18. September 2026
DENKMOMENT: Ein Plädoyer für Hausaufgaben

Mehrfaches Üben führt zum Lernerfolg

Mit der Einführung des Lehrplans 21 (LP21) an den Volksschulen vor gut 10 Jahren wurden die Hausaufgaben als unverbindliche Option definiert. Sie sind nicht mehr curricularer Bestandteil des LP21, sondern liegen in der Verantwortung der Kantone und den Schulen. Begründet wurde die Änderungs-Reform unter anderem mit einem Belastungsschutz den Kindern gegenüber. Für einen Teil der Schülerinnen und Schüler hat dies fatale Folgen.

Die Kritik an den zahlreichen Reformen der Volksschulen reisst nicht ab. Der Kernauftrag «Unterrichten» wird zunehmend an den Rand gedrängt. Am Beispiel der Output-Ergebnisse[1] zeigt sich das deutlich. In den Fächern Deutsch – hier ist selbstredend auch die Sprache mit Lesen und Verstehen mitgemeint – sowie Mathematik verfehlt mehr als ein Viertel der Schülerinnen und Schüler am Ende der Volksschulzeit die entsprechenden Ziele. Nun haben sich auch 3’000 Ausbildungsbetriebe in einer Umfrage zu Wort gemeldet. Sie bemängeln die ungenügenden Leistungen ihrer Lernenden in den erwähnten Fachgebieten und die damit erforderliche, betriebliche und kostspielige Nachqualifizierung. Damit rückt die Berufsbildung in den Fokus, welche gegen 70 Prozent der Jugendlichen zu Berufsleuten ausbildet und zum Rückgrat unserer Volkswirtschaft gehört. Ein Rückzug der Ausbildungsbereitschaft aufgrund der ungenügenden Grundkompetenzen der Lernenden wäre fatal.

Niklaus Gerber, war bis zu seiner Pensionierung im August 2021 Abteilungsleiter und Mitglied der gibb-Schulleitung und hat sich mit NORDWÄRTS – Kompass für kompetente Führung selbständig gemacht.
www.nord-waerts.com

Es entspricht keiner neuen Erkenntnis, dass diejenigen Schulkinder, die leistungsmässig zu den Schwächeren gehören, den Lernstoff ohne Repetitions- und Festigungsphasen nicht begreifen. Sie schwimmen einfach im «Stoffbad» mit, oft ohne zu wissen, was sie tun. Innerhalb der Klasse werden sie mitgeschleppt. Die notwendige Zuwendungszeit seitens der Lehrpersonen bleibt aufgrund der Klassen-Heterogenität[2] meist auf der Strecke. Schülerinnen und Schüler dieses letzten Drittels sind die Leidtragenden. Ihnen fehlt die ausreichende Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Sie gehören dadurch zu denjenigen, die beispielweise keine oder nur schwer eine Lehrstelle finden; und wenn, dann sind es die Sorgenkinder in den oben erwähnten Ausbildungsbetrieben.

Die Qualität des Lerncurriculums

«Ich höre und vergesse. Ich sehe und erinnere. Ich tue und verstehe.» [Konfuzius, 551-479 v. Chr.]

Für das «Begreifen» eines Sachverhaltes reicht eine oberflächliche Betrachtung nicht. Erforderlich sind so genannte Tiefenbohrungen. Um bis zur «Quelle der Erkenntnis» vorzudringen, brauchen solche Schülerinnen und Schüler Zeit und Geduld. Gestützt auf die aktuellen PISA-Ergebnisse aus Deutschland lautet ein dortiger Befund, dass sich die Abwärtsspirale während der Schulzeit immer weiter fortsetzt. Der nicht gefestigte Lernstoff wirkt mit jedem weiteren Schuljahr wie eine schwache Decke, durch welche die Kinder immer wieder durchfallen. Das ist mehr als frustrierend. Das Prinzip des erfahrungsorientierten Lernens – learning by doing – ist uralt und zeigt, weshalb Handeln der Schlüssel zum Begreifen ist. Erst wenn wir selbst aktiv werden, verknüpfen sich die Nervenzellen in unserem Gehirn dauerhaft.

Diese so geförderte «Gleichmacherei» zeigt eine verantwortungslose Haltung.

