19. September 2026
Kühnels Sonntagseinspruch

Nach PISA: Das übliche Ritual einer organisierten Hilfslosigkeit

Wolfgang Kuehnels Sonntagseinspruch gehört mittlwerweile zur geheimen Lieblingslektüre vieler Condorcet-Leser und -Leserinnen. Diesmal befasst sich der Mathematikprofessor aus Stuttgart mit dem Ritual der Erklärversuche und fragt sich: Was wäre, wenn wir PISA abschaffen würden? Die Antwort lesen Sie am Ende dieses Beitrags. Viel Vergnügen.

Liebe Mitstreiter,

natürlich verdient PISA 2025 eine nähere Betrachtung, wobei es hier weniger um die PISA-Zahlen zu den Kompetenzen gehen soll als vielmehr um die PISA-Rezeption. also wie die hohen Herrschaften im Lande reagiert haben, besonders diejenigen, die direkt mit Bildungspolitik oder -wissenschaft befasst sind.

Merkwürdigerweise hört man kaum Stimmen, die die ganze Bedeutung von PISA herunterspielen. Man könnte durchaus sagen:

“Was geht uns PISA an? Da werden ganz bestimmte Dinge gefragt, aber ein vollständiges Bild der Schulbildung im Lande ist das nicht.”

Manche PISA-Aufgaben sind auch recht zweifelhaft, besonders bei den Naturwissenschaften, daran sollte man gelegentlich erinnern:

https://bildung-wissen.eu/wp-content/uploads/2017/03/Was-hinter-PISA-steckt_-Die-Gaukelei-der-PISA-Tests.pdf

Außerdem: Wie kann es sein, dass die halbe Welt bei der Bildung plötzlich schlechter wird? Naht vielleicht eine Art “PISA-Dämmerung” ?

Prof. Wolfgang Kühnel, Stuttgart: Wie eine göttlich akzeptierte Realität. 

Tatsächlich akzeptiert man PISA wie eine quasi göttliche Autorität und liefert sich damit den PISA-Machern aus. Die OECD und diejenigen Institutionen, die in Deutschland mit PISA befasst sind (also hauptsächlich das ZIB, ein Verbund mehrerer Institute) haben so viel Einfluss gewonnen und gelten als so wichtig, dass PISA zu einem Selbstzweck wird.

Im Vorfeld der ritualisierten Verkündung der neuen Ergebnisse ließ man

— wie schon in Vorjahren — durchblicken, dass eine Verbesserung wohl nicht zu erwarten ist, dass man sich aber keineswegs daran gewöhnen dürfe. Der deutsche PISA-Chef Samuel Greiff vom ZIB warnte schon Ende Juli hier

https://www.jmwiarda.de/blog/2026/07/27/der-leistungsabstieg-ist-kein-schicksal

vor dem bekannten Ritual:

“Eine neue Studie erscheint, die Zahlen sind ernüchternd, die Empörung ist groß, Bildung wird kurz zum wichtigsten Thema des Landes — ‘da machen wir im Endeffekt genauso weiter wie zuvor’.”

Und genau das ist mal wieder eingetreten. Alle Funktionäre in Parteien, Verbänden usw. verkündeten, dass sie “schockiert” oder “betroffen”seien, dass die Ergebnisse nicht akzeptabel seien, und als Rezept dagegen priesen sie das an, was sie auch schon vorher gesagt hatten. Als eine “neue Mode” kommt jetzt hinzu, dass man 100 Milliarden € von dem “Sondervermögen” für die Bildung reservieren möchte (die GEW forderte sogar 130 Milliarden), nur was konkret mit dem Geld geschehen sollte, darüber gibt es gewiss keine Einigkeit.

Die Lobbyisten der Digitalisierer würden natürlich am liebsten große Teile davon direkt als Betriebseinnahmen für die Lieferung von Hard- und Software verbuchen, andere wollen riesige Zahlen von Sozialpädagogen und Psychologen in die Schulen schicken, die offenbar unhinterfragt diejenigen Wunderwirkungen erzielen können, die die Lehrer gerade nicht bewirken, z.B. die große Bildungsgerechtigkeit und -gleichheit.

Die etablierten Bildungswissenschaftler schließlich würden vermutlich auch gerne etwas für sich und ihre Zunft abzweigen.

Wieder andere meinen, jetzt müssen die Kitas den Kindern den Gebrauch der deutschen Sprache beibringen, wozu erstmal flächendeckende Tests gehören würden. Später ist dann das Kita-Personal schuld, wenn das nicht die erwünschte Wirkung hat. Dann brauchen wir Sozialpädagogen und Psychologen auch in den Kitas.

Die etablierten Bildungswissenschaftler schließlich würden vermutlich auch gerne etwas für sich und ihre Zunft abzweigen, um neue Institute zu gründen und noch mehr von dem zu erforschen, was eigentlich nicht im Zentrum des Interesses steht. Sie wollen schließlich noch wichtiger werden.

