Hausaufgabendebatte

Hausaufgaben – Selbständig oder gar nicht

Die Hausaufgabenforschung stellt Erkenntnisse zur Verfügung, welche Lehrerinnen und Lehrer praktisch anwenden können. Eine solche Handhabung der Hausaufgaben ist für alle Beteiligten ein Gewinn und eine Entlastung. Ein Beitrag von Gastautor Lukas Fürrer.

Mit Blick auf einige Ergebnisse der Hausaufgabenforschung lassen sich vorab drei Aussagen machen. Erstens ist der Gegenstand in seiner Untersuchung nicht einfach, gerade wenn beispielsweise die Auswirkungen von Hausaufgaben auf die Schulleistung nachgewiesen werden sollen. Die Hausaufgabenforschung kommt aber durchaus zu konsistenten Befunden. Zweitens lassen sich einige Erkenntnisse aus der Forschung ziehen, welche jede Lehrperson praktisch in ihren Unterricht integrieren kann. Drittens sind Hausaufgaben ein emotionales Thema. Der Gegenstand eignet sich deshalb nicht für Revolutionen (Abschaffung), sondern für Evolutionen — ganz im Sinne der hier diskutierten Ergebnisse.

Lukas Fürrer, Generalsekretär Direktion für Bildung und Kultur Kanton Zug
Lukas Fürrer, Generalsekretär der Direktion Bildung und Kultur des Kantons Zug

Oberstufe: Positive Wirkung

In einer Studie von Ulrich Trautwein et al. von 2001 zum Thema «Hausaufgaben und die Entwicklung von Leistung und Interesse im Mathematik-​Unterricht der 7. Jahrgangsstufe» kommen die Autoren zum Schluss, dass regelmässige Hausaufgaben einen förderlichen Einfluss, lange Hausaufgaben allerdings einen gegenteiligen Effekt hätten. Dass lange Hausaufgaben zu einer beobachtbaren Reduktion der Leistungsunterschiede innerhalb einer Klasse führen würden, sei zwar ersichtlich, doch sei dies dem Umstand geschuldet, dass eine Leistungshomogenisierung mehrheitlich zu Lasten der starken Schüler ginge, die von langen Hausaufgaben nicht profitierten. Sprich: Lange Hausaufgaben führten zu einer Nivellierung nach unten. Und eine weitere Erkenntnis: Würden die Eltern oder andere Familienangehörige die Hausaufgaben beaufsichtigen, hätte dies ebenfalls einen nachteiligen Effekt auf den Lernfortschritt.

Lange Hausaufgaben führten zu einer Nivellierung nach unten.

Insgesamt belegt die Studie die positiven Wirkungen von häufigen Hausaufgaben und die negativen Wirkungen von umfangreichen Hausaufgaben. Das Ergebnis, so die Autoren, dass umfangreichere Hausaufgaben in den untersuchten Klassen mit weniger Lernfortschritt einhergingen, sei als Aufruf zu verstehen, die Art und Qualität von Hausaufgaben sowie die verfolgten Ziele genauer zu untersuchen. Und weiter: Wiederholt sei in diesem Kontext auch darauf hingewiesen worden, dass die beobachtbare Planung und Gestaltung der Hausaufgaben durch die Lehrpersonen wiederum eine Folge von Defiziten bei der Lehrerausbildung sein könnte.

Aufgrund dieser Studie – im Bericht dazu werden zahlreiche weitere Studienergebnisse zum Thema diskutiert – lassen sich vier praktische Schlüsse ziehen:

  • Regelmässige Hausaufgaben sind richtig.
  • Umfangreiche Hausaufgaben sind falsch.
  • Hausaufgaben, welche nicht selbständig gelöst werden können, sind falsch.
  • Die korrekte Handhabung der Hausaufgaben muss Gegenstand der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern sein.

Primarschule: Wirkung beinahe null

In einem Interview mit BBC Radio 4 äusserte sich John Hattie zum Thema Hausaufgaben. Die Wirkung von Hausaufgaben in der Primarschule sei, so Hattie, beinahe null, auf der Sekundarstufe grösser. Es könne aufgrund dieser Erkenntnis aber nicht darum gehen, die Hausaufgaben in der Primarschule abzuschaffen. Viele Eltern würden die Qualität einer Schule nach wie vor mit dem Vorhandensein von Hausaufgaben verbinden. Aber es lohne sich, gerade im Bereich der Primarschule, die Frage nach der Wirkung von Hausaufgaben zu stellen. Hattie empfiehlt, die Null-​Wirkung als Anlass für eine Verbesserung der Situation und nicht für die Abschaffung zu nehmen. Er sei aber klar der Ansicht, dass wir es mit den Hausaufgaben übertreiben würden. Fünf bis zehn Minuten hätten die gleiche Wirkung wie eine oder zwei Stunden. Die schlechteste Lösung aus Sicht Hatties: den Kindern Projekte als Hausaufgaben geben. Die beste Lösung: Die Hausaufgaben sollen bei der Vertiefung von etwas bereits Gelerntem helfen.

