Die Hybris der Bildungsreformer lässt sich jeweils auch daran erkennen, mit welcher Dogmatik sie ihre – vermeintlich – seligmachenden Fortschritte in der Öffentlichkeit verkünden.
Besonders beliebt in den vergangenen Jahren: Jedes Bildungsdepartement, jeder Gemeinderat, jeder Schulleiter teilte euphorisiert mit, wie viele Laptops, Tablets und sonstiges technisches Gerät gekauft worden seien.
Fett unterstrichen: das Preisschild. Es scheint dabei nur eine Regel zu gelten. Je mehr und je teurer, desto besser.

Der Erziehungswissenschaftler Carl Bossard sagte einmal zutreffend: “Ich erlebe ein einseitiges Denken, eine fast radikal geforderte Innovation oder Neuausrichtung der Schulen.” Obschon Nutzen und Mehrwert nicht belegt seien.
Apodiktisch wird von den Entscheidungsträgern noch immer die Haltung durchgesetzt, dass Schüler uneingeschränkt vom Einsatz elektronischer Mittel profitierten. Der Mensch, in diesem Fall: der Lehrer, ist im Klassenzimmer ohnehin nicht mehr als Autorität vorgesehen, er darf noch begleiten, coachen (und quengelnde Eltern betreuen).
Niederschmetternde Resultate
Was im Eifer verschwiegen, wenn nicht gar verdrängt worden ist: Längst gibt es wissenschaftliche Studien, die darlegen, dass die Leistungen unter dem Einsatz von elektronischen Medien leiden.
Das bekannte Karolinska-Institut in Stockholm bilanziert über die eigene Forschung ernüchtert: “Je mehr eine Schule ihren Unterricht auf das Internet und Computer stützt, desto schlechter ist die Leistung der Kinder.”
Das niederschmetternde Resultat hatte umgehend Folgen: Skandinavische Länder, die als erste in den Schulen stark auf digitale Geräte setzten, reduzieren den Einsatz seither stetig.
Es wird übersehen, dass Kritiker nichts verbieten, sondern nur darüber diskutieren wollen, ab welchem Alter der Gebrauch den erwünschten Nutzen erzielt.
In der Schweiz scheint diese Entwicklung, wieder einmal, nicht angekommen zu sein. Mantraartig wird die Wichtigkeit von digitaler Kompetenz betont. Wie auch in anderen wichtigen Fragen – etwa beim Fremdsprachenunterricht – wird dabei übersehen, dass Kritiker nichts verbieten, sondern nur darüber diskutieren wollen, ab welchem Alter der Gebrauch den erwünschten Nutzen erzielt. Dass die Bildungsfunktionäre diesen Unterschied ignorieren, zeugt von ihrer intellektuellen Unzulänglichkeit.
Es ist deshalb begrüssenswert, dass die Debatte nun demokratisiert wird. Der Verein “Starke Schule beider Basel” wird in der kommenden Woche im Kanton Baselland eine Initiative einreichen, in der gefordert wird, dass in den ersten vier Jahren der Primarschule keine digitalen Geräte verwendet werden. Ab der fünften Klasse soll dagegen ein “punktueller Einsatz” möglich sein. Man wünsche sich medienmündige Kinder, nicht medienabhängige.
Feudal agierende Bildungselite
Die Abstimmung ist aus zwei Gründen wichtig. Einerseits ist es inhaltlich richtig, einen sorgfältigeren (und später einsetzenden) Umgang mit Computern und Tablets zu fordern. Digitale Medien beeinträchtigen die kognitive und soziale Entwicklung. Probleme können nicht mehr ausdiskutiert werden, ja sogar eine normale Unterhaltung fällt vielen Primarschülern zunehmend schwer. Das Lesen eines längeren Textes ist beinahe ein unmögliches Unterfangen. Es ist nun wirklich keine Überraschung, dass die benoteten Leistungen stetig schlechter werden.
Andererseits ist es notwendig, dass auch das Volk über solch wichtige Entscheide im Bildungswesen befinden kann. Es sollte noch viel mehr die Möglichkeit haben, der fast schon feudal herrschenden Bildungselite etwas entgegenzusetzen. Und was passt besser in der föderalistischen Schweiz als ein Kanton, der als Versuchslabor dient bei der Frage, ob den Primarschülern eine analoge Umgebung hilft?
Die Initiative dürfte an der Urne intakte Chancen haben, ist sie doch auch Konsequenz eines stärker werdenden Widerstands in der Gesellschaft, die sich nicht mehr abfinden will mit einer Bildungselite, die Reform an Reform reiht, die wunderbar fortschrittlich klingen, aber dem Nachwuchs nur Schaden bringen.
Nach diversen verkorksten Reformen in diesem Jahrtausend, die zu einer “Bildungskrise” mit rasant sinkendem Niveau geführt haben, müsste das auch im Interesse der Verantwortlichen sein (auch wenn sie das natürlich nie eingestehen würden).
Die Initiative dürfte an der Urne intakte Chancen haben, ist sie doch auch Konsequenz eines stärker werdenden Widerstands in der Gesellschaft, die sich nicht mehr abfinden will mit einer Bildungselite, die Reform an Reform reiht, die wunderbar fortschrittlich klingen, aber dem Nachwuchs nur Schaden bringen.
Legende Beitragsbild: Fertig mit Ablenkung: Tablets sollen im Baselbiet erst ab der fünften Klasse zum Einsatz kommen. (Foto: Gaëtan Bally / Keystone-SDA)

