Um die Leistungen von Schülerinnen und Schülern in Deutschland steht es im Schnitt schlecht. Dafür geht es ihren Noten recht gut. Wie passt das zusammen? Und was geht in Lehrerköpfen vor, wenn sie Zensuren vergeben? Um darüber zu sprechen, treffen wir in einem Videogespräch: eine Grundschullehrerin, 30, die eine vierte Klasse unterrichtet; einen 43-jährigen Realschullehrer der Klassenstufen 5 bis 11, und einen Gymnasiallehrer, 57. Damit sie frei reden können, treten die drei bei diesem Lehrerstammtisch anonym auf.


DIE ZEIT: Noten sollen gerecht sein, aber jeder weiß aus eigener Erfahrung: Bei dem einen Lehrer bekommt man nie eine Eins, der andere winkt großzügig durch. Zu welcher Fraktion gehören Sie?
Die Grundschullehrerin: In meinen Aufgabenstellungen steht oft so was wie: “Unterstreiche mit Lila und benutze ein Lineal!” Wer das schafft, kriegt dafür schon mal einen Punkt. Du bist Viertklässler, hast die Aufgabe richtig gelesen, herzlichen Glückwunsch! Ich fiebere vor allem bei den leistungsschwächeren Schülern total mit, deshalb formuliere ich die Aufgaben so, dass auch sie Punkte bekommen können.
Der Realschullehrer: Ich bin auch Team “Auge zudrücken”. Mir tut es jedes Mal weh, wenn ich schlecht bewerten muss, und je älter ich werde, desto schlimmer wird das. Im Zweifelsfall gebe ich immer die bessere Note. Aber ich kenne auch Kollegen, denen es eine gewisse Genugtuung verschafft, Schüler mit einer schlechten Note abzuwatschen.
Der Gymnasiallehrer: Noten sind immer subjektiv! Wir können da nicht nur Zahlenreihen zusammenrechnen, sondern müssen schauen: Was bringt der einzelne Schüler, die einzelne Schülerin mit? Ich bin auch stellvertretender Schulleiter, und wenn jetzt am Schuljahresende die Noten eingetragen werden, gucken wir uns schon an, bei wem es mit der Versetzung knapp ist. Die “sonstige Mitarbeit” macht rund fünfzig Prozent der Note aus, und die einzelnen Lehrkräfte kommen mit sehr unterschiedlichen Eindrücken aus dem Unterricht. Da sprechen wir auch mal mit ihnen, ob nicht noch was zu machen ist.

ZEIT: Entstehen bei so viel Nachsicht nicht Noten, die die Schüler gar nicht verdient haben?
Grundschullehrerin: Wie definieren Sie denn “verdient”? Hat ein Kind eine Note verdient, wenn es in eine Familie reingeboren wurde, in der sein Vater jeden Abend mit ihm liest? Oder eins, das fast nichts versteht, sich aber anstrengt und verbessert?
ZEIT: Wir spielen natürlich auf die deutsche Bildungsmisere an. Während die gemessenen Leistungen, etwa bei Pisa, seit zehn Jahren wieder schlechter werden, werden die Noten stetig besser. Das legt die Vermutung nahe, dass Noten frisiert werden.
Gymnasiallehrer: Über die Inflation der guten Noten können wir gleich reden, aber ich möchte einmal klarstellen: Noten bilden oft keine grundlegenden Fähigkeiten ab, das ist ein Missverständnis. Ich nehme als Lehrer etwas durch, und das frage ich dann ab. Diese Momentaufnahme bildet eine Note ab.
Grundschullehrerin: Böse gesagt: Gute Noten kriegt man auch für die Kompetenz, im richtigen Moment das zu antworten, was die Lehrkraft hören will.
Realschullehrer: Wir könnten unseren Unterricht natürlich mehr auf internationale Vergleichsarbeiten ausrichten. Dann würden die Schülerinnen und Schüler bei Pisa oder Iglu vielleicht auch besser abschneiden. Aber bringt das wirklich was? Einerseits will man alle mit allen vergleichen, andererseits soll alles maximal individualisiert und differenziert sein, um für jeden Einzelnen das Bestmögliche rauszuholen…
Und nein, natürlich sind unsere Schüler nicht Jahr für Jahr klüger oder leistungsstärker geworden.
ZEIT: Noch mal zu den vielen guten Noten. Liegen die am Druck von außen?