Denn welche Ursachen nun welche Wirkungen haben, das weiß die Wissenschaft nicht, und wenn es konkret wird, weiß auch der Herr Greiff nicht weiter, er flüchtet sich genauso in allgemeine Andeutungen wie der Herr Schleicher, z.B. in diesem Interview:

https://www.jmwiarda.de/blog/2026/09/08/was-heute-die-15-jaehrigen-koennen-konnten-frueher-13-jaehrige

Wieder werden die Positivbeispiele wie Kanada, Estland oder fernöstliche Länder gepriesen mit der rhetorischen Frage: “Warum gelingt es deren Bildungssystemen besser als unserem, mit den weltweit auftretenden Problemen umzugehen?”

Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen hinsichtlich sozialer Zusammensetzung, Anteil und Struktur von Migranten sowie typische Traditionen wie die Einstellung (das “Mindset”) in der Bevölkerung zur Schulbildung werden einfach mit geschickten Sprüchen beiseite geschoben.

Was Kanada betrifft, so waren in letzter Zeit unter den größten Einwanderergruppen die aus China, Indien, den Philippinen, dem UK und den USA. Kein Wunder, dass deren Kinder in Kanadas Schulen besser abschneiden als die Migrantenkinder in Deutschlands Schulen, denn die einen hatten von Beginn an keine Sprachprobleme, und die Ostasiaten sind offenbar immer gut in der Schule, sind aber in Deutschland weniger zahlreich. Außerdem hängt ja alles von der sozialen Schicht ab, und die der Einwanderer nach Kanada wird wohl im Durchschnitt höher sein als die der Einwanderer nach Deutschland. Dennoch bemühen sich die PISA-Experten, den Erfolg Kanadas auf andere Ursachen zurückzuführen.

Diese Seltsamkeit wurde kürzlich auch von Mathias Brodkorb in condorcet.ch aufgespießt:

https://condorcet.ch/2026/09/die-versteckte-wahrheit-der-pisa-studie/

Zitat von Samuel Greiff:

“Nach PISA 2000 hieß es: Wir haben endlich das Licht angeknipst.

 

Was machen erfolgreiche Systeme,  und was lässt sich daraus lernen?

Seitdem können wir sehr genau einschätzen: Was machen erfolgreiche Systeme,  und was lässt sich daraus lernen?”

Also seit 25 Jahren kann die Wissenschaft das angeblich alles einschätzen, wir wissen, woraus wir lernen sollten, aber nichts verbessert sich im PISA-Sinne? Was haben wir denn nun von dem angeknipsten Licht?

Wobei man das dahinterstehende Ziel noch nicht einmal für richtig halten muss. Die staatstragende Bildungswissenschaft versucht gar nicht erst, in diese vorgegebenen Ziele hineinzuleuchten, sie gelten als “gesetzt”, und eine ganz wichtige Rolle dabei spielt die Lernpsychologie. Es sind überall Psychologen, die uns die Welt erklären wollen, die uns sagen, was die wahre Bildung sein soll. Wie das aber genau funktioniert, das sagen sie lieber nicht.  Weil aber überall Psychologen an den Schalthebeln sitzen, sind auch alle anderen Tests (IQB-Bildungstrend, VerA usw.) ähnlich gestrickt mit ähnlichen Testaufgaben, also denen vom

PISA-Typ.   Mehr noch, sogar die KI von Google weiß genau, was bereits vor 20 Jahren als generelle Anpassung an PISA geschah:

“Aufgaben vom sogenannten PISA-Typ flossen ab dem Schuljahr 2003/2004 flächendeckend in den regulären Unterricht an deutschen Schulen ein.”

“Seit dem ersten „PISA-Schock“ im Jahr 2000 haben sich deutsche Schulbücher grundlegend verändert. Die wichtigste Veränderung war der Wechsel von einem  reinen Faktenkatalog hin zur sogenannten Kompetenzorientierung.”

Wer schnell liest, ist im Vorteil, und das schnelle Lesen korreliert signifikant mit der Intelligenz.

Und dass PISA in erster Linie Kompetenzen testet, das wurde von Anfang an behauptet, es gilt als ein unumstößliches Dogma. Böse Zungen behaupteten allerdings, PISA würde auch die Intelligenz testen, denn intelligente Leute kommen mit ungewohnten Fragen abseits des bis dahin Gelernten noch am besten klar, besonders weil bei PISA-Aufgaben oft längere Texte zu lesen und zu verstehen sind. Wer schnell liest, ist im Vorteil, und das schnelle Lesen korreliert signifikant mit der Intelligenz.

Aber solche Gedanken  wurden von den PISA-Machern harsch zurückgewiesen, und die PISA-Berichte erwähnen nichts dazu. Man spricht etwas verschämt von “kognitiven Fähigkeiten”, aber ohne diese in Zahlen auszudrücken.

Nicht einmal eine Korrelation zwischen den Ergebnissen üblicher IQ-Tests mit denen von PISA wird genannt, dieses “Herrschaftswissen” bleibt geheim. Als schließlich sich noch jemand erfrechte, die PISA-Werte mit vorliegenden Werten aus einem internationalen Intelligenztest zu vergleichen, war es aus mit der Toleranz: Das sei rassistisch und faschistisch usw. Pfui, das tut man nicht.

