20. September 2026
Der "Schulberater" und sein Einsatz für eine integrative Schule

Integrative Schule «Als der Schüler mich anspuckte war das so ein Kipp-Moment»

Der Zürcher Podcaster Sammy Frey berät Lehrer und Schul­leiter­innen, die am Integrations­system leiden. Leute wie den Primarlehrer Markus F., der sagt: «Die schulische Integration ist gescheitert.» Ausserdem kommt in diesem Interview noch Condorcet-Autor Philipp Loretz zu Wort. Wir bringen einen Beitrag der in den Tamedia erschienen ist.

Nach 15 Jahren als Seklehrer in Wallisellen und Sonderschullehrer für Verhaltensauffällige in Zürich bewarb sich Frey beim Zürcher Schulkreis Letzi als Schulpraxisberater. Seit 2023 berät er dort Schulleitungs- und Lehrpersonen. Er hilft, wenn sie bei der Integration von Schülerinnen und Schülern an Grenzen stossen.

Claudia Blumer, Journalistin der Tamedia.

Integration hat einen schweren Stand

Seit rund 20 Jahren werden Kinder mit Lernschwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeit oder Entwicklungsverzögerung ebenso in der Regelklasse unterrichtet wie Hochbegabte. Das Modell der integrativen Schule hat mittlerweile jedoch bei einem grossen Teil der Schweizer Lehrerschaft einen schweren Stand, wie eine Mitte August publizierte Umfrage des Lehrerinnen- und Lehrerverbands (LCH) ergeben hat. Viele empfinden die integrative Schule im Alltag als Belastung und sehen für die ganze Klasse kaum positive Lerneffekte.

Sammy Frey gehört zu den Befürwortern des Modells. Manche kennen den 48-Jährigen als Podcaster und Mundart-Musiker Sam National von Facebook und Youtube. Neben seinem 80-Prozent-Beraterjob im Schulkreis Letzi publiziert er Videos, oft mit bildungspolitischen Inhalten, macht Musik und berät auf freischaffender Basis Kunden wie etwa die beiden Kindergärtnerinnen, mit denen er später zum Videocall abgemacht hat.

Für Sammy Frey ist die Rückkehr zur Separation kein gangbarer Weg. Aufnahme vom 26. August 2026.

Was tun, wenn ein Schüler andere Kinder schlägt?

Doch es gab Momente, in denen auch er an Grenzen gestossen ist. Etwa am ersten Schultag in der Sonderschule für Kinder mit Verhaltensauffälligkeit und Sprachlernschwierigkeiten: «Ein Schüler spuckte mich an und biss mich noch in derselben Woche in den Arm. Das war so ein typischer Kipp-Moment.» In einer solchen Situation entscheide sich, ob eine Lehrperson weitermache oder aufgebe. Frey blieb fünf Jahre an der Sonderschule. «Mir hat das Gespräch mit der Schulleitung damals sehr geholfen. Ich habe gelernt, wie ich mit solchen Situationen umgehe.» 

Wer seinen Rat braucht, hat Probleme wie diese: Was tun, wenn ein Schüler immer wieder andere Kinder schlägt, würgt, die Treppe hinunterstösst? Wenn einer sich regelmässig in der Toilette einschliesst und partout nicht herauskommt? Oder gar nicht im Unterricht erscheint?  

«Die schulische Integration ist gescheitert»

Es ist schwierig, Lehrpersonen zu finden, die sich öffentlich und mit vollem Namen kritisch zur integrativen Förderung äussern. Im vertraulichen Gespräch jedoch reden sich manche den Frust von der Seele.

So auch Markus F., Primarlehrer in einem Zürcher Mittelstandsquartier. Er sagt: «Die schulische Integration ist gescheitert.» Dabei sei er bei der Einführung ein enthusiastischer Befürworter gewesen. Er habe sich an einer Pilotstudie der Universität Zürich beteiligt. Das Resultat damals: Integration nütze allen Kindern, jenen mit und jenen ohne Förderbedarf. Durchschnittlich oder besonders begabte Kinder würden keine Einbussen erleiden. Dieses Ziel sei «komplett verfehlt» worden, sagt der 52-Jährige heute.

«Diese sieben Schüler beanspruchen meine Ressourcen komplett, die übrigen zwei Drittel kommen schlicht zu kurz. Das ist verheerend»

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2 Kommentare

  1. Ein Zurück gibt es nicht mehr? Unter dieser Ägide wäre ich als Kunde beratungsresistent.
    Selbstverständlich gibt es ein Zurück. Das ist ja gerade die Unverfrohrenheit der Turboreformer: Schnell mal was installieren und dann – Ätschibätschi, schon installiert. Bleibt. Punkt.
    Man kann deinstallieren. Das geht auf dem Computer und das ginge auch in der Bildungslandschaft. Aber leider gilt: Normale Fürze verduften, Bildungsfürze bleiben.

  2. Dieser Artikel rückt zum ersten Mal die Perspektive der Unterrichtenden gebührend in den Vordergrund. Sie zeigt auf, dass es in der Praxis immer schwieriger wird, die Integration aller Kinder und Jugendlichen gewinnbringend umzusetzen. Irgendwer bleibt immer auf der Strecke: Entweder die Lernwilligen im Klassenzimmer oder die Störenden, die in letzter Konsequenz irgendwo im Nebenraum oder im Gang abserviert werden. Die Autorin kann es nicht lassen, am Schluss noch einen Schwärmer zu zitieren, der zwar genau weiss, wie man es machen muss, aber statt selbst zu unterrichten und seine Weisheiten vorzuleben, seine Nerven schont, indem er als Berater und Blogger fungiert.

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