Geschichtsunterricht geht in mehreren Bundesländern zunehmend in Verbundfächern auf. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, deren Familiengeschichte oft nicht in Deutschland beginnt. Was bedeutet das für den Geschichtsunterricht und das historische Wissen einer Gesellschaft? Antworten von Stefan Düll, Oberstudiendirektor und Schulleiter des Justus-von-Liebig-Gymnasiums in Neusäß. Er ist seit Juli 2023 Präsident des Deutschen Lehrerverbands.
WELT: Herr Düll, warum braucht es überhaupt Geschichtsunterricht?
Stefan Düll: Wer verstehen will, warum unsere Gesellschaft so ist, wie sie ist, muss in die Vergangenheit schauen. Das gilt für unsere Demokratie genauso wie für die Sicherheitslage oder die Frage, warum Menschen nach Deutschland einwandern. Geschichte erklärt die Gegenwart.
WELT: Was verliert eine Gesellschaft, wenn historisches Wissen schwindet?
Düll: Sie verliert ihre Orientierung. Wer nicht weiß, wie das Grundgesetz entstanden ist oder warum das Asylrecht so formuliert wurde, kann auch heutige Debatten schwer einordnen. Geschichte liefert Zusammenhang.

WELT: Im Deutschlandfunk haben Sie kürzlich Geschichte neben Religion und Ethik als eines der „identitätsstiftenden Fächer“ bezeichnet. Was meinen Sie damit?
Düll: Geschichte hilft Menschen, zu verstehen, in welchem Gemeinwesen sie leben. Dazu gehört, die dunklen Kapitel zu kennen, aber eben auch die gelungenen.
WELT: Was meinen Sie mit den gelungenen Kapiteln?
Düll: Wir sprechen oft über das sogenannte Dritte Reich, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Das ist selbstverständlich notwendig. Aber wir müssen zudem erzählen, welche enorme Leistung nach 1945 gelungen ist: das Grundgesetz, der Rechtsstaat, der wirtschaftliche Wiederaufbau. Auch die Geschichte der Gastarbeiter gehört dazu. Die Gastarbeiter haben dieses Land ab Ende der 1960er-Jahre mit aufgebaut.

WELT: Trotzdem verschwindet Geschichte in einigen Bundesländern als eigenes Fach und geht zum Beispiel in Verbundsfächern mit Geografie oder Politik auf. Ein Fehler?
Düll: Dafür gibt es Gründe. Neue Fächer kommen hinzu, die Stundentafel bleibt begrenzt, außerdem fehlen Lehrkräfte. Deshalb entstehen Verbundfächer.
WELT: Sie klingen, obwohl Sie auch Geschichtslehrer sind, erstaunlich verständnisvoll.
Düll: Weil ich die Zwänge kenne. Trotzdem sehe ich die Gefahr: Wenn Geschichte kein eigenständiges Fach mehr ist, leidet das historische Bewusstsein. Das heißt nicht, dass engagierte Lehrkräfte das nicht auffangen können. Aber die Gefahr ist da.
WELT: Politiker fast aller Parteien fordern derzeit mehr Demokratiebildung. Kann Geschichte Demokratie lehren?
Düll: Schule hat einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Aber wir dürfen nicht glauben, wir könnten junge Menschen mit dem erhobenen Zeigefinger zu Demokraten machen. Überzeugungen entstehen nicht dadurch, dass Lehrer sie vorgeben.
“Ein paar Jahre zuvor war die beliebteste Partei unter Erstwählern die FDP. Außerdem sollten wir vorsichtig sein, immer nur auf die Jugend zu zeigen.”
WELT: Das heißt?
Düll: Schüler müssen erfahren, dass sie ihre Meinung sagen dürfen, dass Widerspruch möglich ist und unterschiedliche Positionen ausgehalten werden. Geschichte kann erklären, warum das ein hohes Gut ist.
WELT: Bei der Bundestagswahl haben AfD und Linke unter jungen Wählern besonders stark abgeschnitten. Hat Sie das überrascht?
Düll: Nein. Junge Menschen wählen nicht automatisch dauerhaft dieselbe Partei. Ein paar Jahre zuvor war die beliebteste Partei unter Erstwählern die FDP. Außerdem sollten wir vorsichtig sein, immer nur auf die Jugend zu zeigen.
WELT: Warum?
Düll: Weil Erwachsene ganz ähnlich wählen. Sie hatten angeblich den besseren Geschichtsunterricht, und trotzdem entscheiden sich viele für extremistische Parteien. Daraus kann man schwer ableiten, der Unterricht habe versagt.
Entscheiden muss jeder selbst
WELT: Schützt historisches Wissen also gar nicht vor Extremismus?
Düll: Wir dürfen jedenfalls nicht glauben, dass Geschichtsunterricht Menschen davor bewahrt, Fehler zu machen. Er hilft dabei, historische Entwicklungen einzuordnen. Aber entscheiden müssen die Menschen am Ende selbst. Er nimmt den Menschen nicht die Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen ab.
WELT: Manche fordern, Schulen müssten junge Menschen stärker gegen Extremismus immunisieren.
Düll: Das klingt gut, überschätzt aber die Möglichkeiten von Schule. Wir dürfen junge Menschen nicht überwältigen. Ich kann und will Schüler nicht mit dem Nürnberger Trichter zu Demokraten machen. Wenn ich ihnen nur sage, was sie denken sollen, erreiche ich häufig das Gegenteil.
WELT: Was wäre die Alternative?
Düll: Wir müssen uns mit solchen Positionen auseinandersetzen. Lehrkräfte reagieren vielleicht manchmal reflexhaft auf Meinungen, die sie nicht teilen. Aber wenn wir dabei Maß und Ziel verlieren, haben wir schon verloren.

