1. September 2026
Ein Interview mit der "strengsten Schulleiterin" in England

Britische Star-Pädagogin Birbalsingh: «Die Generation Alpha wird ein Albtraum»

Nicht ganz ohne stolz stellen wir fest, dass der Condorcet-Blog Katharine Birbalsingh schon vor vier Jahren “entdeckt” hat. Heute nehmen sie auch unsere Leitmedien wahr. Es erscheinen immer mehr Interviews und Porträts über diese bemerkenswerte Schulleiterin, die durchaus auch vielen Leserinnen und Lesern des Condorcet-Blogs aus dem Herzen spricht. Hier bringen wir einen Artikel, der zuerst in der NZZ erschienen ist.

Frau Birbalsingh, Sie sprechen oft über die Generation Z: überfordert, empfindlich, in der Arbeitswelt anspruchsvoll. Woher kommt das?

Das alles hat mit der Art zu tun, wie sie aufgezogen wurden. Die Eltern wollen heute die Freunde ihrer Kinder sein. Und wer die Kinder diszipliniert, bekommt ein schlechtes Gewissen eingeredet. Man nennt mich «Grossbritanniens strengste Rektorin», als sei streng gleichbedeutend mit gemein. Dabei bedeutet streng zu sein, dass man sein Kind genug liebt, um die eigenen Massstäbe hochzuhalten. Es ist einfacher, dem Kind beim Wutanfall den Keks zu geben, als hart zu bleiben. Wir geben unseren Kindern seit Jahrzehnten den Keks – und ernten jetzt die Folgen.

Sie plädieren stattdessen für bürgerliche Werte. Wo haben Sie diese aufgenommen?

Von meinen Eltern, obwohl sie links standen. Sie brachten mir bei, wie wichtig Eigenverantwortung ist, mich nicht als Opfer zu sehen sowie Pflichten gegenüber anderen wahrzunehmen: Man ist Teil eines Teams, und das eigene Verhalten fällt nicht nur auf einen selbst zurück. Man sollte dankbar sein für das, was man hat, statt ständig Ansprüche zu erheben. All diese Werte sind entscheidend für ein würdevolles Leben.

Die Pädagogin und Publizistin leitet die Michaela Community School in London und schrieb mehrere Bücher zu Erziehung. Von 2021 bis 2023 beriet sie die britische Regierung als Vorsitzende der Kommission für soziale Mobilität. Diesen Sommer startete ihr Podcast «Strictly Education»

Sie sagen, die westliche Schule sei mitverantwortlich für den Niedergang dieser Werte.

Die kleinbürgerlich-konservativen Werte, die früher selbstverständlich waren, existieren kaum noch. An ihre Stelle ist die Opferrolle getreten. Man kann Schwarzer sein, Mädchen, Junge, schwul, trans, psychisch belastet. Es gibt viele Kategorien, über die man sich Opferstatus verschaffen kann. Es existiert eine regelrechte Opferhierarchie, nicht nur in der Schule, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Jeder wetteifert darum, weil einen das im sozialen Gefüge nach oben bringt. Früher wurde bewundert, wer Hindernisse überwand. Heute bewundert man, wer das grösste Opfer ist.

Interessant, dass Sie den Sport erwähnen.

Ist das wirklich so verbreitet? Viele Kinder hier in der Schweiz wollen doch auch heute noch die Besten in Schule und Sport sein.

Es ist interessant, dass Sie den Sport erwähnen: Sport ist die eine Ausnahme. Da versteht jeder: Man muss ein bestimmtes Niveau erreichen, sonst reicht es nicht. Mathematik, Sprachen, Geschichte und generell Geisteswissenschaften sind dagegen an unseren Schulen praktisch zerstört worden. In der Schweiz dürfte das weniger ausgeprägt sein, weil das Land keine grosse koloniale Vergangenheit hat und neutral war. Das bedeutet weniger «weisse Schuldgefühle».

Wie wirken sich diese Schuldgefühle auf den Geschichtsunterricht aus?