Gymnasiallehrer: Die Noteninflation ist politisch gewollt, Punkt. Seit in unserem Bundesland das Zentralabitur eingeführt wurde, hat sich der Abiturschnitt jedes Jahr um 0,1 Prozent verbessert. Und darauf wird stolz verwiesen! Aber wie erreicht man das? In meiner Wahrnehmung, indem die zentralen Aufgaben sukzessive leichter gemacht und die Hilfen erhöht werden. Beispiel Geschichte: Da kommen jetzt in der Abiturprüfung Bildquellen statt Texte vor. Und bei Bildanalysen bekommt man schon ein Drittel der Punkte, wenn man das Bild beschreiben kann. Von der Landesregierung werden wir darauf hingewiesen, dass die volle Punktzahl zu vergeben ist, auch wenn die erbrachte Leistung kleinere Mängel gegenüber der Modelllösung aufweist. Und nein, natürlich sind unsere Schüler nicht Jahr für Jahr klüger oder leistungsstärker geworden.
Wie sind bei dem Kind die Eltern drauf?
ZEIT: Auch der Druck von Eltern dürfte eine Rolle spielen, oder?
Grundschullehrerin: Ich habe Kolleginnen, die sagen offen: Den Stress mit bestimmten Eltern gebe ich mir nicht mehr, lieber finde ich irgendwo noch einen halben Punkt in der Arbeit. Manchmal fragen mich Kolleginnen nach einer Leistungsprobe: Sag mal, wie sind bei dem Kind die Eltern drauf, wie soll ich korrigieren? Wir denken mittlerweile sogar bei der Aufgabenstellung die Eltern mit! Damit bloß keine Mutter oder kein Vater hinterher auf die Idee kommt, man hätte das auch anders interpretieren können. Manche Eltern drohen sogar mit dem Anwalt. Das kommt aber selten vor und hängt stark vom sozialen Status der Familien ab.
Realschullehrer: Wenn man als Lehrkraft Angst davor hat, wegen Noten angegriffen zu werden, sich rechtfertigen zu müssen, läuft das natürlich im Kopf mit. Ich musste mal vor dem Verwaltungsgericht aussagen – wegen einer mündlichen Abschlussprüfung, an der ich beteiligt war und die die Eltern angefochten haben. Weil ihr Sohn meinte, er sei sehr viel besser gewesen. Die Schule und ich brauchten Rechtsbeistand, das war kein gutes Gefühl.
Gymnasiallehrer: Es ist ein Unding, dass Noten vor Gericht eingeklagt werden können, kompletter Bullshit! Natürlich gibt es auch ungerechte Lehrkräfte, ich würde aber behaupten: Das sind eher Ausnahmen. Und niemand von den Eltern, Anwälten, Richtern war doch bei der Prüfung dabei und kann die Leistung einschätzen! Gerichte können nur entscheiden, ob formal alles eingehalten wurde. Es wäre besser, wenn man erfahrene Lehrkräfte als Ombudsleute einsetzen würde, die sich strittige Fälle anschauen.

ZEIT: Das Gefühl, dass eine bestimmte Lehrerin, ein bestimmter Lehrer einen nicht mag und deshalb schlechter bewertet, kennt wohl fast jedes Kind und auch fast jeder Elternteil.
Gymnasiallehrer: Natürlich gibt es auch Schüler, die man nicht leiden kann. Aber im Schriftlichen gibt man die Note, von der man überzeugt ist. Im Mündlichen hingegen glaube ich schon, dass Noten manchmal zur Disziplinierung missbraucht werden. Das kriegen vor allem die Jungs zu spüren, die sich nonkonform verhalten. Manche Lehrer – sehr wenige! – versuchen dann, ob bewusst oder unbewusst, sie mit Noten zu kujonieren.
ZEIT: Wie ist es mit der Laune, beeinflusst es Sie beim Zensieren, ob Sie gerade gut oder schlecht drauf sind?
Grundschullehrerin: Also, von meiner Laune hängt es nicht ab, welche Note ich gebe. Wenn ich merken würde, dass mich gerade etwas nervt, würde ich sofort aufhören.
Realschullehrer: Ich habe während der Pfingstferien eine Deutscharbeit korrigiert – da saß ich am Meer. Und ich muss sagen, irgendwie hat’s schon mehr Spaß gemacht als sonst, vielleicht war ich da etwas großzügiger bei der Bewertung.
Noten sind nicht alles
ZEIT: Dafür, wie subjektiv Noten offenbar vergeben werden, sind sie sehr einflussreich, was den weiteren Lebensweg angeht. Spüren Sie dies als besondere Verantwortung?
Grundschullehrerin: Sicher. Bei uns sind die sogenannten Übertrittszeugnisse, die Halbjahresnoten der vierten Klasse, entscheidend für die Schulempfehlung, die ein Kind bekommt. Damit zeichnen wir einen Weg vor, auch wenn die Eltern mitentscheiden. Ich habe für jedes Kind noch eine extra DIN-A5-Seite dazugeschrieben, auf der ich seine Stärken hervorhebe, weil ich ihnen zeigen wollte, dass Noten nicht alles sind. Zugegeben, das ist schon ziemlich schnulzig. Da steht dann nicht: “Du kannst in Mathe dies oder jenes”, sondern so Sätze wie: “Ich bewundere dich für deine ruhige Art.”
