23. Juli 2026
Reaktion auf eine Titelgeschichte der Tamedia

Schulkinder werden nicht aussortiert – sie sind kein Wegwerfmaterial

Der Schweizerische Schulleiterverband will drei störende Einrichtungen in unserem Schulsystem abschaffen: Die Selektion, die Noten und die Hausaufgaben. Mit viel Geld der Mercatorstiftung lanciert sie regelmässig und zuverlässig erfolglos immer wieder Pressekampagnen, welche diesen Zielen zum Durchbruch verhelfen sollen. Dabei wird die Wortwahl immer greller. Fleissig unterstützt von der Tamedia wird nun das Wort “Aussortieren” in die Schlagzeilen gehypt. Ein feiner Seitenhieb auf die vielen Reallehrer, welche diese “Aussortierten” unterrichten und ihnen zu einer Lehrstelle verhelfen. Condorcet-Autor Carl Bossard schreib der Chefradaktorin Raphaela Birrer einen Brief, den wir hier gerne aufschalten.

Headline article about Switzerland sorting out schoolchildren early; accompanying map of Europe with a green 'spät' label and a person gesturing in the foreground.
Condorcet-Autor Carl Bossard: «Keine Studie zeigt, dass die vielen Reformen den Unterricht qualitativ verbessert hätten.»
Raphaela Birrer (* 1983 in Luzern) ist eine Schweizer Politologin, Journalistin und Chefredaktorin des Tages-Anzeigers.

Sehr geehrte Frau Birrer

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion Tages-Anzeiger

Der Tages-Anzeiger hat am 14. Juli die frühe Gliederung der Schweizer Volksschule zum grossen Thema gemacht. Über Bildungspolitik kann man verschiedener Meinung sein. Was mich stört, ist die Sprache, mit der diese Meinung transportiert wird.

Bereits auf der Frontseite heisst es: «Schweiz sortiert Schulkinder so früh aus wie kaum ein Land.» Auf Seite 3 werden die Begriffe «aussortieren» und «Selektion» in Titel, Untertitel und Text beinahe gebetsmühlenartig wiederholt. Das ist mehr als eine unglückliche Wortwahl. Sprache prägt Wahrnehmung. «Aussortieren» verbindet man mit Ausschussware, verdorbenen Lebensmitteln oder Abfall – nicht mit Kindern. Wer Schülerinnen und Schüler «aussortiert», suggeriert, sie würden ausgeschieden oder gar weggeworfen. Tatsächlich wechseln sie nach der Primarschule in unterschiedliche Bildungswege. Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Der Weg über Berufslehre, Berufsmaturität, Fachhochschule, Passerelle oder Kurzzeitgymnasium zeigt, dass Bildungsbiografien offenbleiben. Nicht jede erste Weichenstellung ist eine endgültige Entscheidung.

Ebenso problematisch erscheint mir die Behauptung, in der sechsten Klasse werde «über die Zukunft des Nachwuchses entschieden». Das trifft auf das heutige Schweizer Bildungssystem gerade nicht zu. Seine grosse Stärke liegt in der Durchlässigkeit. Der Weg über Berufslehre, Berufsmaturität, Fachhochschule, Passerelle oder Kurzzeitgymnasium zeigt, dass Bildungsbiografien offenbleiben. Nicht jede erste Weichenstellung ist eine endgültige Entscheidung.

Über den richtigen Zeitpunkt einer ersten Leistungsdifferenzierung lässt sich mit guten Argumenten streiten. Ebenso darüber, wie soziale Benachteiligungen vermindert werden können. Eine solche Diskussion verdient jedoch eine Sprache, die beschreibt, statt moralisch vorzuentscheiden.

Auch der Begriff «Selektion» sollte mit grösserer sprachlicher Sensibilität verwendet werden. Er ist historisch belastet und bezeichnet weit mehr als eine neutrale schulische Einteilung. Selektion ist nicht Auslese. Sie ist die Suche nach dem Bildungsweg, auf dem ein junger Mensch seine Möglichkeiten entfalten kann. Im Bildungswesen geht es nicht um das Ausscheiden von Kindern, sondern darum, ihnen jene Bildungsform zu eröffnen, die ihren Fähigkeiten und ihrer Entwicklung am besten entspricht.

Wer mit seiner Wortwahl das Urteil bereits vorwegnimmt, erschwert die sachliche Auseinandersetzung.

Kinder sind verschieden. Sie lernen unterschiedlich schnell, entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo und bringen unterschiedliche Begabungen mit. Ein gerechtes Bildungssystem nimmt diese Verschiedenheit ernst. Es eröffnet verschiedene Wege, hält Übergänge offen und ermöglicht neue Chancen. Das ist etwas grundlegend anderes als das Bild vom «Aussortieren».

Gerade weil die Frage der Chancengerechtigkeit so wichtig ist, sollten wir sorgfältig mit unseren Begriffen umgehen. Wer mit seiner Wortwahl das Urteil bereits vorwegnimmt, erschwert die sachliche Auseinandersetzung.

Mit freundlichen Grüssen

Carl Bossard, Stans

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