

Sehr geehrte Frau Birrer
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion Tages-Anzeiger
Der Tages-Anzeiger hat am 14. Juli die frühe Gliederung der Schweizer Volksschule zum grossen Thema gemacht. Über Bildungspolitik kann man verschiedener Meinung sein. Was mich stört, ist die Sprache, mit der diese Meinung transportiert wird.
Bereits auf der Frontseite heisst es: «Schweiz sortiert Schulkinder so früh aus wie kaum ein Land.» Auf Seite 3 werden die Begriffe «aussortieren» und «Selektion» in Titel, Untertitel und Text beinahe gebetsmühlenartig wiederholt. Das ist mehr als eine unglückliche Wortwahl. Sprache prägt Wahrnehmung. «Aussortieren» verbindet man mit Ausschussware, verdorbenen Lebensmitteln oder Abfall – nicht mit Kindern. Wer Schülerinnen und Schüler «aussortiert», suggeriert, sie würden ausgeschieden oder gar weggeworfen. Tatsächlich wechseln sie nach der Primarschule in unterschiedliche Bildungswege. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Der Weg über Berufslehre, Berufsmaturität, Fachhochschule, Passerelle oder Kurzzeitgymnasium zeigt, dass Bildungsbiografien offenbleiben. Nicht jede erste Weichenstellung ist eine endgültige Entscheidung.
Ebenso problematisch erscheint mir die Behauptung, in der sechsten Klasse werde «über die Zukunft des Nachwuchses entschieden». Das trifft auf das heutige Schweizer Bildungssystem gerade nicht zu. Seine grosse Stärke liegt in der Durchlässigkeit. Der Weg über Berufslehre, Berufsmaturität, Fachhochschule, Passerelle oder Kurzzeitgymnasium zeigt, dass Bildungsbiografien offenbleiben. Nicht jede erste Weichenstellung ist eine endgültige Entscheidung.
Über den richtigen Zeitpunkt einer ersten Leistungsdifferenzierung lässt sich mit guten Argumenten streiten. Ebenso darüber, wie soziale Benachteiligungen vermindert werden können. Eine solche Diskussion verdient jedoch eine Sprache, die beschreibt, statt moralisch vorzuentscheiden.
Auch der Begriff «Selektion» sollte mit grösserer sprachlicher Sensibilität verwendet werden. Er ist historisch belastet und bezeichnet weit mehr als eine neutrale schulische Einteilung. Selektion ist nicht Auslese. Sie ist die Suche nach dem Bildungsweg, auf dem ein junger Mensch seine Möglichkeiten entfalten kann. Im Bildungswesen geht es nicht um das Ausscheiden von Kindern, sondern darum, ihnen jene Bildungsform zu eröffnen, die ihren Fähigkeiten und ihrer Entwicklung am besten entspricht.
Wer mit seiner Wortwahl das Urteil bereits vorwegnimmt, erschwert die sachliche Auseinandersetzung.
Kinder sind verschieden. Sie lernen unterschiedlich schnell, entwickeln sich in unterschiedlichem Tempo und bringen unterschiedliche Begabungen mit. Ein gerechtes Bildungssystem nimmt diese Verschiedenheit ernst. Es eröffnet verschiedene Wege, hält Übergänge offen und ermöglicht neue Chancen. Das ist etwas grundlegend anderes als das Bild vom «Aussortieren».
Gerade weil die Frage der Chancengerechtigkeit so wichtig ist, sollten wir sorgfältig mit unseren Begriffen umgehen. Wer mit seiner Wortwahl das Urteil bereits vorwegnimmt, erschwert die sachliche Auseinandersetzung.
Mit freundlichen Grüssen
Carl Bossard, Stans


Als Reallehrer hatte ich die interessante Aufgabe, Jugendliche in der Sekundarschule B zu fördern. Das war für mich pädagogisch spannend und herausfordernd. Viele etwas langsamer lernende Schüler erlebten in den homogeneren B-Klassen das gute Gefühl, in der Schule wieder erfolgreich zu sein. Dazu half eine Pädagogik der konsequenten Ermutigung und der Leistungsfreude.
