11. Juli 2020

Krise der Imagination

«Die digitalen Medien prägen unsere Welt auf umfassende Weise. Bildung bedeutet heute umso mehr, sich von ihrer Dominanz zu lösen», schreibt der Bildungswissenschaftler und Professor der Universität Zürich Roland Reichenbach in seinem Beitrag, den er uns zur Verfügung gestellt hat.

Die Krise der Ima­gination hat auch mit der aufdringlichen Präsenz von digi­talen Medien im Kinder­- und im Klassenzimmer zu tun.
Professor Roland Reichenbach: Schwarz und weiss, dazwischen gibt es nichts.

Überall «Digitalisierung» – man kann das Wort kaum noch hören. «Facebook liefert die Traumwohnung, Wikipedia die Bildung, LinkedIn den Job, Tinder die Liebe, Twitter die Anerkennung und Youtube macht uns alle zum Star», so Milos Matuschek kürzlich in der NZZ. Die Auswirkungen der Digitalisierung sind «offenbar selbst digital, schwarz und weiss, dazwischen gibt es nichts», hielten Kathrin Passig und Aleks Scholz 2015 in der Zeitschrift «Merkur» fest. Natürlich sei auch das Lernen heute «digital» oder hätte es zu sein, heisst es. Schleierhaft bleibt in der warmen Luft dieses aufdringlichen Diskurses, wie man sich digitale Lernprozesse in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler vorstellen soll.

Die Formel «gerade ein ressourcenarmes Land wie die Schweiz» ist immer passend, wenn Dringlichkeit suggeriert werden soll.

«Gerade für ein ressourcenarmes Land wie die Schweiz ist es wichtig, die Chancen, die sich durch die Digi­talisierung ergeben, bestmöglich zu nutzen», schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Die Armut an natürli­chen Rohstoffen wird immer wieder herangezogen, wenn es um die Bildung geht. Die Bildung, heisst es dann, sei unser Rohstoff beziehungsweise Rohstoffersatz. Wie schade, dass die Schweiz nicht über Erdöl oder wenigstens beispielsweise Zink oder Nickel verfügt, denn wie viele Bildungsanstren­gungen könnten den Schulkindern und Jugendlichen erspart bleiben! Aber ohne natürliche Rohstoffe ist das digi­tale Lernen natürlich unausweichlich. Die Formel «gerade ein ressourcenarmes Land wie die Schweiz» ist immer passend, wenn Dringlichkeit suggeriert werden soll. Also: Die Kinder eines ressourcenarmen Landes sollten keine Gedichte mehr auswendig lernen oder Berg­ und Flussna­men büffeln, sondern vielmehr «digital befähigt» werden.

Mit Sätzlirechnungen zu Äpfeln und Birnen, obsoleter Schönschrift, Aufsätzen über Ferienerleb­nisse, Singen von Quodlibets und altertümlichen Kanons sowie Waldexkursionen werden sie in dieser komplexen Umbruchswelt offenbar nicht bestehen können.

Sätzlirechnungen und Schönschrift

Die Zukunft ist ja digital.

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innova­tion (SBFI) und die Schweizerische Konferenz der kantona­len Erziehungsdirektoren (EDK) haben die educa.ch mit der Leitung der «Fachagentur für ICT und Bildung» beauftragt. Und aus dieser Fachagentur ist zu vernehmen: «Aufgabe der Schule ist es, Kinder und Jugendliche auf lebenslanges Lernen, eine immer komplexere Gesellschaft und eine Arbeitswelt in dauerndem Umbruch vorzubereiten.» Also schauen wir uns diese kindlichen und jugendlichen Kandi­datinnen und Kandidaten des lebenslangen Lernens in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, die sich in dauerndem Umbruch befindet, genauer an und überlegen, was sie lernen sollen. Mit Sätzlirechnungen zu Äpfeln und Birnen, obsoleter Schönschrift, Aufsätzen über Ferienerleb­nisse, Singen von Quodlibets und altertümlichen Kanons sowie Waldexkursionen werden sie in dieser komplexen Umbruchswelt offenbar nicht bestehen können. Denn die Welt ist ja digitalisiert und das Lernen mit dazu.

In «20 Minuten» wurde ein «Bildungsexperte» Ende Oktober 2016 gefragt, ob sich die Eltern zu Recht gegen das Auswendiglernen wehren würden. Der Bildungsexperte: «Ja, das klassische Auswendiglernen hat ausgedient. Anstatt wie früher die Namen von Flüssen und Hauptstädten zu pauken, sollten Schüler lernen, wie sie Informationen finden und welchen Quellen sie wie stark vertrauen können. Digital­kunde und richtiges Googeln sollten Schulfächer werden. Ansonsten drohen die Schüler in der Informationslawine zu ersticken.»

