Liebe Silke Müller
Das Deutschland der Zukunft könnte ein Land sein, in dem zwar alle ein Einser-Abitur haben, aber niemand mehr lesen, schreiben und rechnen kann. So lassen sich die Ergebnisse der neuen PISA-Studie zusammenfassen.
Wo liegt das Hauptproblem? Ich glaube, Deutschland ist ein Land geworden, in dem zu viele „Leistung“ und „Anstrengung“ für überflüssig halten. Deshalb steigen wir ab.
Sie traten in der „Tagesschau“ als „Bildungsexpertin“ auf. Sie sagen: Bildungsförderalismus soll abgeschafft werden.

Das wichtigste Ergebnis dieser Reform wäre wohl, dass auch in Bayern der Analphabetismus wächst.
Sie wollen, dass schon ab Klasse 1 „digitale Ethik“ und „Medienkompetenz“ gelehrt wird – Kindern, die noch nicht lesen können? Eine Schnapsidee. Es sollen überall „Pädagogen für Beziehungsarbeit“ eingestellt werden. Wie wäre es zusätzlich mit einem Meerschweinchenkäfig in jedem Klassenzimmer? Diese satirische Idee verdanke ich der Journalistin Susanne Gaschke.
Expertinnen wie Sie sind Teil des Problems. Wir leben „im Luftreich des Traums“, wie Heinrich Heine über die Deutschen schrieb.
Unter Kaiser Wilhelm, 1912, lag die Analphabetenrate bei 0,02 Prozent. Heute können 20 Prozent höchstens einzelne Worte entziffern.
Für Staaten, die versagen, gibt es in China den hübschen Ausdruck „ein Land, in dem die Vögel keine Eier legen“.
Hochachtungsvoll
Harald Martenstein