In Grossbritannien, den USA, Kanada wird Geschichte zunehmend als Abfolge von Unterdrücker-Unterdrückte-Narrativen erzählt. Dabei besteht Geschichte eigentlich aus vielen eher unspektakulären Dingen, wie beispielsweise der Entwicklung von Institutionen und Gesetzen. Aber weil Lehrer den Unterricht «relevant» machen wollen, greifen sie zum Emotionalen. Kein Wunder, dass diese Generation so emotional ist.

Sie vertreten eine ähnliche Philosophie wie Amy Chua in den USA, die ebenfalls dafür plädiert, mehr von den Kindern zu verlangen. Sie sind beide Frauen mit Migrationshintergrund. Braucht es Migranten, um dem Westen zu erklären, wie man Kinder erzieht?

Ja. Westliche, weisse Menschen sind einfach zu entspannt und nehmen das Thema nicht ernst genug. Viele fühlen sich dabei unwohl und schweigen lieber. Ich erzähle oft folgende Geschichte: Zwei kleine Jungen lösen dieselbe neue Aufgabe erfolgreich. Die westliche Familie sagt: «Du bist wirklich klug.» Die östliche Familie sagt: «Du hast hart gearbeitet.» Beim nächsten unbekannten Problem denkt der westliche Junge: Bin ich klug genug? Der östliche Junge denkt: Ich muss nur hart arbeiten. Wenn ein armes Kind in Mathematik schwächelt, heisst es bei uns: Das ist nicht seine Schuld. Man schickt es zum Psychologen, statt zu sagen: Es muss einfach mehr üben.

Man verschwendet das Leben eines Kindes, wenn es nur zusieht, wie Papierflieger durch den Raum fliegen.

Sie sind selber das Produkt westlicher Schulen, waren in Kanada und später in Oxford. Wie passt das zu Ihrer heutigen Kritik?

Ich erinnere mich an das Chaos in meinem Klassenzimmer. Ich sass vorne und dachte: Warum schafft es der Lehrer nicht, für Ruhe zu sorgen? Wir lernen so ja nichts. In Oxford merkte ich dann, dass ich eigentlich nichts wusste, und ich musste mir vieles selbst beibringen, weil ich es in der Schule nie gelernt hatte. Man verschwendet das Leben eines Kindes, wenn es nur zusieht, wie Papierflieger durch den Raum fliegen.

Wissen ist wie Kleiderhaken im Kopf: Je mehr man hat, desto mehr kann man daran aufhängen.

Trotzdem kommen die meisten grossen Tech-Konzerne aus dem Westen, und hier gibt es immer noch die meisten Patente. Hat westliche Bildung nicht weiterhin einen Vorteil und schafft mehr kreative Menschen?

Das liegt nicht am Schulsystem, sondern an der Kultur. Im Osten gilt: Man schneidet die hohen Mohnblumen ab, Ehrgeiz gilt als unhöflich. Im Westen heisst es: Sei innovativ, denke selbst. Entscheidend für Kreativität ist zudem Wissen. Shakespeare, Newton, James Cook hatten enormes Wissen und eine traditionelle Bildung. Wir im modernen Westen glauben, Kreativität bedeute, zu tun, was man wolle. Das stimmt nicht. Wenn Sie mir ein Auto hinstellen und sagen würden, ich solle ein neues Auto entwerfen, wüsste ich nicht, wo ich anfangen soll, denn ich weiss nichts über Autos. Kreativ kann man nur mit dem sein, über das man auch etwas weiss. Wissen ist wie Kleiderhaken im Kopf: Je mehr man hat, desto mehr kann man daran aufhängen.

Sie setzen in Ihrer Schule auf Patriotismus. Braucht es nationalen Stolz, um Kinder zu erziehen?

