10. Juni 2026
Das Ende des Lehrmittelmonopols

Zürcher Schulen dürfen ihre Materialien selber bestimmen – zumindest ein bisschen

Das Parlament stimmt einer sachten Liberalisierung zu. Der Zürcher Lehrmittelverlag dürfte seine Sonderstellung verlieren. Dieser Beitrag ist zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erschienen.

Hands of a person writing with a blue pen while flipping through a small booklet on a desk surface.

 

“Young World” – eine Englisch-Lehrmittel-Reihe für Schülerinnen und Schüler ab der dritten Primarklasse – hat sich offenbar durchgesetzt. Sie gilt als benutzerfreundlich. Eine Panorama-Doppelseite eröffnet das jeweilige Thema. “Es folgen Spiele, Lieder, Geschichten und Gedichte”, schreibt ein Anbieter im Internet. Die Kinder sollen mit diesen Büchern “authentischer Sprache” begegnen und zum Beispiel lernen, wie man Geburtstag und Weihnachten in verschiedenen englischsprachigen Ländern feiert.

In einem “helpful vocabulary” am Ende können die Schüler neue Wörter nachschlagen. Man kann im Internet sogar – ganz altmodisch – Karteikarten samt passenden Boxen aus Karton beziehen. Und: Die Schülerversion von “Young World” kann man mehrfach benutzen: “Die Aufgaben sind so angelegt, dass die Schülerinnen und Schüler die Seiten betrachten, lesen und Hörverständnisaufgaben bearbeiten, aber nicht ins Buch hineinschreiben”, heisst es dazu im Internet.

Robin Schwarzenbach, Redaktor Zürich und Region bei der NZZ

“Young World” wird vom Lehrmittelverlag Klett und Balmer herausgegeben. Der staatseigene Lehrmittelverlag Zürich (LMVZ) hätte eigentlich ein eigenes Englischbuch für Primarschüler im Angebot: “Explorers”. Auch dazu finden sich schöne Beschreibungen im Internet, zum Beispiel folgende: “Stufengerechte Themen knüpfen an die Lebenswelt der Kinder an, bieten spannende Auseinandersetzung mit neuem Sprachmaterial und erschliessen die englischsprachige Welt in ihrer Vielfalt.”

Doch die Wahrheit hinter diesen Phrasen lautet: “Young World” ist bei Schülern und Lehrerinnen beliebt. “Explorers” ist es nicht. Daher wird die “Young World”-Reihe mittlerweile ganz offiziell auch vom Zürcher Lehrmittelverlag angeboten und vertrieben. Das war offenbar nicht immer so. Wie gut informierte Kreise auf Anfrage der NZZ bestätigen, hat der LMVZ vor ein paar Jahren auf die schlechten Noten für “Explorers” reagiert und das einstige Konkurrenzprodukt “Young World” kurzerhand ins “eigene” Angebot aufgenommen.

Mit anderen Worten: Der Staatsverlag hat eine Schwachstelle mit einem fremden Produkt ausgemerzt – und sich so seine Monopolstellung im Englischunterricht an Zürcher Primarschulen auf Jahre hinaus gesichert. Eine eigentümliche Situation.

Perestroika durch die Hintertür

Seltsam war oder ist auch folgende Legende, die man sich unter Primarlehrern erzählt: Man bestellt die vorgeschriebenen – aus Erfahrung wenig zufriedenstellenden – Schulbücher, verstaut sie unbenutzt im Schrank und arbeitet stattdessen mit coolen Büchern und Online-Versionen, die man erlaubterweise als “Zusatzmaterial” beziehen kann. Perestroika durch die Hintertür in Zürcher Schulzimmern, sozusagen, da viele Lehrerinnen und Lehrer mit dem Unterrichtsmaterial von Väterchen Staat mitunter nicht zufrieden waren.

Marc Bourgeois, Kantonsrat der FDP (Bild: NZZ)

Eine parlamentarische Initiative unter Federführung des Zürcher FDP-Kantonsrats Marc Bourgeois will das ändern. Der Vorstoss will das faktische Lehrmittelobligatorium durch eine sogenannte geleitete Lehrmittelfreiheit ersetzen. Statt bestimmte Materialien – wie nachgerade jene des Zürcher Lehrmittelverlags – für den Unterricht an Zürcher Primar- und Sekundarschulen vorzuschreiben, soll der Bildungsrat künftig eine Lehrmittelliste erlassen, aus der Lehrer und Schulleitungen die für sie passenden Titel auswählen können.

Die Bücher auf dieser Liste haben geeignet, auf den Zürcher Lehrplan ausgerichtet, methodisch hochwertig, praxistauglich sowie zu marktüblichen Preisen verfügbar zu sein, wie es im Gesetzentwurf heisst, über den der Kantonsrat am Montag beraten hat. Der Bildungsrat soll Lehrmittel auf dieser Liste zwar weiterhin für obligatorisch erklären können (man will den Mächtigen ja nicht zu viele Befugnisse auf einmal wegnehmen). Hinzu kommt jedoch eine weitere Kategorie: jene der “alternativ-obligatorischen” Schulbücher.

Ein Erbe Alfred Eschers

In einem anderen Punkt jedoch ist Bourgeois’ Vorstoss konsequent: In der Lehrmittelkommission, die die Lehrmittellisten zu erstellen hat, soll der Zürcher Lehrmittelverlag künftig nicht mehr vertreten sein. Der Verlag brauche keinen Heimatschutz. Man müsse seine Produkte nicht zur Pflichtlektüre erklären. Und: Der LMVZ brauche den Markt nicht zu fürchten, erklärte Bourgeois.

Vom Argument der Linken im Rat, dass der Zürcher Lehrmittelverlag mit seiner Initiative mit einem Umsatzminus von 25 Prozent zu rechnen habe, liess sich Bourgeois ebenfalls nicht aus der Ruhe bringen: “Das würde höchstens bedeuten, dass 25 Prozent der Zürcher Volksschullehrer mit manchen Büchern des LMVZ nicht zufrieden sind und andere Materialien bevorzugen” – und das wäre ein gutes Zeichen, konterte der vielgescholtene Kantonsrat der FDP.

Künftige Schülergenerationen werden also hoffentlich mit den besten Materialien lernen dürfen. Und nicht per se mit vorgeschriebenen.

 

Bourgeois hatte – nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren – auch Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte) gegen sich. Sie erinnerte genüsslich daran, dass der Zürcher Lehrmittelverlag 1851 vom damaligen Erziehungsdirektor Alfred Escher gegründet worden sei. “Meines Wissens ist das die einzige Institution von Escher, die es heute noch gibt.” Ein Stich ins Herz aller früheren CS- beziehungsweise SKA-Kunden.

Allein, es nutzte nichts. SVP, FDP und GLP setzten sich durch. Der Kantonsrat stimmte der sachten Liberalisierung der Lehrmittelbeschaffung zu, mit 98 zu 75 Stimmen. Künftige Schülergenerationen werden also hoffentlich mit den besten Materialien lernen dürfen. Und nicht per se mit vorgeschriebenen.

 

Legende Beitragsbild: Zürcher Primar- und Sekundarschüler sollen künftig mit den besten Materialien lernen dürfen – und nicht per se mit vorgeschriebenen. (Foto: Gaëtan Bally/Keystone-SDA)

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