1. August 2026
Frühbildung

“Kompetenz-Unterschiede entstehen in früher Kindheit und bleiben über Schulzeit relativ stabil”

Wie gut Kinder durch die Schule kommen, hängt davon ab, wie früh sie gefördert werden. Das zeigt eine Analyse des Deutschen Jugendinstituts. Aber auch andere Faktoren spielen noch eine wichtige Rolle. Dieser Beitrag ist zuerst in der WELT erschienen.

Teacher guiding a group of children as they explore a globe in a bright classroom.

 

Das Aufstiegsversprechen durch Bildung gehörte lange zum Selbstverständnis der Bundesrepublik. Doch dieses Versprechen trägt schon lange nicht mehr. Dass alle Kinder die gleichen Chancen haben sollten, aus ihren Begabungen und Talenten etwas zu machen, ist gesellschaftlicher Konsens. Die Realität aber sieht anders aus: Auf dem Weg zu mehr Chancengerechtigkeit versagt das System gleich an mehreren Stellen.

Bei jedem Übergang in die nächste Bildungsinstanz werden die Unterschiede sichtbarer.

 

Tatsächlich ist der Bildungserfolg noch immer stark mit der sozialen Herkunft verknüpft. Schon im Kita-Alter bleiben die Bildungsleistungen von Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten, armen und bildungsfernen Familien hinter denen ihrer Altersgenossen zurück. Und bei jedem Übergang in die nächste Bildungsinstanz werden die Unterschiede sichtbarer. Das ist das zentrale Ergebnis der Analyse “Bildung ohne Barrieren” des Deutschen Jugendinstituts (DJI), die WELT vorab vorlag. Sie wurde in dem Forschungsmagazin “DJI-Impulse” veröffentlicht und enthält auch ein Gespräch mit Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU).

Sabine Menkens, Journalistin bei der WELT

“In der Tat belegt die Studienlage, dass Kompetenz-Unterschiede schon in der frühen Kindheit entstehen und dann über die Schulzeit relativ stabil bleiben. Die Schule vergrößert die vorhandenen Unterschiede also nicht wesentlich, kann sie aber auch nur begrenzt ausgleichen”, so Prien. “Die entscheidende Stellschraube für mehr Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit ist daher eindeutig die frühe Bildung in der Familie und in der Kita. Faire Chancen schafft man früh.”

Wie die Daten zeigen, geht die Schere bereits bei den Unter-Dreijährigen auf. Laut der DJI-Kinderbetreuungsstudie besuchen ausgerechnet die Kleinkinder, die am meisten von einem anregenden Lernumfeld profitieren würden, am seltensten eine Kita. Im Jahr 2024 betrug die Beteiligungsquote bei Kindern von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss 20 Prozent, bei Kindern von Eltern mit hohem Bildungsabschluss 39 Prozent – und war somit fast doppelt so hoch. Bei den Über-Dreijährigen nähern sich die Betreuungsquoten zwar an, jedoch gilt dies nur für die mittleren und oberen sozialen Schichten. Kinder aus unteren Sozialschichten seien weiterhin weniger beteiligt, so der Bericht.

Deutliche Zunahme von Entwicklungsauffälligkeiten

Analysen der Schuleingangsuntersuchungen, die das DJI erstmals für den Nationalen Bildungsbericht 2026 durchführte, zeigten zudem bei den untersuchten Kindern im Zehn-Jahres-Vergleich eine deutliche Zunahme von Entwicklungsauffälligkeiten. Diese fanden sich bei den sprachlichen, mathematischen und kognitiven Vorläuferkompetenzen – also bei grundlegenden Fähigkeiten, die für das spätere Lesen, Schreiben und Rechnen wichtig sind.

Die deutsche Bildungsministerin Karin Prien: “Die entscheidende Stellschraube für mehr Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit ist daher eindeutig die frühe Bildung in der Familie und in der Kita. Faire Chancen schafft man früh.”

Insbesondere im Bereich Sprache habe sich eine Verschlechterung gezeigt, so der Bericht. “In Summe wurden aktuell deutschlandweit bei etwa einem Viertel der untersuchten Kinder Entwicklungsauffälligkeiten im Bereich Sprache festgestellt.” Ein Problem, das mit dem im Juli vorgelegten Entwurf für ein “Kita-Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz” adressiert werden soll. Mit Sprachtests für alle Vierjährigen und gezielter Förderung in den Kitas soll den Kindern der Übergang in die Grundschule erleichtert werden.

