Lieber Alain
In einem Punkt sind wir uns einig: Die Verfassung ist kein Gästebuch. Deshalb gehören dort weder Frühfranzösisch noch Lektionentafeln, Lehrmittel, Integrationsmodelle oder deine und meine Lieblingsrezepte für eine bessere Schule hinein. Dort gehören Grundsätze hin.

Und genau das tut die Bildungsinitiative. Sie verlangt flächendeckend hohe Bildungsqualität, genügend qualifizierte Lehr- und Fachpersonen und dass deren Arbeit den Schülerinnen und Schülern zugutekommt. Wie diese Ziele erreicht werden, schreibt sie bewusst nicht vor. Der Kanton selbst hält fest, dass bei einem Ja ein «grosser Handlungsspielraum» besteht und Regierung und Grosser Rat über rechtliche Grundlagen, Massnahmen und finanzielle Mittel entscheiden.
Dein Text liefert übrigens selbst gute Argumente dafür, weshalb Handlungsbedarf besteht: Du beklagst sinkende Leistungen, Probleme bei den Grundkompetenzen, Überadministration, Fehlentwicklungen bei Reformen und Lehrkräftemangel.
Genau darüber sollten wir diskutieren. Aber daraus folgt doch nicht, dass Qualitätsansprüche unverbindlich bleiben sollen.
Auch aus «notwendigen Mitteln» wird durch häufiges Wiederholen nicht «immer mehr Geld ins System pumpen». Die Initiative nennt weder einen Betrag noch eine Ausgabenquote. Niemand behauptet, dass mehr Geld automatisch bessere Bildung schafft. Es geht nicht um möglichst viel Geld. Es geht um genügend Mittel für gute Bildung. Über deren Höhe entscheidet weiterhin die Politik.
Und beim Lehrkräftemangel geht es ebenfalls nicht darum, Menschen «modellieren» zu können. Wir können aber sehr wohl beeinflussen, wie attraktiv der Beruf ist, wie viele Menschen ausgebildet werden, ob Quereinsteigende unkompliziert nachqualifiziert werden können und wie viel ihrer Arbeitszeit tatsächlich bei den Kindern ankommt. Politik kann Rahmenbedingungen gestalten – genau dafür ist sie da.
Am Ende ist die Frage erstaunlich einfach: Wenn wir uns einig sind, dass Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen sollen, dass sie von qualifizierten Menschen unterrichtet werden sollen und dass gute Bildung für Wirtschaft, Chancengerechtigkeit und Demokratie entscheidend ist – warum sollte sich der Kanton Bern dazu nicht verbindlich bekennen?
Unsere Kinder haben nur eine Schulzeit. Die Verfassung ist kein Gästebuch. Aber die Qualität ihrer Bildung ist auch kein unverbindlicher Wunsch.
Und so steht es auch mit dem Vorwurf der «Lobbyvorlage»: Ja, wenn man so will, ist die Bildungsinitiative Lobbyarbeit. Lobby für Kinder und Jugendliche, die ihre Interessen politisch nicht selbst vertreten können. Lobby für gute Bildung und Ausbildung. Lobby für eine starke Demokratie. Und übrigens auch Lobby für unsere Wirtschaft, die auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen ist.
Wenn sich Lehrpersonen, Eltern, Bildungsorganisationen und weitere Verbände gemeinsam dafür einsetzen, dass unsere Kinder eine gute Bildung erhalten, ist das für mich kein Argument gegen die Initiative. Es ist ein ziemlich gutes Argument dafür.
Am 27. September: Ja zur Bildungsinitiative.


Lieber Manuel
Als ehemaliger und langjährig in der Berufsbildung aktiver Player und heutiger Grosspapa von schulpflichtigen Volksschulkindern äussere ich mich gerne zu den beiden Hauptanliegen der Bildungsinitiative, die klar zusammengehören:
(1) Bildungsqualität: Man wird nicht darum herumkommen, das Unterrichten wiederum als Kernaufgabe zu positionieren. Die angeblichen Reformen der letzten Jahre – im Nachgang zur Inkraftsetzung des LP21 – waren mehrheitlich Nebenschauplätze und haben ihre Wirkung für eine bessere Schule verfehlt.
