14. September 2026
Die Fakten: Schweizer Schüler können immer schlechter lesen. Das zeigen die Pisa-Studien seit 2012.

«Warum nahm Anna keinen Regenschirm mit?»

In seinem Memo nimmt der Nebelspalter-Herausgeber Markus Somm die Leseleistungen der Schweizer Schülerinnen und Schüler unter die Lupe.

Passen Sie jetzt auf:

  • «Obwohl es am Morgen stark regnete, nahm Anna keinen Regenschirm mit, weil der Wetterbericht für den Nachmittag Sonnenschein angekündigt hatte.»

Haben Sie alles verstanden? Dann sagen Sie mir:

  • «Warum nahm Anna keinen Regenschirm mit?»

 

Wenn Sie antworten, das liege am Wetterbericht, den Anna sich angehört hatte, dann haben Sie bestanden und die Kompetenzstufe 2 erreicht, wie sie die Pisa-Studie fürs Lesen festlegt.

In Singapur gibt es auch Smartphones, trotzdem lesen die Kinder nirgendwo besser. Sie erzielen 65 Punkte mehr als die Schweizer. Nein, es muss an der Schule liegen, und wer Kinder hat, die unsere einst weltweit bewunderte Volksschule durchlaufen haben, weiss, wovon ich spreche.

Heute schaffen das bloss 71 Prozent der 15jährigen Schweizer Schüler. 29 Prozent, fast ein Drittel, dagegen nicht. Selbst wenn sie den Text aufmerksam gelesen haben, bleibt ihnen schleierhaft, warum Anna ohne Regenschirm das Haus verlassen hat.

Markus Somm: Herausgeber und Chefredakteur des Nebelspalter:

So schlimm steht es um das drittteuerste Bildungssystem in der OECD, dem schweizerischen, auf das wir so stolz gewesen sind.

Diese Woche wurden die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie bekannt, und wie seit Jahren erweisen sie sich als unerfreulich. Insbesondere die Fähigkeit, einen Text zu begreifen, hat seit 2012 ständig abgenommen. Wenn das so weiter geht, sind wir bald ein Land der Analphabeten.

Noch miserabler entziffern die Deutschen und die Österreicher einen Text, aber ist das ein Trost?

Gewiss, das Smartphone, die sozialen Medien, berufstätige Mütter oder abwesende Väter, die hohe Scheidungsrate: Es gibt viele Gründe, die jetzt eifrig vorgetragen werden, um das Desaster zu erklären, und dennoch sind das alles Scheinwahrheiten.

Allein der internationale Vergleich entzieht all diesen Ausflüchten den Boden: In Singapur gibt es auch Smartphones, trotzdem lesen die Kinder nirgendwo besser. Sie erzielen 65 Punkte mehr als die Schweizer. Nein, es muss an der Schule liegen, und wer Kinder hat, die unsere einst weltweit bewunderte Volksschule durchlaufen haben, weiss, wovon ich spreche:

Reformen, Reformen, Reformen, die Lehrer und Kinder zwar auf Trab halten, deren Nutzen selten überprüft, und die noch seltener rückgängig gemacht werden, selbst nachdem sich herausgestellt haben sollte, dass sie nichts bringen – das ist das eine.

Das andere: eine Kultur des Leistungsdefätismus, die sich in fast allen westlichen Ländern verbreitet hat.

Man rümpft die Nase über zu viel Leistung und Wettbewerb,man macht sich über die Disziplin lustig, die es braucht, um Leistung zu erbringen, man feiert die Verlierer und Opfer, während die Sieger und Tatkräftigen als moralisch zweifelhaft gelten.

 

Diktat einer 13-jährigen aus dem Jahre 1941

Besonders betroffen sind davon die Geisteswissenschaften – wo es schon immer schwieriger war, Leistung zu messen als in Mathematik und Naturwissenschaften, weswegen man Leistung und hohe Standards hier lieber verteufelt, um sie am Ende ganz zu beseitigen. Und wenn es objektivere Möglichkeiten gab, um Fähigkeiten zu testen, wie etwa das Diktat, dann wurde das kurzerhand abgeschafft, genauso wie es verpönt wurde, in der Geschichte Jahreszahlen zu lehren und abzufragen. Aus den Augen aus dem Sinn.

Vorangegangen ist diesem Ruin ein noch bösartigeres Zerstörungswerk: Das Ende des Kanons in Literatur und Kultur. Die Relativierung des Guten, Wahren und Schönen. Ist Goethes Faust wirklich besser als Mickey Mouse? Wer schwingt sich hier zum Richter auf?

Kein Wunder kann niemand mehr lesen, wenn man so tut, als gäbe es keine objektiv besseren Texte.

Schüler haben ein gutes Gespür dafür, ob der Lehrer an das eigene Fach glaubt oder es nur unterrichtet.

Albert Einstein: Im Deutsch eine 5, in Geschichte eine 6, in Französisch eine 3.

Der Aufstieg des Westens begann auch mit dem Lesen. Keine Zivilisation der Weltgeschichte brachte es fertig, so viele Menschen zu alphabetisieren, Buben wie Mädchen, gerade die Schweiz war ein Pionier. Schon im 18. Jahrhundert beherrschten etwa in Basel und Zürich 90 Prozent der Einwohner das Lesen, etwas weniger das Schreiben. Lesen ist eine Kulturtechnik, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann.

Wenn wir das regelmässig tun, das zeigen neurologische Studien, verändert sich unser Gehirn: Lesen schult das abstrakte und analytische Denken, es fördert den Individualismus und die Freude an der Leistung. Kurz, wer nicht lesen kann, wird immer dümmer, selbst wenn er in die Schule geht. Dummheit ist lernbar.

Oder wie es Albert Einstein, der grosse Physiker, formuliert hat:

«Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit; beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.»

In seinem Maturazeugnis (Kantonsschule Aarau, 1896) erreichte Einstein übrigens im Deutsch eine 5, in Geschichte eine 6 und im Französisch eine 3.

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