Bildungswege an Potenzialen statt Herkunft ausrichten

Bildungsübergänge seien “zentrale und fragile Weichenstellungen” im Lebenslauf junger Menschen, betonte Prien. “Die Bildungsentscheidungen an diesen Übergängen hängen nicht nur von persönlicher Leistung ab, sondern stark von sozialer Herkunft, Erwartungen und Selbstkonzepten.” Ziel müsse es sein, Bildungswege “konsequent an Potenzialen statt an Herkunft auszurichten”.

Die Pisa-Studie hatte 2001 erstmals für 15-jährige Schüler deutlich aufgezeigt, wie stark die individuellen Kompetenzen von der Herkunft abhängen. Kinder aus benachteiligten Familien verfehlen deutlich häufiger die Mindeststandards und erreichen deutlich geringere Kompetenzniveaus als Kinder aus privilegierteren Familien.

Der Unterschied zwischen den Stärksten und den Schwächsten im Lesen entspricht laut den Forschern im Schnitt fast einem ganzen Schuljahr.

 

Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der Grundschul-Leseuntersuchung Iglu oder der Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie TIMMS. Demnach bestehen bei Viertklässlern insbesondere in Deutschland nach wie vor große Kompetenz-Unterschiede in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Der Unterschied zwischen den Stärksten und den Schwächsten im Lesen entspreche im Schnitt fast einem ganzen Schuljahr, so die Forscher.

Der gewaltige Einfluss der sozialen Herkunft

Doch selbst bei gleichen Leistungen gibt es Benachteiligung. So zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe anhand von Daten des Nationalen Bildungspanels, dass Kinder aus niedrigen sozialen Schichten seltener eine Gymnasialempfehlung erhielten als Kinder aus hohen sozialen Schichten – selbst dann, wenn die Noten und schulischen Leistungen vergleichbar waren.

Vor allem an den institutionellen Übergängen würden bestehende Ungleichheiten eher verfestigt als abgebaut, so das DJI. “Das zeigt sich insbesondere beim Übertritt von der Grundschule in die weiterführende Schule, wo die soziale Herkunft oftmals stärker wirkt als die tatsächlichen Leistungsunterschiede der Kinder. Sie prägt die schulischen Kompetenzen, die Übergangsempfehlungen der Lehrkräfte und nach wie vor die Bildungsziele der Eltern.”

Bislang unveröffentlichte Ergebnisse des DJI-Surveys “Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten” zeigen demnach, dass sozioökonomisch benachteiligte Eltern sich für ihre Kinder deutlich seltener das Abitur wünschen als finanziell besser gestellte und höher gebildete Eltern.

Von den armutsgefährdeten Eltern wünschen sich 58 Prozent das Abitur für ihre Kinder, von den nicht armutsgefährdeten 81 Prozent. Nach elterlichem Bildungsniveau betrachtet, wünschen sich Eltern mit mittlerer Bildung zu 62 Prozent das Abitur für ihre Kinder, niedrig gebildete Eltern allerdings mit 79 Prozent fast ebenso viele das Abitur für ihre Kinder wie hochgebildete (81 Prozent).

Kinder noch skeptischer als Eltern

Und wie steht es um die Ziele der Kinder? Die befragten Neun- bis Elfjährigen sind offenbar noch etwas skeptischer als ihre Eltern. 77 Prozent der bessergestellten Kinder wünschen sich das Abi, aber nur 57 Prozent der armutsgefährdeten. Kinder von Eltern mit hohem Bildungsniveau streben zu 87 Prozent das Abitur an, gegenüber 62 und 60 Prozent bei Eltern mit mittlerem oder niedrigem Bildungsniveau.

Dennoch sei die Motivation für Bildung grundsätzlich groß. Die DJI-Bildungsforscherinnen Mirjam Weis und Christine Steiner schreiben: “Dieses Potenzial sollte noch mehr für die individuelle Förderung der Kinder genutzt werden.”

 

Sabine Menkens berichtet für die WELT über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

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