Was also soll jetzt geschehen? Die GEW möchte einen 10-Jahres-Plan:

https://www.gew-nrw.de/neuigkeiten/detail/pisa-2025-historischer-tiefstand-was-bedeutet-das-fuer-die-bildungspolitik

Nationale Bildungsoffensive

Die Grünen fordern eine Nationale Bildungsoffensive und eine datengestützte Schulpolitik:

https://www.gruene-bundestag.de/unsere-politik/fachtexte/unter-fachtexte/

Die SPD-Bundestagsfraktion sieht sich in der Pressemitteilung Nr. 147 “auf dem richtigen Weg”.

Die Bundesbildungsministerin meint:

“Die Ergebnisse bestätigen damit die Notwendigkeit, die eingeleiteten Reformen  zur Stärkung von Basiskompetenzen, Chancengerechtigkeit und Unterrichtsqualität konsequent voranzutreiben, zu beschleunigen und auszuweiten.”

Herr Köller meint:

“Die aktuellen Ergebnisse müssen ein Weckruf sein, dass sich grundlegend etwas verändern muss – und zwar so, dass diese Veränderungen auch im Unterricht ankommen.”

https://www.leibniz-ipn.de/de/das-ipn/aktuelles/aktuelle-meldungen/pisa-2025-mathematisch-naturwissenschaftliche-kompetenzen-in-deutschland-sinken-weiter

Die Bildungsforschung macht den Eindruck einer “organisierten Hilflosigkeit”. Der Aufwand ist hoch, der Anspruch ist hoch, das Zahlenmaterial ist gigantisch, aber die Wirkung ist gering.

Aber nach PISA 2022 klang das von ihm ganz ähnlich:

https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/olaf-koeller-was-jetzt-aus-pisa-2022-folgen-muss/

Der offizielle Berichtsband “PISA kompakt” vom ZIB

https://www.zib.education/fileadmin/Dokumente/PISA/PISA_Kompakt/2026_09_PISA_kompakt_sonderausgabe.pdf

formuliert zahlreiche “Handlungsoptionen”, z.B. solche “genialen” und originellen Vorschläge wie

— Ausreichende Basiskompetenzen für alle Schüler*innen systematisch sichern,

— Ganztagsschulen gezielt pädagogisch nutzen,

— Schule als ganzheitlichen Lebens- und Entwicklungsraum gestalten,

— Lehrkräfteprofessionalisierung an veränderten Anforderungen ausrichten,

–Digitale Lernangebote strategisch entwickeln und lernwirksam umsetzen.

Was ist das anderes als jenes “höhere Blabla”, das wir nun schon viele Jahre lang unisono aus der Bildungsforschung und aus der Politik hören?

Die Bildungsforschung macht den Eindruck einer “organisierten Hilflosigkeit”. Der Aufwand ist hoch, der Anspruch ist hoch, das Zahlenmaterial ist gigantisch, aber die Wirkung ist gering.

Was wäre eigentlich, wenn PISA nicht mehr stattfinden würde, jedenfalls nicht für Deutschland? Würde uns was fehlen? Dieses Ritual fände nicht mehr statt, die Journalisten hätten weniger zu schreiben, aber sonst? Ach ja, die damit befassten Leute im ZIB wären arbeitslos.

Es werden unverdrossen Tagungen angekündigt, aber nicht im Sinne von “Hilfe, was machen wir jetzt gegen die Katastrophe?”, sondern grinsende Reklamegesichter suggerieren Normalität für einen “kollegialen Dialog” und “passgenaue Handlungsoptionen”, so als sei alles im grünen Bereich:

https://bildung.rlp.de/newsletter/pl-newsletter/nachrichtendetailseite/pisa-im-dialog-1

Also unterm Strich und mit leichten Modifikationen gilt wohl das Motto: Weiter so, weiter so.

Herr Greiff ist bestätigt: Das eingangs genannte Ritual nahm seinen Lauf, die Aufregung legte sich bald wieder, und man geht zur Tagesordnung über. Die Presseerklärungen für die nächste PISA-Studie können schon mal im Computer vorformuliert und dann 2030 hervorgeholt werden. Cutting & Pasting wird hilfreich sein.

Was wäre eigentlich, wenn PISA nicht mehr stattfinden würde, jedenfalls nicht für Deutschland? Würde uns was fehlen? Dieses Ritual fände nicht mehr statt, die Journalisten hätten weniger zu schreiben, aber sonst?

Ach ja, die damit befassten Leute im ZIB wären arbeitslos. Aber irgendeine Anschlussverwendung würde sich vielleicht doch finden lassen, Herr Greiff und seine Mitarbeiter sollen nicht Bürgergeld beantragen müssen. Nichts ist ewig in dieser Welt, auch die PISA-Ära geht mal zu Ende.

In diesem Sinne wünscht einen schönen Sonntag Wolfgang Kühnel

 

 

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