Als Klassenlehrer mit vollem Pensum und viel pädagogischer Freiheit konnte ich mir Zeit nehmen, die Grundlagen in zentralen Leistungsbereichen sowie in den für ein waches Weltverstehen so wichtigen Realienfächern solid zu vermitteln. Kein Druck durch einen randvollen Lehrplan hinderte mich daran, den Unterricht auf Nebenschauplätzen zu verzetteln. Was zählte, waren Schüler, die mit einem gefüllten Rucksack an Grundkompetenzen und gutem Selbstvertrauen ihre Berufslehre beginnen konnten. Die Lehrmeister wussten, dass aus den meisten Sek B-Klassen verlässliche Schüler kamen. Und wie mir spätere Begegnungen mit ehemaligen Schülerinnen und Schülern zeigten, haben manche die vorhandenen Passerellen benützt, um mit einer höheren Berufsbildung oder an einer Fachhochschule ihre Ausbildung fortzusetzen.
Man reibt sich schon die Augen, wenn jetzt gut funktionierende Sekundarschulen mit leistungsdifferenzierten Abteilungen durch üble Etikettierungen als Auslaufmodelle diffamiert werden. Dies umso mehr, als Leistungsvergleiche zwischen den bisherigen Modellen der Oberstufe einerseits und den ungegliederten Gesamtschulen andererseits eher die bisherigen Systeme im Vorteil sehen. Carl Bossard hat vollkommen recht, wenn er diese von Schlagworten gespickte Art der Bildungsdiskussion deutlich kritisiert. Ganz sicher aber besteht kein Grund, die Systemfrage zum Dreh- und Angelpunkt einer Radikalreform zu machen, solange deren Wirksamkeit überhaupt nicht geklärt ist.
Eine weit stärkere Wirkung würde erzielt, wenn endlich mit aller Macht die bestens bekannten Baustellen der Volksschule behoben würden. Doch das ist offensichtlich um einiges schwieriger, als mit verlockenden Versprechungen eine nächste Reformwelle auszulösen. Besser wäre es daran zu erinnern, dass eine gute Schule sehr viel mehr vom Engagement pädagogischer Persönlichkeiten abhängt als von irgendwelchen Systemen. Die Förderung praxisnäherer Fachdidaktiken in der Lehrerbildung und freiheitliche Rahmenbedingungen im pädagogischen Berufsfeld verdienten deshalb deutlich mehr Aufmerksamkeit als jede noch so laut angekündigte Strukturreform.
Je älter Kinder werden, desto mehr driften die Begabungen auseinander: Das ist so im Sport, in der Musik, in der zeichnerischen und handwerklichen Geschicklichkeit und im kognitiven Bereich. Wenn die Jugendlichen nicht nach Leistungsfähigkeit gruppiert werden können, ergeben sich zwei Szenarien.
Das eine habe ich in England erlebt: Die Klasse bildet drei Reihen. In der vordersten sitzen die Eifrigen, ihre Hände sind konstant oben, sie gehen intensiv mit. In der zweiten sitzen diejenigen, die gerne möchten, ihre Bücher sind offen, den Gesichtern sieht man oft Ratlosigkeit an, ab und zu versucht einer eine Antwort oder eine Frage. In der hintersten Reihe sitzen diejenigen, die sich anderweitig beschäftigen, sie spielen, unterhalten sich gedämpft, der Unterricht geht an ihnen vorbei.
Das zweite Szenarium: Individualisierung. Jede kognitiv ähnlich begabte Gruppe erhält ihr eigenes Programm und muss sich, falls keine zweite Lehrperson verfügbar ist, meist alleine durch den Stoff ihren Weg bahnen. Insbesondere für die Schwächeren fehlt die Leitung durch das Dickicht. Aber auch die Stärkeren werden zu wenig gefordert. In kürzester Zeit haben sie ihr Pensum erfüllt, verhalten sich jedoch still, damit sie nicht zusätzliche Arbeit aufgebrummt bekommen.
Der Verzicht auf Differenzierung verlangt auf der Sekundarstufe eigentlich Unmögliches.