20 Minuten: «Warum ist das so?»

Bildungsexperte: «Die Menge an verfügbarem Wissen wächst immer schneller. Heute verdoppelt sie sich jedes Jahr, in zehn Jahren täglich. Wenn Schüler dann etwas auswendig lernen, ist es bereits veraltet, wenn es zur grossen Pause läutet.»

20 Minuten: «Also bleibt Schülern das Lernen von Franzwörtli bald erspart?»

Bildungsexperte: «Leider nicht. Damit man eine Sprache fliessend sprechen kann, ist es selbstverständlich notwendig, dass man über einen Wortschatz verfügt, den man sofort abrufen kann und nicht erst googeln muss. Ganz erspart bleibt den Schülern das Lernen also nicht.»

Bemerkens­wert ist aber auch, dass die Namen der Flüsse und Haupt­städte so schnell veralten. Da sollte man sie besser gar nicht auswendig lernen.

Es ist natürlich wirklich enttäuschend, dass trotz Google noch weiterhin gelernt werden muss! Bemerkens­wert ist aber auch, dass die Namen der Flüsse und Haupt­städte so schnell veralten. Da sollte man sie besser gar nicht auswendig lernen. Ob die brutale Halbwertszeit auch die binomischen Formeln oder den Subjonctif erfasst? Stimmt, selbst die Grammatik und Satzstruktur sowie das Vokabu­lar ändern sich ja sehr schnell, jedenfalls kommt es einem so vor, wenn man manchen Studierenden zuhört oder kor­rigieren muss, was sie geschrieben haben: Das sind ganz neue Ausdrucksweisen, da gibt es Satzzeichen mit bisher unbekannten oder auch ohne Funktionen, Substantive werden klein­ oder grossgeschrieben, je nachdem, das ist heute flexibler, die Sprache ist ja sehr lebendig.

Analoge Schüler mit Wandtafeldienst

Die Wandtafel speichert nichts.

Vor einiger Zeit gab es noch analoge schwarze Tafeln in diesen analogen Schulzimmern, dazu analoge weisse und farbige Kreide. Ein paar analoge Schüler hatten «Wandtafel­dienst», sie mussten die Tafeln immer wieder putzen, das heisst «deleten». Der geschriebene Text oder die Kreide­zeichnung verschwanden jeweils für immer. Die Wandtafel speicherte nichts. Dafür wurde abgeschrieben, abgezeich­net. Die Klasse behandelt das Thema «Hund», die Lehrerin hat am Vorabend einen Hund an die Tafel gemalt, das dauerte, sie hat sich Mühe gegeben. Man erkennt, es ist ein Hund, allerdings ein mittelmässiger Hund. Am nächsten Morgen werden die Tafelflügel geöffnet, eine Art theatrali­sche Inszenierung, und der mittelmässige Hund erscheint. Die Kinder sind beeindruckt: Erstens ist es ein Hund, zwei­tens möchten sie auch so zeichnen können. Später weigern sich die Schüler des Wandtafeldienstes, den Hund wegzuwischen, denn er wird für immer verschwinden. In der Stunde zeichnen die Kinder den Hund in ihre Hefte, das sieht noch mittelmässiger aus, aber sie sind ganz bei der Sache und geben sich Mühe, wie abends zuvor die Lehrerin.

Der schulische IT-Diskurs ist von neomanischem Gerede geprägt: Neu ist besser – und niemand weiss warum.

Hinsehen, um etwas zu reproduzieren, ist etwas ganz anderes, als nur zu schauen. Doch es gibt ja gute Filme über Hunde, Hunderassen, Hundedressur, den vielfältigen Einsatz von Hunden für den Menschen, was man will, Tau­sende von attraktiven Bildern; aber die Kinder wollen nicht, dass dieser im Grunde mickrige Kreidehund gelöscht wird. Es ist, als ob sie mehreren Umständen Anerkennung zollen würden: dass es diesen Hund nur einmal gibt und nur kurz, dass die Lehrerin ihn allein für sie gezeichnet hat, dass sie sich offenbar Mühe gegeben hat, dass sie Zeit «verloren» hat. Sie hätte effizienter sein können, Arbeitsblätter oder ein Film wären informativer gewesen, vielleicht hätten die Kinder auch inhaltlich mehr gelernt. Hier aber haben sie gemerkt: Die Lehrerin investiert viel Zeit in uns, und sicher mag sie Hunde.