WELT: Warum verloren?
Düll: Weil sich Schüler dann nicht ernst genommen fühlen. Und wenn sie den Eindruck haben, bestimmte Meinungen dürften gar nicht ausgesprochen werden, fragen sie sich womöglich erst recht, ob an diesen Meinungen nicht doch etwas dran ist.
WELT: Wie würden Sie das historische Wissen junger Menschen heute insgesamt bewerten?
Düll: Das kann ich so pauschal gar nicht beantworten.
WELT: Warum nicht?
Düll: Weil wir häufig Umfragen sehen, bei denen Menschen in der Fußgängerzone gefragt werden: Wer war Bismarck? So würde ich im Unterricht nie prüfen.
WELT: Trotzdem entsteht oft der Eindruck, junge Menschen wüssten heute weniger als früher.
Düll: Ich glaube sogar, dass ihr historisches Wissen während der Schulzeit häufig besser ist als das vieler Menschen, die die Schule längst hinter sich haben. Danach hängt vieles davon ab, ob ich mich weiter für Politik und Geschichte interessiere.
“Es gibt eben auch hervorragende historische Angebote. Deshalb müssen junge Menschen lernen, Quellen zu prüfen und einzuordnen. Genau dafür brauchen wir gut ausgebildete Geschichtslehrkräfte.”
WELT: Früher waren die Informationsquellen Zeitungen, Radio oder Fernsehen. Heute ist es TikTok.
Düll: Genau. Meine Generation konnte kaum eine Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten, ohne Geschichte zu begegnen. Heute spielt sich das viel stärker auf Social Media ab.
WELT: Ist das ein Problem?
Düll: Das kommt darauf an, in welcher Blase jemand landet. Die einen stoßen dort ständig auf historische Inhalte, die anderen fast gar nicht. Das macht einen großen Unterschied.
WELT: Gleichzeitig finden sich dort auch viele falsche oder ideologisch aufgeladene Darstellungen.
Düll: Natürlich. Aber es gibt eben auch hervorragende historische Angebote. Deshalb müssen junge Menschen lernen, Quellen zu prüfen und einzuordnen. Genau dafür brauchen wir gut ausgebildete Geschichtslehrkräfte.
Verbote lassen sich kaum durchsetzen
WELT: Einige Wissenschaftler fordern Altersbeschränkungen oder sogar Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche. Was halten Sie davon?
Düll: Ich halte wenig von Verboten, die sich am Ende kaum durchsetzen lassen. Wir haben längst Kinder- und Jugendschutzgesetze. Die entscheidende Frage ist doch: Warum setzen wir sie nicht konsequenter um?
WELT: Was wäre die bessere Lösung?
Düll: Plattformen müssen Altersgrenzen wirksam kontrollieren. Gleichzeitig müssen wir Kinder befähigen, mit sozialen Medien verantwortungsvoll umzugehen.
WELT: Also mehr Medienkompetenz statt mehr Verbote?
Düll: Unbedingt. Kinder brauchen die Fähigkeit, Inhalte einzuordnen und sich selbst zu regulieren. Das ist auf Dauer wirksamer als ein Verbot.