Hausaufgaben als Schlüssel

Methodisches Üben und Repetieren von Gehörtem zielt darauf ab, an das Vorwissen anzuknüpfen, dieses zu vertiefen und zu festigen. Das fast glückliche Gefühl, etwas begriffen zu haben, kennen wir alle. Es wirkt motivierend und steigert das Selbstwertgefühl. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die erwünschte Eigenständigkeit gerade bei schwächeren Schülerinnen und Schüler oft nicht funktioniert. Sie benötigen Unterstützung. Dies kann auf unterschiedliche Weise passieren. Aus meiner beruflichen Schulpraxis – ich unterrichtete viele Jahre Physik und Mathematik – sowie in der Rolle als Vater von erwachsenen Kindern und aktuell von Grosskindern auf der Volksschulunterstufe trete ich der Kritik, Hausaufgaben hätten nur einen geringen oder gar keinen direkten Einfluss auf den Lernerfolg, entschieden entgegen. Und die vorgeschobene Argumentation der Chancengleichheit – gemeint ist damit, dass nicht jedes Kind zu Hause ein ruhiges Umfeld oder Unterstützung hätte – lasse ich nicht zu. Diese so geförderte «Gleichmacherei» zeigt eine verantwortungslose Haltung.  Spätestens am Ende der Volksschulzeit erfolgt eine Selektion darüber, wer eine Anschlusslösung in Form einer Lehrstelle, eines Übertritts an eine Mittelschule oder an eine andere Bildungsinstitution erreicht oder nicht.

John Hattie: Wirkung ist erwiesen.

Was sagt John Hattie zum Thema Hausaufgaben

Der australische Bildungsforscher weist mit Blick auf die Wirkungsstärke von Hausaufgaben auf die Qualität derselben hin. Sie müssten klar und verständlich sein, einen Bezug zum Unterricht haben, nicht überfordernd oder unterfordernd sein, die Gelegenheit bieten, das Gelernte zu üben und zu festigen. Und die Kinder müssten von der Lehrperson ein konstruktives Feedback dazu erhalten. Bezüglich der Schulstufe hebt er hervor, dass Hausaufgaben auf der Sekundarstufe einen grösseren Effekt hätten. Zwei Kommentare dazu: Die aufgezählten Qualitätsmerkmale sind einer guten Lehrperson bewusst. Auch dass Hausaufgaben seitens der Lehrerin oder des Lehrers eine Rückmeldung benötigen, ist nicht neu. Bemerkenswert ist der Hinweis auf die Sekundarstufe[3], welche an die weiterführenden Ausbildungen (Berufslehre, Gymnasium, etc.) angrenzt.

Volksschulen stehen am Anfang eines meist langen und fortlaufenden Bildungsweges. Was hier nicht gelernt wird – dazu gehören insbesondere auch die Basis- und Schlüsselkompetenzen – bleibt oft lebenslänglich auf der Strecke und ist uneinholbar.

Der Auftrag der Schule

Volksschulen stehen am Anfang eines meist langen und fortlaufenden Bildungsweges. Was hier nicht gelernt wird – dazu gehören insbesondere auch die Basis- und Schlüsselkompetenzen – bleibt oft lebenslänglich auf der Strecke und ist uneinholbar. Der eingangs erwähnte Belastungsschutz für Kinder durch Hausaufgaben und der immer wieder kolportierte Hinweis über angeblich gestresste Eltern sind nicht Probleme der Volksschule. Es wäre wünschenswert, wenn die Volksschulen den Hausaufgaben wiederum den wichtigen Stellwert beimessen würden. Der Berufsverband Bildung Bern thematisiert die Hausaufgaben in seiner Kernbotschaft von 2025. Die darin formulierte Aussage «Hausaufgaben führen in Familien oft zu Konflikten» ist eigenartig. Die Schule ist keine familien-therapeutische Institution und trägt hier keine Verantwortung. Partiell existieren an Schulen kostenlose Hausaufgaben-Hilfen, die während des Schultages in Anspruch genommen werden können. Doch reicht das nicht. Hausaufgaben machen vor allem Sinn, wenn sie mit zeitlichem Abstand und reflektorisch bearbeitet werden. Deshalb müssten insbesondere den Familien mit leistungsschwächeren Kindern Sinn und Zweck von Hausaufgaben aufgezeigt werden.

Die Rolle der Eltern

«Wenn wir uns dafür entscheiden, Kinder zu haben, müssen wir uns ebenso dafür entscheiden, uns um sie zu kümmern, und das beinhaltet Opfer.»[4]

Müssen Interesse an der Entwicklung des Kindes zeigen

Eltern müssen Interesse an der Entwicklung ihres Kindes zeigen und ihm helfen, selbstständig zu werden. Das bedeutet, sich Zeit zu nehmen. Die oft gehörte Schutzbehauptung von Erziehungsberechtigten, wonach die Hausaufgaben mit der Einführung des LP21 abgeschafft worden seien, ist falsch. Sie wurden – wie eingangs erwähnt und in typisch schweizerischer Weise – an die für die Volksschule verantwortlichen Behörden (Kantone und Gemeinden) delegiert. Es gibt Schulen, die keine Hausaufgaben erteilen und gar von solchen abraten; aus welchen Gründen auch immer. Verantwortungsvolle Eltern lassen sich nicht damit abfinden. Sie wollen wissen, was ihr Kind an der Schule gerade lernt. Sie wollen sichergehen, dass das Kind nicht abhängt, sondern begreift, was es tut.