Unbedingt, gerade bei einer multikulturellen Schülerschaft. Wenn nicht das Land alle zusammenhält, muss etwas anderes diese Rolle übernehmen. Früher war das die Religion. Fehlt sie, muss es die Nation sein. Sorgt jeder nur für die eigene Gruppe, führt das zu Bürgerkrieg. Vor unserer Schule weht die britische Flagge. Heute ist das selten geworden, viele Schulen hissen stattdessen Pride- oder palästinensische Fahnen. Wir singen britische Lieder wie «God Save the King» und «Jerusalem». Das heisst nicht, dass wir das Land nicht kritisch sehen, aber wir sind stolz darauf, zu etwas Grösserem zu gehören.

Fehlt das Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Land, suchen Kinder es woanders, in einer Gang, in einer Bewegung. Sie werden wütend und lernen wenig. Das ist keine Kreativität, das ist bloss Wut.

Ist es nicht widersprüchlich, den König zu feiern und gleichzeitig zum kritischen Denken zu erziehen? 

Nein. Denken Sie an eine Familie. Sie bringen Ihren Kindern nicht bei, Sie zu hassen. In einem sicheren Umfeld kann ein Kind kreativer sein. Das heisst nicht, dass wir nicht die echte Geschichte beibringen, auch über den britischen Kolonialismus. Fehlt das Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Land, suchen Kinder es woanders, in einer Gang, in einer Bewegung. Sie werden wütend und lernen wenig. Das ist keine Kreativität, das ist bloss Wut.

Was ist Ihre Mission?

Meine Mission ist es, dafür zu sorgen, dass alle verstehen, wie wichtig Kinder für sämtliche gesellschaftlichen Debatten sind. In der Schweiz spürt man diese Dringlichkeit vielleicht noch nicht, weil das Land nicht am Rand des Abgrunds steht wie Grossbritannien. Ich verstehe, dass man sich mit diesen Problemen nicht auseinandersetzt: Man geht am Freitagabend in den Pub, bringt am Samstag das Kind zum Ballett, geht am Montag arbeiten. Aber während man beschäftigt ist, fällt das Land langsam auseinander, seit Jahrzehnten schon. Wir stecken in Grossbritannien in Schwierigkeiten, und ich versuche, die Fahne hochzuhalten.

Haben Ihr öffentliches Engagement und Ihre Schule tatsächlich etwas bewirkt?

Ja, definitiv. Unsere Schüler haben die besten Testresultate in ganz London. Viele unserer Methoden haben sich verbreitet, ich erhalte Briefe von Lehrern aus aller Welt. Unsere Schule macht drei Dinge anders: erstens Strenge und Disziplin, zweitens ein traditionellerer Unterricht, bei dem der Erwachsene die Autorität ist, drittens traditionelle Werte. Bei der Disziplin habe ich es geschafft, beim Unterricht sind wir auf dem Weg. Die Werte sind die letzte, noch nicht eroberte Grenze.

Wenn ich ausgebildete Lehrer einstelle, muss ich sie zuerst umschulen. Die Art, wie man Lehrern heute das Unterrichten beibringt, ist falsch.

Sie stellen bewusst auch Lehrer ohne formale pädagogische Ausbildung ein. Warum?

Wenn ich ausgebildete Lehrer einstelle, muss ich sie zuerst umschulen. Die Art, wie man Lehrern heute das Unterrichten beibringt, ist falsch. Die Ausbildung ist von diesem Opfergruppen-Denken durchdrungen. Man erwartet von einem Kind aus einer benachteiligten Gruppe nicht dieselben Hausaufgaben wie von einem weissen Mittelschichtskind. Das halte ich für falsch. Ähnliches passierte auch im Fall Henry Nowak: Ein weisser Jugendlicher wurde von einem Sikh erstochen. Die Polizei half ihm aber nicht, weil sie dem Täter glaubte, der behauptete, er sei das Opfer von Rassismus. Schon in Polizei-Handbüchern steht geschrieben, dass man verschiedene Gruppen unterschiedlich behandeln muss. Die Polizei hat dann diese Opferhierarchie im Kopf und schaut nicht mehr auf die einzelnen Menschen. Manchmal wird das explizit gesagt, manchmal nicht, aber es ist die dominante Kultur, die niemand hinterfragt. Viele Lehrer bemerken es nicht einmal.