(2) Qualifizierte Lehr- und Fachpersonen: Die Rolle als Lehrperson – für das sie auch top-ausgebildet sind – behagt vielen Pädagoginnen und Pädagogen nicht mehr. Zu viele verlassen die Schule, weil sie nicht mehr ausreichend unterrichten können.
Beides sind Anliegen, die in das Portfolio der Bildungsverantwortlichen gehören. Es sind das die EDK, die Kantone, die Gemeinden und letztlich die einzelnen Schulleitungen. Letztere sollten den Mut haben, ab und zu nein zu sagen und sich gegen fragwürdige Reformen wehren, die aus ihrer Sicht nichts bringen. Meines Erachtens gehört das zu einer guten Schulführung.
Lieber Niklaus
Genau so. Herzlichen Dank.
Hohe Bildungsqualität zu verlangen ist m. E. politisches Gefasel ohne Inhalt. Wenn es denn wirklich um Qualität ginge, so müssten gerade die Grünen hinstehen und bekennen: Wir haben Fehler gemacht. Daraufhin dann der nächste Schritt: Zurück zu den Wurzeln. Weg mit dem Reformfilz.
Aber genau das wollen die Initianten eben nicht. Da gebe ich Alain Pichard vollkommen recht. Die Initiative ist ein Feigenblatt für den Erhalt und Ausbau des Reformmülls.
Eine von über 20’000 Personen unterschriebene und eingereichte Initiative sls Gefasel abzukanzeln, zeugt in meinen Augen von mangelndem Respekt im demokratischen Diskurs. Sie implizieren, dass wir uns nicht eingehend mit der Materie befasst und leichtfertig eine Verfassungsinitiative eingereicht hätten. Das Gegenteil ist der Fall – der Lancierung ging ein intensiver Prozess voraus.
Auch von mangelndem Demokratieverständnis zeugt der Vorwurf, die Grünen seien für aktuelle Probleme in der Bildung verantwortlich. Dafür hätten wir irgendwann eine Mehrheit gebraucht – denn ohne Mehrheit kann man nicht einmal Fehler machen in diesem Kanton.
Was wir aber können, ist, diese Probleme gemeinsam angehen, statt uns in Schuldzuweisungen zu üben.
“Sie verlangt flächendeckend hohe Bildungsqualität, genügend qualifizierte Lehr- und Fachpersonen und dass deren Arbeit den Schülerinnen und Schülern zugutekommt.”
1. Man definiere Bildungsqualität.
2. Was heisst “genügend …LP”? In Basel kann man ja sehen, dass eine Aufstockung nichts daran ändert, dass die Leistungen im Keller sind
Einfach nach “mehr Ressourcen” zu rufen, so wie auch gestern wieder in der Tagesschau durch Frau Rösler, reicht einfach nicht!
Die Elefantenherde im Raum trompetet wieder: Gescheiterte Reformen…
Die Bildungsinitiative ist gut gemeint, bestärkt aber nur dieses Rufen nach Ressourcen.
Lieber Niklaus
Exakt! Das sind die Baustellen. Wie kann ich sicher sein, dass genau diese Baustellen mittels Bildungsinitiative auch angegangen werden?
Sicher sein können Sie nicht. Aber ein Verfassungsauftrag hat eine andere Verbindlichkeit als ein Gesetz oder ein parlamentarischer Vorstoss. Und wenn die gewählten GrossrätInnen und RegierungsrätInnen ihren geschworenen Eid auf die Verfassung ernst nehmen (würden), müssten sie gemeinsam alle Anstrengungen unternehmen, diesen Auftrag zu erfüllen.
Sicher sein können Sie nicht. Aber ein Verfassungsauftrag hat eine andere Verbindlichkeit als ein Gesetz oder ein parlamentarischer Vorstoss. Und wenn die gewählten GrossrätInnen und RegierungsrätInnen ihren geschworenen Eid auf die Verfassung ernst nehmen (würden), müssten sie gemeinsam alle Anstrengungen unternehmen, diesen Auftrag zu erfüllen.
Der vorgeschlagene Verfassungszusatz wird ein Papiertiger bleiben. Wirkungsvoller wäre es, wenn in einem weiteren Zusatz ein definiertes Gremium postuliert würde, das die Qualitätskriterien bestimmt, und eine Instanz, die den Lernerfolg jeweils prüft.
Wenn ich nicht sicher sein kann, dass diese eklatanten Schwächen der Reformen endlich angehangen werden, dann ist das leider für die Katz.