Es gibt verschiedene Hausaufgaben-Varianten, die teilweise praxiserprobt und empfehlenswert sind:

  • Storytelling: Die Eltern lassen das Kind erzählen, was aktuell in der Schule gelernt wurde. Die Erzählung wird durch gezieltes Nachfragen seitens der Eltern begleitet.
  • Lehrer- oder Lehrerin-Rolle: Das Phänomen kennt jede Lehrperson. Bevor man ein Thema unterrichten kann, muss man den zugehörenden Stoff begriffen haben. Dem Kind wird diese Rolle auf spielerische Weise zugeteilt. Dabei sind die Eltern in der Rolle der Schülerinnen und Schüler.
  • Passives Mitwirken: Das durch das Kind selbstständige Üben, repetieren und festigen des Lernstoffes ist wichtig, jedoch nicht immer möglich. Wenn es ansteht, sind hilfreiche Tipps der Eltern nutzbringend.
  • Flying Seniors-Teachers: In Anlehnung an das win3-Konzept[5] der Volksschulen scheint es mir möglich, den «Aktionsradius» dieser Seniorinnen und Senioren von der Schule auf die Familien auszuweiten. Sie könnten von den Eltern für die Hausaufgabenhilfe angefragt werden.

In Ergänzung zu diesen und weiterer Varianten gibt es unzählige Möglichkeiten, das Kind in seiner schulischen Entwicklung zu unterstützen. Der Sprache zuträglich sind beispielweise das Vorlesen, das eigenständige Lesen[6], das Reden und das Diskutieren. Und in der Natur gibt es zahlreiche Phänomene, deren Basis die Naturwissenschaft und damit auch der Mathematik sind. Es ist befremdend, wenn die Hausaufgaben-Verdrängung mit fehlenden Ressourcen begründet wird. Vielmehr entspricht es einer Tatsache, dass die mögliche und wirkungsvolle Hausaufgabenzeit bei vielen Kindern in Konkurrenz zum täglich mehrstündigen Social-Media-Konsum[7] steht. Hier muss grundsätzlich hingeschaut werden.

Fazit

Die Talfahrt der Grundkompetenzen in Deutsch und Mathematik wird weitergehen, wenn nicht Gegensteuer gegeben wird. Gut konzipierte Hausaufgaben gehören zu einer der wirksamsten Massnahmen, weil sie dem curricularen Lernprinzip entsprechen. Und für den eingangs erwähnten Viertel aller Schulkinder stellen sie den erforderlichen Rettungsring dar, damit sie schulisch nicht untergehen.

[1] Die aktuellen Pisa-Ergebnisse aus dem Jahr 2025 – erhoben in 91 Ländern und 76’000 Jugendlichen im Alter von 15 Jahren – zeigen die Schweiz im
Mathematik-Vergleich auf dem 9. Rang, beim Lesen (Deutsch) den 19. Rang und in den naturwissenschaftlichen Fächern auf dem 14. Rang. Zu den besten fünf Nationen in allen drei Bereichen zählen China, Singapur, Macau, Japan und Taiwan. Es wäre sinnvoll, die Schulsysteme dieser Länder näher zu analysieren mit der Frage, weshalb das so ist.

[2] Die Breite der Heterogenität innerhalb einer Klasse umfasst nicht allein die Breite der Leistungsniveaus, sondern auch die mentale Verfasstheit mit den zunehmend psychosozialen Auffälligkeiten der Schülerinnen und Schüler.

[3] Die Sekundarstufe wird auch als Oberstufe und in der LP21-Nomenklatur als Zyklus 3 (Z3) bezeichnet.

[4] «When we make the commitment to have children, we also need to make the commitment to care for them, and that involves making sacrifices“.
Komisar, E., 2017. Being there.

[5] Seit dem Schuljahr 2007/08 existiert an den Stadtberner Schulen das win3-Konzept. Aktuell sind ca. 80 Seniorinnen und Senioren aktiv.
Mehr unter https://www.bern.ch/themen/bildung/schule/foerderangebote/win3-drei-generationen-im-schulzimmer (Abruf 15.09.2026)

[6] «Lesen gilt als Katalysator für die Intelligenz». Quelle: DIE ZEIT, 10.09.2026: Werden wir immer dümmer?

[7] Gerber, N. 2026. Die extensive Nutzung digitaler Tools – oder: Verkümmern wir zunehmend?

https://condorcet.ch/2026/06/die-extensive-nutzung-digitaler-tools-oder-verkuemmern-wir-zunehmend/ und

Gerber, N. 2026. Elternzeit statt Handyzeit – oder: Fokussierte Elternbildung als Präventionsbeitrag:
https://condorcet.ch/2026/03/elternzeit-statt-handyzeit-oder-fokussierte-elternbildung-als-praeventionsbeitrag/

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