12. Oktober 2026
Lesekompetenz

Deutschförderung ist eine Verbundaufgabe

Bei der Frage der Leseförderung wird die Bedeutung der Realienfächer oft unterschätzt. Für Condorcet-Autor Hanspeter Amstutz ein Fehler.

Teacher and diverse group of children gathered around a globe in a library, examining maps together.

Das Leseverstehen speist sich aus drei Quellen: Dem Zuhören von Geschichten, aus der Welt der Bücher und aus den Erkenntnissen im Sachunterricht. Alle drei Zugänge sind heute teils verstopft. Die sprachfördernde Erzählkunst wird an den Pädagogischen Hochschulen zu wenig trainiert, der Welt der Bücher stehen die Kurzfuttertexte der digitalen Medien gegenüber und der Realienunterricht ist an der Volksschule oft nur rudimentär.

Hanspeter Amstutz, ehemaliger Sekundarlehrer: Die Bedeutung des Realienunterrichts wird unterschätzt.

Über den Wert von Geschichten für Kindergartenschüler muss man nicht viele Worte verlieren. Doch wenn man weiss, was ein spannender Geschichtsunterricht mit attraktiven Erzählungen in der Volksschule eigentlich bieten könnte, ist die Frustration über das langweilige Abhaken von Arbeitsblättern in vielen Klassen umso grösser. Dabei gehören spannende Erzählungen zum wertvollsten, um Sprache vom Hören her verinnerlichen zu können. Die Lehrerbildung ist da eindeutig gefordert!

Die Welt der Bücher zu erschliessen, braucht Zeit. Viele Schulen verfügen über kindgerechte Bibliotheken, die auf ansprechende Weise zum Lesen anregen. So lässt sich Freizeit mit Schule auf angenehme Weise verbinden. Doch nötig sind immer wieder Inputs mit Klassenlektüren im Deutschunterricht. Wo aufschlussreiche Texte auszugsweise gelesen werden und darüber diskutiert wird, kann der Funke fürs Lesen zünden.

Leider oft unterschätzt wird die Bedeutung eines aufbauenden Realienunterrichts für das Leseverständnis. Gute Sachkenntnisse spielen eine Schlüsselrolle für das Verstehen wesentlicher Zusammenhänge und die Erweiterung des Wortschatzes. Wer gute Vorkenntnisse in einem Sachgebiet hat, liest manche Texte viel leichter. Ein erfolgreicher Realienunterrichts setzt eine hohe didaktische und fachliche Kompetenz der Lehrpersonen voraus, was nur mit einer generellen Aufwertung von Fächern wie Geschichte und Geografie zu erreichen ist.

Wer es ernst meint mit der Förderung der deutschen Sprache, muss in alle drei Lernbereiche sehr viel mehr investieren. Ein paar Übungsstunden mehr mit Grammatik und Vorschulkurse für sprachlich ungenügende Kinder einzuführen, wäre sicher hilfreich, reicht aber noch nicht. Ein Ausbau zugunsten des Deutsch erfordert eine bessere Verbindung mit den Realienfächern und einen Umbau der Lehrerbildung mit veränderten Schwerpunkten. Es gilt den Lehrplan von Zweitrangigem zu entschlacken, klare inhaltliche Ziele zu setzen und genauer zu schauen, was wirklich sprachwirksam ist. Für die zweite Fremdsprache in der Primarschule ist da definitiv kein Platz mehr vorhanden. Die Bildungspolitik kommt nicht darum herum, einschneidende Entscheidungen zu treffen.

 

 

 

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3 Kommentare

  1. Ein hervorragender Beitrag von Hanspeter Amstutz. Treffend zeigt er, dass Leseförderung von Geschichten, Büchern und einem gehaltvollen Sachunterricht lebt. Besonders wichtig ist sein Hinweis auf die oft unterschätzte Rolle der Realienfächer. Hanspeter Amstutz spricht damit einen zentralen Punkt der heutigen Bildungsdebatte an.

    Als langjährige Unterstufenlehrerin möchte ich ergänzen, dass auch die Lesetechnik oft zu wenig Beachtung und Förderung in der Primarschule erhält. Wer nicht flüssig lesen kann, verliert rasch die Freude an Büchern. Es ist wie beim Velofahren: Wer ständig um das Gleichgewicht kämpfen muss, kann die Landschaft nicht geniessen. Erst wenn das Fahren selbstverständlich wird, öffnet sich der Blick für die Umgebung. Genauso ermöglicht erst eine sichere Lesetechnik echtes Leseverständnis.

  2. Besondere Sorgfalt gilt sowohl in Deutsch als auch in allen andern Fächern dem Wortschatz. Viele im Unterricht oder auf Arbeitsblättern wie selbstverständlich verwendete Wörter sind vielen Kindern und Jugendlichen nicht vertraut, womit der ganze Zusammenhang rätselhaft bleiben kann. Nachfragen und Erklären, lieber zuviel als zu wenig, ist sehr ratsam. Einer meiner Mentoratskandidaten unterrichtete einmal drauflos, ohne dies zu bedenken. Da hörte ich einen Jugendlichen in der hinteren Reihe: “He, was schnurrt dää do vorne?”.

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