Einbilden und erinnern

Lehrmittel zeigen nicht nur die Sache, sondern geben auch Auskunft über die Beziehung zwischen der Lehrperson und den Schülern. Die Lehrmittel sollen den Lernprozess erleichtern, allenfalls zunächst einmal stimulieren.

Etwas veranschaulichen heisst, ein Wissen vor Augen zu führen, damit der Lerner einsichtig werden möge oder zumindest einen Einblick in die Materie erhalte.

Die Lehrmittel sollen den Lernprozess erleichtern, allenfalls zunächst einmal stimulieren.

Während die Lehrmittel der Welt des Sichtbaren zugehö­ren, ist und bleibt der Kern des Lernens unsichtbar. Die Funktion der Lehrmittel ist das Sichtbarmachen dessen, was gelernt werden soll. Etwas veranschaulichen heisst, ein Wissen vor Augen zu führen, damit der Lerner einsichtig werden möge oder zumindest einen Einblick in die Materie erhalte. Die Grundfunktionen von Lehrmitteln sind die Vergegenwärtigungsfunktion und die Kommunikations­funktion. Abwesende/s präsent machen. In der Lehre hat Vergegenwärtigung oft Abbildcharakter, ein nicht präsenter Teil der Welt (des Wissens) wird abgebildet, um einen Zugang zu ihm zu erhalten oder zu simulieren.

Schule dient dazu, die Ver­mögen der Einbildung und des Erinnerns zu stärken, ohne die kulturelle Transmission nicht denkbar ist.

Ein Gegenstand ist allerdings erst dann verstanden, wenn der Lerner sich von diesem Abbild lösen und die Bildlichkeit des Wissens selber erzeugen kann. Das geht nicht ohne Imagination und Erinnerung. Schule dient dazu, die Ver­mögen der Einbildung und des Erinnerns zu stärken, ohne die kulturelle Transmission nicht denkbar ist. Die Kommu­nikationsfunktion dient der Herstellung der Präsenz und Sichtbarkeit von Personen. Virtuelle Lernräume ermögli­chen dies zeitnah und über Distanz und teilweise in schein­barer Unmittelbarkeit.

Sinn und Kohärenz herstellen

Nun sind mit den digitalen Medien beide Funktionen, Ver­gegenwärtigung und Kommunikation, sowohl hinsichtlich Effektivität als auch Effizienz gesteigert und erleichtert worden. Das ist zu begrüssen. Und das medientechnologi­sche Potenzial wird weiter optimiert werden können. Doch unabhängig von Vergegenwärtigung und Kommunikation muss weiterhin gelernt – Wissen und Können angeeignet – werden, und kein noch so raffiniertes Lehrmittel entlastet den Lerner von dieser Aufgabe, aber es mag sie erleichtern. Erleichterung und Optimierung sind gutzuheissen.

Es darf viel behauptet werden.

Kriti­sche Nachfragen beziehen sich auf nicht intendierte Nebeneffekte und die Voraussetzungen günstiger Nutzung von digitalen Medien. Analysen der Technologiefolgen gehören zur reflexiven Moderne. Allerdings sind Wirkungs­analysen höchst komplex, oft unmöglich, und es darf viel behauptet werden, was der empirischen Belegbarkeit ent­behrt. Doch aus einer pädagogischen und bildungstheoreti­schen Perspektive auf Lehre und Unterricht ist der schulische IT­-Diskurs vor allem von neomanischem Gerede geprägt: Neu ist besser – und niemand weiss warum. Ver­gessen wird, dass es (auch) beim schulischen Lernen vor allem auf das Üben ankommt. Mit oder ohne digitale Medien, Üben ist mit Anstrengung verbunden.

Nun sagt man zu Recht, es komme auf den Einsatz der digitalen Medien, auf den Umgang mit ihnen an. Das ist eine oberflächliche, aber gutgemeinte Empfehlung. Viel­ mehr kommt es auf die Voraussetzungen der Lernenden an, ihre Fähigkeit, Sinn und Kohärenz hinter den (oft zu) schnellen Oberflächen herzustellen. Dazu sind Imagina­tions-­ und Erinnerungsfähigkeiten sowie ein Ethos der Anstrengung vonnöten, beim kleinen Schüler ebenso wie bei den Studierenden. Die digitalen Medien prägen unsere Welt auf umfassende Weise. Bildung bedeutet heute umso mehr, sich von ihrer Dominanz zu lösen. Die Krise der Ima­gination hat auch mit der aufdringlichen Präsenz von digi­talen Medien im Kinder­- und im Klassenzimmer zu tun.

Schule und Ausbildung wären die Orte, dieser Krise zu begegnen, statt sie mit naivem Digi­Tech-Optimismus vor­anzutreiben.

 

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