Es kommt nicht häufig vor, dass Buben in einem seriösen Text als mögliche Verlierer einer feminin geprägten Pädagogik bezeichnet werden. Der unaufgeregte Beitrag von Susanne Gaschke in der NZZ zu diesem weitgehend verdrängten Thema lässt aufhorchen, da die Autorin einige interessante Überlegungen anstellt. Weit weg von der an einigen Pädagogischen Hochschulen verkündeten Idee, die geschlechtliche Zuordnung bei Lehrpersonen sei eine rein soziale Konstruktion und in der Erziehung ohne Bedeutung, hebt sie die Vorbildfunktion von männlichen Lehrkräften bei Buben hervor. Das sind Töne, die zwar nicht ganz neu sind, aber selten so deutlich zu hören waren wie in dem durch eindrückliche Daten untermauerten Beitrag.
Einseitig zusammengesetzte Schulteams weisen blinde Flecken auf
Sind Buben wirklich benachteiligt, wenn sie im Lauf ihrer Schullaufbahn selten oder fast gar nie von Lehrern unterrichtet werden? Ich meine, dass die Frage differenziert beantwortet werden muss, um den schwindenden männlichen Einfluss auf die Pädagogik erkennen zu können. Um häufige Missverständnisse gleich auszuräumen, kurz zwei persönliche Bemerkungen im Voraus: Für mich ist unbestritten, dass engagierte Lehrerinnen mindestens so gute Führungskräfte im Schulzimmer sind wie ihr männliches Pendant. Auch habe ich als Schüler von starken und klugen Pädagoginnen viel profitiert.
Männer setzen in manchen Bereichen jedoch häufig andere pädagogische Akzente und ihre schulischen Schwerpunktthemen liegen oft anderswo. Solange beide Geschlechter in einem Schulteam (Lehrkörper) zahlenmässig ausgewogen vertreten sind, fällt dies nicht ins Gewicht. In einem einseitig zusammengesetzten Schulteam hingegen kann sich unter Umständen eine Schulkultur herausbilden, die gewisse blinde Flecken aufweist.

Nachfolgend habe ich versucht, einige Themenkreise hervorzuheben, bei denen die unterschiedlichen Geschlechterrollen eine Rolle spielen können. Dabei ist auf gar keinen Fall gemeint, dass bestimmte Eigenschaften nur einer Lehrerin oder einem Lehrer zugeschrieben werden können. Das wäre eine üble Simplifizierung. Doch es gibt geschlechtsspezifische Tendenzen im pädagogischen Verhalten, die bei unvoreingenommener Betrachtungsweise nicht von der Hand zu weisen sind.
Kommunikative Orchesterdirigentin oder überzeugender Klassenkapitän?
Zu den Stärken weiblich geprägter Pädagogik gehört ein kommunikativer Umgang mit den Schülerinnen und Schülern. Das kommt bei den Mädchen in der Regel besser an als bei den in der sozialen Entwicklung oft etwas nachhinkenden Buben. Für sie kann ein ausgeprägt kommunikativer Schulstil unter Umständen überfordernd sein. In gemischten Schulteams werden die Nachteile einer auf viel Selbstdisziplin beruhenden Lernkultur in internen Teamdiskussionen vermutlich häufiger zur Sprache kommen. Das führt dazu, dass im Schulalltag der meisten Klassen auch pädagogische und didaktische Konzepte mit klaren Instruktionen ihren festen Platz haben.
Buben wollen wissen, woran sie sind. Sie sind überhaupt nicht unglücklich, wenn eine Lehrkraft in gewissen Situationen ohne langes Abwägen klar sagt, was es zu tun gilt. Wichtig für Buben (und natürlich auch für Mädchen) ist, dass die Lehrperson fair ist und ihr Vertrauen gewonnen hat. Diese begründete Art der erzieherischen Autorität kann in Form von austauschbaren Bildern einer Orchesterdirigentin oder eines Kapitäns vereinfacht dargestellt werden. Ein Lehrer als Kapitän führt mit Motivationskraft bei Sturm und schönem Wetter das Klassenschiff auf ein grosses Ziel zu. Eine Lehrerin als Orchesterdirigentin will ein grosses musikalisches Werk so zur Geltung bringen, dass alle Musikerinnen mit Freude ihr Bestes geben. Die Lehrkräfte setzen dabei unterschiedliche Akzente, aber die typisierten Rollenbilder symbolisieren ein Stück weit die unterschiedlichen Führungsstile von Lehrkräften. Für Buben ist es in jedem Fall wichtig, dass sie es im Lauf ihrer Schullaufbahn auch einmal mit einem Kapitän zu tun bekommen und dabei merken, dass ein Lehrer auf eine etwas andere Art eine Klasse führen und für eine Sache begeistern kann.

