Seit gut zwölf Jahren erleben wir eine erbitterte Debatte über die Einführung des Unterrichts in Frühfranzösisch in der Primarschule. Glaubt man den Befürwortern, so steht der Zusammenhalt der Schweiz auf dem Spiel. Seit einige Deutschschweizer Kantone, die Frühfranzösisch, meist ab der fünften Klasse, versuchsweise eingeführt hatten, es inzwischen aber wieder abgeschafft haben oder daran sind, es abzuschaffen, ist die Debatte erneut entflammt. Der Bundesrat hat interveniert und schickt eine Änderung des Sprachengesetzes in die Vernehmlassung, die den Frühfranzösischunterricht in der Volksschule sichern soll. Und dies, obwohl die Rechtshoheit in Schulfragen mit wenigen Ausnahmen bei den Kantonen liegt. Bei der Frage, ob Französisch schon in der Primarschule unterrichtet werden soll, handelt es sich um ein genuin pädagogisches und nicht um ein staatspolitisches Problem, wie der Bundesrat offenbar meint. Es geht nicht darum, die Sprache der Romands als Inbegriff der frankophonen Kultur aus den Schulen der Deutschschweiz zu verbannen, sondern sie auf die Oberstufe zu verschieben, wo die Schülerinnen und Schüler mit gefestigten sprachlichen Grundkenntnissen das nötige Rüstzeug haben, diese zweite Landessprache zu erlernen.

Frühfranzösisch als zweite Fremdsprache neben Frühenglisch konnte die Erwartungen, welche die Bildungspolitiker geweckt hatten, nie erfüllen. Berücksichtigt man die Kriterien für einen erfolgreichen Spracherwerb, das intellektuelle Vermögen der Kinder, ein Verständnis für die relativ abstrakten Gesetzmässigkeiten der Sprache, für Grammatikregeln, zu entwickeln, so war ein Scheitern unvermeidlich. Hier ein Wort, dort ein Reim, da ein Lied auf Französisch mag für die Kinder unterhaltend und anregend sein, sprachkompetent werden sie dabei nicht. Dafür ist der Unterricht in Französisch in der Primarschule mit seiner minimalen Stundendotation viel zu isoliert. Da kommen die Kinder, auch wenn sie noch so lernbereit sind, auf keinen grünen Zweig. Dazu kommt, dass Frühfranzösisch für die meisten Kinder in der Deutschschweiz, besonders im östlichen Teil der Schweiz, weit weg von ihrer Lebenswelt ist und der Einstieg in diese Fremdsprache von ihnen zudem als anspruchsvoller erfahren wird als jener in das für sie näherliegende Englisch. Werbung, Musik, Film, Sport und Internet, aber auch die Jugendsprache, sind durchsetzt von Anglizismen, von englischen Ausdrücken und Redewendungen, die Kinder und Jugendliche als modern und trendy empfinden. Englisch ist für sie beinahe allgegenwärtig. Erstaunt es da, dass die frankophone Kultur in den Augen der meisten Kinder weniger zu bieten hat? Ein Umstand, der sich stark auf die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler auswirkt.
Mahnende Stimmen, dass das Bildungsprogramm der Primarschule mit zwei Fremdsprachen völlig überladen sei, wurden häufig verspottet oder ihre Studien von Vertretern der EDK als «unwissenschaftlich» diffamiert.
Doch obwohl die Unterrichtspraxis die desaströse Bilanz des Frühfranzösisch schon längst aufgedeckt hat und obwohl umfangreiche Studien und die Erfahrungen der Lehrkräfte auf der Oberstufe gezeigt haben, dass die Frühlerner den Spätlernern keineswegs überlegen sind, hält die Allianz aus Bildungspolitik, Verwaltung und Wissenschaft aus Angst, ihr Gesicht zu verlieren, und befeuert durch enorme Mittel für die
Umsetzung, am forcierten Mehrsprachenkonzept zum Teil bis heute unbeirrt fest. Mahnende Stimmen, dass das Bildungsprogramm der Primarschule mit zwei Fremdsprachen völlig überladen sei, wurden häufig verspottet oder ihre Studien von Vertretern der EDK als «unwissenschaftlich» diffamiert. Dabei wird Elementares einfach verdrängt: so etwa die Tatsache, dass für Kinder bis zum Alter von zehn bis zwölf Jahren Grammatikregeln, selbst im Deutschunterricht, erfahrungsgemäss ein Buch mit sieben Siegeln sind. Erst mit dem Einsetzen des abstrakten Denkens in der Oberstufe nimmt das bewusste Verständnis für die Gesetzmässigkeiten der Sprache zu. Damit setzt die Fähigkeit zum analytischen Spracherwerb ein, der hauptsächlich im Auswendiglernen von Wörtern und im Erlernen von Grammatikregeln besteht. Kindern auf der Primarstufe zwei Fremdsprachen analytisch beibringen zu wollen, ist so gesehen ein pädagogischer Sündenfall.

Als Hauptargument für die Einführung des Frühfranzösisch wird vom Bundesrat der nationale Zusammenhalt genannt. Die Förderung eines über die kulturellen Grenzen hinausgehenden Gefühls der Zusammengehörigkeit ist zweifellos eine wichtige Aufgabe, zu der auch die Schule beitragen kann. Doch Frühfranzösisch ist dazu der falsche Weg. Es gibt gute pädagogische Argumente, um den Unterricht in Frühfranzösisch später anzusetzen und dafür intensiver zu gestalten. Schliesslich hat die Schweiz 150 Jahre ohne Frühfranzösisch existiert und das Land ist auch nicht auseinandergebrochen.
MARIO ANDREOTTI, geb. 1947, war Gymnasiallehrer und Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St. Gallen sowie an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Er ist Autor von Sachbüchern und Beiträgen zur modernen deutschen Literatur und zu Bildung und Sprache.