Ich glaube, wir brauchen sie nicht. Noten verändern das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen. Und sie erzeugen Angst.
ZEIT: Wir wollen hier keine Grundsatzdebatte führen, aber doch ganz kurz: Braucht Schule überhaupt Noten?
Gymnasiallehrer: Was wir vor allem brauchen, sind Lehrerinnen und Lehrer, deren erster Impetus es ist, den Schülern zugewandt zu sein! Das ist das Entscheidende, dann läuft es. Wenn Noten verantwortungsvoll gegeben werden, von Leuten, die in ihrem Job richtig sind, können wir sie verwenden. Dann sind Noten okay.
Realschullehrer: Sehe ich anders. Ich glaube, wir brauchen sie nicht. Noten verändern das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen. Und sie erzeugen Angst. Kinder brauchen aber vor allem Feedback. Die lechzen nach unserer Aufmerksamkeit und Bestätigung.
Gymnasiallehrer: Was ist mit guten Noten? Die kommen mir hier ein bisschen zu kurz. Ich erlebe es oft, gerade bei männlichen Schülern, dass die durchaus auf ihre eigenen Leistungen schauen, sich auch bei anderen mitfreuen und deren Leistungen anerkennen. Da haben Noten einen motivatorischen Effekt! Und solange die Zugänge zu Ausbildungs- oder Studienplätzen so organisiert sind, wie sie es sind, muss man Leistungen irgendwie einschätzen.
KI wird zur Arbeitsvermeidung genutzt
ZEIT: Das ist das Stichwort für das nächste Riesenfass: KI. Nimmt das Noten nicht jegliche Aussagekraft?
Grundschullehrerin: Im Grundschulbereich sind wir davon bislang weit entfernt. Die Basics, also Lesen lernen, Schreiben lernen, Texte verstehen – das wird hoffentlich nie verloren gehen, dass Kinder das selbst können sollten.
Realschullehrer: Wir haben an unserer Schule darauf noch keine gemeinsame Antwort gefunden, aber ich persönlich habe mich von verpflichtenden Hausaufgaben mittlerweile verabschiedet. Weil die in den seltensten Fällen noch selbst gemacht sind. Ich bin ein grundoptimistischer Mensch, ich hoffe, wir entdecken auch noch positive Möglichkeiten für den Einsatz von KI in der Schule. Aber zurzeit wird sie eher zur Arbeitsvermeidung genutzt.
Gymnasiallehrer: Spitz formuliert: Seit KI macht mir mein Beruf nur noch halb so viel Spaß. Wir haben mittlerweile ständig mit der Frage zu tun, wer mit KI gemogelt hat und ob wir es nachweisen können. Währenddessen verkümmert die Kreativität der Schülerinnen und Schüler, weil die, egal, ob in Kunst oder Politik, in Englisch oder Geschichte, nur noch ChatGPT anschmeißen. Ganz schlimm.

ZEIT: Ist der benotete Aufsatz tot?
Gymnasiallehrer: Als Hausaufgabe ist er tot, ja. Klar, wir könnten in Zukunft auch die Qualität von Prompts benoten. Das ist aber nicht das, was ich beruflich mal machen wollte.
ZEIT: Freuen Sie sich denn trotzdem auf die Zeugnisvergabe?
Grundschullehrerin: Bei uns ist das jetzt keine große Sache mehr, der Schulübergang stand ja schon vorher fest. Es geht mehr um den Abschied von den Freunden.
Realschullehrer: Letztes Jahr hatte ich eine Abschlussklasse, da waren Schülerinnen und Schüler dabei, die ich seit der fünften Klasse begleitet habe. Da liegt man sich schon in den Armen und weint. Den Schülern mit schlechten Noten versuche ich immer, noch ein paar wertschätzende Worte mitzugeben.
Gymnasiallehrer: Ich habe mich immer darauf gefreut, Zeugnisse auszugeben. Die, die sitzen bleiben, erfahren das eine Woche vorher und müssen nicht mehr kommen. Manche sind trotzdem freiwillig da. Aber Zeugnistag bedeutet ja nicht nur Noten und Abschied, sondern auch Ferienanfang – und darauf freuen sich alle.
Anant Agarwala, Stv. Leiter Bildungsressort und Textchef, DIE ZEIT
Dr. Astrid Herbold, Referentin des Chefredakteurs / ZEIT-Autorin