Lieber oft als viel

Die Erkenntnisse von Trautwein et al. widersprechen den Erkenntnissen der Metastudie (Untersuchung zahlreicher Studien) von Hattie nicht. Richtig umgesetzt, beeinflussen Hausaufgaben die Schulleistungen auf der Oberstufe positiv. Beim Umfang ist allerdings auch auf der Oberstufe Zurückhaltung angezeigt. Trautwein et al. liefern dazu eine einprägsame Hausaufgabenformel: Lieber oft als viel. Müssen Eltern bei den Hausaufgaben helfen, verpufft der positive Effekt.

Das Einüben der selbständigen Tätigkeit muss das Ziel sein, nicht eine grosse Verarbeitungsmenge.

In der Primarschule ist Zurückhaltung bei der Hausaufgabenmenge Pflicht. Eine Abschaffung der Hausaufgaben auf dieser Stufe würde sich nicht negativ auf die Schulleistungen auswirken. Allerdings: Wenn Hausaufgaben auf der Oberstufe einen positiven Effekt haben, dann macht es durchaus Sinn, das selbständige Vertiefen zu Hause schon in der Primarschule einzuüben. Bei der Hausaufgabenmenge dürfen und sollen sich Primarlehrpersonen allerdings getrost zurückhalten. Das Einüben der selbständigen Tätigkeit muss das Ziel sein, nicht eine grosse Verarbeitungsmenge. Für alle Lehrpersonen gilt: Die Schülerinnen und Schüler müssen die Hausaufgaben zwingend selbständig lösen können.

 

Quellen:
Trautwein, Ulrich / Köller, Olaf / Baumert, Jürgen (2001): Lieber oft als viel: Hausaufgaben und die Entwicklung von Leistung und Interesse im Mathematik-​Unterricht der 7. Jahrgangsstufe. In: Zeitschrift für Pädagogik, 47, 5, S. 703-724. Online abgerufen am 24.03.2015.

John Hattie auf BBC Radio 4. Online abgerufen am 24.3.201

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2 Kommentare

  1. Ergänzung: Wichtig ist, wie Lehrpersonen mit den gelösten Aufgaben im Unterricht umgehen, Feedback geben, wie sie diese in den Folgenstunden besprechen, sie einsammeln und korrigieren, darauf aufbauen. Geschieht dies konsequent, haben Hausaufgaben eine signifikante Wirkung aufs Lernen, wie J. C. Nunez et al. in “Teachers’ Feedback on Homework, Homework-Related Behaviors, and Academic Achievement”, October 2014, The Journal of Educational Research, nachgewiesen haben.
    Das Problem der Studien zu den Hausaufgaben besteht darin, dass die aufgewendete Zeit über Selbstbefragung erhoben wird. Rawson et. al. (2017) überprüften die Angaben, indem sie den Schülern eine Smartpen abgaben. Dabei stellten sie fest, dass die Probanden ihre Aufgabenzeit überschätzten (Homework and achievement. Using smartpen technology to find the connection).

  2. Hausaufgaben helfen mit, das zielgerichtetes Arbeitsverhalten zu fördern. Jugendliche in der Sekundarschüler arbeiten in den schulischen Übungsphasen viel speditiver, wenn sie wissen, dass die nicht erledigten Aufgaben zuhause fertig gelöst werden müssen. So werden Schulklassen die Zeit für selbständiges Arbeiten nach den Pausen oder in andern Zwischenphasen ganz anders nützen, wenn diese Einsicht bei den Jugendlichen verinnerlicht ist. Niemals dürfen Hausaufgaben jedoch in Auftrag gegeben werden, wenn schwächere Schüler ihre Trainingsaufgaben nicht verstanden haben. Hausaufgaben sind kein Ersatz für ungenügende Einführungen im Unterricht. Hausarbeiten sollen den behandelten Stoff vertiefen und in überschaubarem Rahmen selbständiges Lernen im Hinblick auf Prüfungen fördern.
    Gute Erfahrungen habe ich auch mit Hausaufgaben gemacht, die auf irgend eine Weise attraktiv sind. Das können gestalterische Aufgaben mit einfachen Zeichnungen zu den Realien sein, wo die Schüler das Gehörte aus den Lektionen Revue passieren lassen können. Wie Felix Schmutz finde ich, dass Hausaufgaben für die Schüler eine gewisse Relevanz haben müssen, indem sie korrigiert werden und integrierter Teil eines Lernprozesses sind. Wo Jugendliche aus unerfreulichen Lebensverhältnissen Mühe mit dem Erledigen einfacher Hausaufgaben haben, sind betreute Aufgabenstunden an den Schulen eine praktikable Lösung.

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