Buben wollen sich in fairem Wettkampfsport messen
Das Kämpferische der Buben sollte in richtige Bahnen gelenkt werden. Die Tendenz mancher von femininer Vorsicht geprägter Schulteams, alles wettkampfmässige Messen als problematisch zu taxieren, wird den meisten Buben nicht gerecht. Das blosse Verdrängen des Aggressiven ist keine nachhaltige Lösung. Statt auf Völkerballspiel zu verzichten, ist es besser, die Regeln des Spiels so anzupassen, dass möglichst alle daran Spass haben (leichter Ball, Varianten mit Kegeln, usw.). Ernste Bedenken, dass kämpferische Spiele wie Handball oder Unihockey dem Gemeinschaftssinn einer Klasse schaden würden, sind nur dann begründet, wenn die feste Hand einer kompetenten Spielleitung fehlt. Wo Lehrkräfte durch einen geschickten Trainingsaufbau in eine Sportart einführen und das sportliche Geschehen gut kontrollieren, lernen Buben und Mädchen in den kompetitiven Teamsportarten viel über den Umgang mit ihren eigenen Aggressionen und darüber hinaus fürs Leben. Die Vorbildfunktion stets fairer Lehrerinnen und Lehrer im Schulalltag ist dabei für alle Schüler von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Offenheit für Fremdsprachen versus spannender Realienunterricht?
Schulteams mit einer deutlich überwiegenden Anzahl an Lehrerinnen weisen in der Regel eine stärkere Affinität zu den Sprachen auf. Lehrerinnen sind sprachlich oft versierter, da sie das Kommunikative stärker pflegen. Ihre Aufmerksamkeit gilt der Farbigkeit und dem Reichtum der sprachlichen Welten. Das schliesst überhaupt nicht aus, dass es manche Lehrerinnen gibt, die grosses Interesse an Naturwissenschaften haben und im Rahmen ihres Schulteams dort ihre Stärken zeigen. Dennoch lässt sich kaum übersehen, dass in vielen Schulhäusern die Biologie-, Physik- und Chemiesammlungen nur langsam aufgebaut und wenig genutzt werden. Dieses Manko trifft in der Regel die Buben stärker, da für sie das Aufregende der naturwissenschaftlichen und technischen Experimente ein wesentlicher Teil eines attraktiven Unterrichts ist. Sie verzichten viel lieber aufs Frühfranzösisch als auf einen spannenden Realienunterricht.
Der Weg zu diesem Ziel dürfte allerdings einer Herkulesaufgabe entsprechen, da viele Männer in der Pädagogik kein für sie passendes Berufsfeld mehr sehen.
Anzustreben sind gemischte Schulteams mit starken Klassenlehrkräften
Die zahlenmässige Dominanz des weiblichen Lehrpersonals in der Primarschule hat mitgeholfen, dass heute eine kindgerechte, auf das psychologische Verstehen kindlicher Entwicklung ausgerichteten Pädagogik die meisten Schulen prägt. Ohne die starke pädagogische Kraft der vielen Primarlehrerinnen wäre dieser Prozess wohl langsamer verlaufen. Der autoritäre Schullehrer mit viel paukendem Schuldrill, aber wenig Empathie für die ihm anvertrauten Kinder, ist glücklicherweise zu einem Auslaufmodell geworden. Bedauerlich ist hingegen, dass viele Schüler heute nie erleben, wie positive männliche Vorbilder auf ihre Art für Leistung begeistern können, ohne dabei die Care-Seite ihres Berufs zu vernachlässigen.
Die vermehrt hörbaren Forderungen nach einer ausgewogeneren Zusammensetzung der Schulteams sind zweifellos berechtigt. Der Weg zu diesem Ziel dürfte allerdings einer Herkulesaufgabe entsprechen, da viele Männer in der Pädagogik kein für sie passendes Berufsfeld mehr sehen. Aktuelle Bestrebungen wie im Kanton Zürich, die Rolle der Klassenlehrkräfte aufzuwerten und gute Rahmenbedingungen für ihre anspruchsvolle Führungsaufgabe zu schaffen, sind deshalb sehr zu begrüssen. Und gleichzeitig gilt es den Männern in Erinnerung zu rufen, dass ihr Engagement in der Volksschule ein unverzichtbarer Beitrag für unsere Gesellschaft ist.

