger: wie man die Zielsetzung einmal auch überprüfen will. So stehlen sich alle aus der Verantwortung.
Ich wasche meine Hände in Unschuld, meinte schon einmal ein römischer Statthalter.
Zur Erinnerung: Der LCH organisiert knapp die Hälfte der Schweizer Lehrpersonen. An meinem letzten Arbeitsort waren von 46 Lehrkräften nur deren vier eingeschriebene Mitglieder von Bildung Bern.


Keine Rosen für Rösler!
Und die Agenda Zemp setzt auf das letzte Hemd.
Genau diese ideologische Verbrämung hat die Schulen nachhaltig zerstört. Die Wirtschaft reagiert und stellt klar, dass es nicht an den Lehrbetrieben ist, Nachschulungen zu übernehmen und nicht behobene Erziehungsdefizite aufzufangen. Recht so. Die Bildungspriester lernen es vielleicht nur noch auf die harte Tour. Oder sie lernen es nie.
Wenn es aber um Webseiten geht, die BNE anpreisen oder erläutern, dann zeigt man gerne ein Mikroskop oder irgendetwas aus der Natur:
https://www.bne.nrw/bildungsbereiche/schule/leitlinie-bne-alt/kapitel-3/
Dort gehört auch die Praktische Philosophie dazu. Zitat:
“Das Verständnis für weltanschauliche, religiöse und ideengeschichtliche Positionen ist Grundlage für interkulturelle und intrakulturelle Toleranz und ermöglicht kognitive, emotionale und soziale Orientierungen. Das Fach Praktische Philosophie ist auf die zusammenhängende Behandlung von Sinn- und Wertefragen gerichtet.”
Diese BNE-Agentur NRW ist die Fach- und Koordinierungsstelle für Bildung für nachhaltige Entwicklung des Landes Nordrhein-Westfalen.
Die gründliche EU-Bürokratie hat sogar gemeinsame BNE-Richtlinien für die ganze EU formuliert (die Schweiz ist natürlich davon unabhängig):
https://esdsupervision.eu/wp-content/uploads/2023/10/ESD_SuVi_IO1_Framework_de.pdf
Der LCH, die PHs und viele Schulleitungen tragen die Hauptverantwortung für dieses Schlamassel. Sie klammern sich verbohrt an ihre Ideologien und drücken sie den Lehrpersonen autoritär auf, gegen jede praktische Erfahrung, gegen jede Warnung. Statt Einsicht liefern sie Ausreden.
Wer sich nicht prüft, verliert den Anspruch zu führen.
Genau das tun sie: Sie führen nicht, sie verwalten ihre Irrtümer und verschärfen damit die Lernkrise.