WELT: Was sollte jeder Jugendliche am Ende seiner Schulzeit über Geschichte wissen?
Düll: Einen festen Kanon aufzustellen, ist schwierig. Aber die Nationwerdung Deutschlands, Bismarcks Sozialreformen, die beiden Weltkriege, der Nationalsozialismus, die deutsche Teilung, die SED-Diktatur und die Wiedervereinigung gehören aus meiner Sicht dazu.
WELT: Viele Schüler wachsen heute in Familien auf, deren Geschichte nicht in Deutschland beginnt. Sie haben weder familiäre Erinnerungen an den Nationalsozialismus noch an die DDR. Verändert das den Geschichtsunterricht?
Düll: Natürlich. Für viele liegen die Ereignisse des Nationalsozialismus oder der deutschen Teilung viel weiter zurück als für meine Generation der 1960er-Jahrgänge. Ihre Eltern oder Großeltern haben diese Geschichte nicht selbst erlebt, sie sind erst nach 1945 geboren und viele auch nicht in Deutschland.
WELT: Macht das die Vermittlung schwieriger?
Düll: Es verändert sie. Ich kann nicht nur erzählen, was in Deutschland passiert ist. Ich muss auch fragen: Welche Geschichte bringen die Familien dieser Schülerinnen und Schüler mit? Woher kommen sie? Warum sind sie nach Deutschland gekommen?
“Über die Geschichte Deutschlands müssen wir selbstverständlich sprechen, also über den Nationalsozialismus genauso wie über die SED-Diktatur. Aber wir sollten auch den Blick darauf richten, welche Erfahrungen andere Familien mitbringen.”
WELT: Muss Geschichte Schüler persönlich berühren?
Düll: Persönliche Betroffenheit hilft, sie ist aber keine Voraussetzung. Ich kann nicht bei jedem dieselbe Betroffenheit herstellen.
WELT: Wie weckt man dann Interesse?
Düll: Man muss zumindest Anknüpfungspunkte schaffen. Über die Geschichte Deutschlands müssen wir selbstverständlich sprechen, also über den Nationalsozialismus genauso wie über die SED-Diktatur. Aber wir sollten auch den Blick darauf richten, welche Erfahrungen andere Familien mitbringen.
WELT: Was bedeutet das konkret?
Düll: Ich kann sagen: Es ist vielleicht nicht die Geschichte deiner Vorfahren, aber es ist das Erbe des Staates, in dem du lebst. Und ich würde einen Schüler auch fragen: Warum sind deine Eltern oder Großeltern nach Deutschland gekommen? Was hat sie an diesem Land überzeugt? Niemand verlässt seine Heimat ohne Grund.
WELT: Reicht das, um Identifikation mit deutscher Geschichte zu schaffen?
Düll: Identifikation entsteht auch dadurch, dass Menschen sich in dieser Geschichte wiederfinden. Deshalb gehört für mich auch die Geschichte der sogenannten Gastarbeiter selbstverständlich in den Unterricht. Sie haben dieses Land mit aufgebaut. Das ist deutsche Geschichte.
Nicht nur Bilder betrachten
WELT: Sie würden die Einwanderungsgeschichte also nicht als Randthema behandeln.
Düll: Nein. Wenn wir wollen, dass sich junge Menschen mit diesem Land identifizieren, müssen wir auch anerkennen, welchen Beitrag die Gastarbeitergeneration geleistet hat. Das gehört zur Geschichte der Bundesrepublik dazu.
WELT: Seit dem 7. Oktober berichten viele Schulen von einem offeneren Antisemitismus unter Jugendlichen. Beobachten Sie das ebenfalls?
Düll: Ja. Viele junge Menschen bringen das, was sie im Geschichtsunterricht über den Holocaust gelernt haben, mit den Bildern aus Gaza zusammen. Das macht die Einordnung schwierig. Häufig wird ausgeblendet, dass Israel am 7. Oktober angegriffen wurde. Die Hamas hat damals nicht nur militärische Ziele angegriffen, sondern gezielt Zivilisten massakriert. Sie wusste genau, dass sie Israel damit zu einer militärischen Reaktion zwingen würde.
WELT: Trotzdem sehen viele Jugendliche heute vor allem die Bilder aus Gaza.
Düll: Genau. Sie sehen israelische Soldaten und zerstörte Häuser. Sie sehen aber kaum Hamas-Kämpfer. Das ist die Macht der Bilder. Wenn wir nur Bilder betrachten und nicht die historischen und politischen Zusammenhänge, kommen wir zu falschen Schlüssen.

WELT: Sie sehen also mehrere Ursachen für den zunehmenden Antisemitismus?
Düll: Natürlich gibt es rechtsextremen Antisemitismus. Aber wir dürfen die antiisraelischen, ja sogar antijüdischen Strömungen im linksextremistischen Bereich in Deutschland nicht übersehen. Auch die gibt es.
WELT: Welche Aufgabe hat Schule dann?
Düll: Genau diese Zusammenhänge zu vermitteln. Wir dürfen den Bildern nicht einfach erliegen. Geschichte und Politik müssen gemeinsam erklären, wie es zu solchen Konflikten kommt.
WELT: Haben die Schulen dabei versagt?
Düll: Nein. Das Gros unserer Schülerinnen und Schüler verhält sich auch in KZ-Gedenkstätten angemessen. Wir sprechen über einzelne Vorfälle. Aber wenn antisemitische Straftaten passieren, müssen Schulen konsequent handeln und die Polizei einschalten. Das sind keine Lappalien.
WELT: Passiert das heute konsequenter?
Düll: Ich glaube schon. Vielleicht wurde früher manches intern geregelt und gar nicht angezeigt. Heute sagen viele Schulen: Das geht so nicht. Deshalb haben wir möglicherweise auch eine höhere Meldequote.
Legende Beitragsbild: Immer mehr Kinder wachsen in Familien auf, deren Geschichte nicht in Deutschland beginnt (Foto: Getty images/Maskot)