Ihre Rede beim Verein «Alliance for Responsible Citizenship» ging kürzlich viral. Sie machten dort die Schule für den Niedergang des Westens verantwortlich. Gab es Kritik?

Interessanterweise kaum. Nach der Rede sagten alle: «Mein Gott, sie hat recht!» Und ich dachte: Warum muss ich euch das erst sagen? Warum wisst ihr das nicht selbst? Viele Weisse fühlen sich bei diesem Thema unwohl und schweigen deshalb lieber.

Ein Thema in den britischen Schulen ist der zunehmende Einfluss des Islam. Auch an Ihrer Schule gab es einen Rechtsstreit um das islamische Gebet. Worum ging es genau?

Eine Mutter hat uns verklagt, weil wir keinen muslimischen Gebetsraum anbieten, aber wir haben den Fall gewonnen. Es gibt bis heute kein Gebet bei uns. Ich müsste die Kinder trennen, um das Gebet zu ermöglichen, was den Werten unserer Schule widerspricht. Wenn muslimische Mädchen ihr Haar bedecken, trennt das die Kinder dagegen nicht. Das erlauben wir deshalb.

Es gab in Deutschland und der Schweiz mehrere Fälle, in denen Jungen sich weigerten, Lehrerinnen die Hand zu geben. Wie würden Sie reagieren?

Das wäre inakzeptabel. Das ist bei uns ein paarmal vorgekommen. Wir haben dann die Eltern einbestellt und klargemacht: Das sind die Regeln der Schule. Als wir 2014 unsere Schule eröffneten, hatten wir 30 Prozent muslimische Schüler, heute sind es 60 Prozent. Die muslimischen Familien kommen offensichtlich gut damit klar, dass es kein Gebet gibt. Das Problem ist eher, dass weisse Menschen zu sehr bemüht sind, sich nach allen möglichen Kulturen zu richten.

Wie setzen Sie das durch?

Man muss sich über die eigenen Werte klar werden und dann für sie einstehen. Wer stattdessen aus schlechtem Gewissen unsicher und schwach ist, sagt am Ende jeder Minderheit: Wir tun, was ihr wollt. Auch unsere Zeugen-Jehovas-Kinder mögen es nicht, dass wir Shakespeares «Macbeth» mit seinen Hexen unterrichten, und manche Hindu-Familien wollen nicht, dass ihre Kinder Teller benutzen, die zuvor mit Zwiebeln oder Knoblauch in Berührung gekommen sind. Wir sagen dann jeweils: Das ist die Schule, an der ihr seid, ihr müsst mitmachen.

Teacher at a chalkboard holds a notebook while students raise their hands to answer in a classroom scene
Fürsorglich und liebevoll zu einem Kind zu sein, bedeutet auch, die Linie zu halten. Das ist kein Frauenproblem, das ist ein Problem von allen.

Bildung ist heute vor allem eine Frauendomäne. Frauen sind im Durchschnitt linker. Ist das auch ein Grund dafür, dass Schulen zunehmend woke wurden?

Die Schulleiterinnen der 1950er Jahre waren wie ich. Man verstand damals klar: Fürsorglich und liebevoll zu einem Kind zu sein, bedeutet auch, die Linie zu halten. Diese Klarheit haben wir verloren. Allerdings halten auch die Männer im Lehrberuf die Linie nicht besser. Insofern würde ich eher sagen: Es ist ein Problem von allen.

Sie haben scharfe Worte für die Generation Z. In Ihrer Schule sitzt aber bereits die Generation Alpha in den Bänken. Wie sieht Ihre Prognose für diese aus?

Erschreckend. Sie sehen alles durch die Linse der Opferrolle. Sie wissen nichts, weil man ihnen nichts beigebracht hat, ihr Gehirn ist durch die sozialen Netzwerke durcheinandergebracht. Wir hinterlassen eine beschädigte Generation, ständig ängstlich, mit Depressionen. Es wird ein Albtraum.

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