23. Februar 2024

Finnlands Pisa-Absturz als Weckruf für die Schweizer Bildungspolitik

Finnlands Schulen waren Vorbild. Scharenweise wallfahrten Bildungsexperten in den Norden. Doch das Prestige der Vorzeigenation ist eingebrochen. Die Schweiz muss davon lernen, findet Condorcet-Autor Carl Bossard*

«Kann man finnische Schulen kaufen?» So soll ein Bildungsexperte aus dem Nahen Osten gefragt haben. Auch er pilgerte nach der ersten PISA-Studie ins verheissene Land der weltbesten Schulen – mit einer Copy-and-Paste-Absicht. Möglich machten solche Bildungsfahrten die PISA-Rankings. Das „Programme for International Student Assessment“ (PISA) vergleicht das Können 15-jähriger Schüler in den Fächern Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Anhand einer Punkteskala werden die Ergebnisse erfasst und in Kompetenzstufen aufgegliedert.

Carl Bossard: Keine Spur von Lernen ohne Lehrer.

Diskrepanz zwischen dem Vorausgesagten und dem real Erlebten

Die erste weltweite Bildungsstudie im Jahr 2000 sah Finnland auf einem globalen Spitzenplatz. Wie seine Langläufer erreichten auch die Schüler Weltruhm. Die finnischen PISA-Erfolge weckten schnell das internationale Interesse. Der Bildungstourismus boomte. Auch mich zog Finnlands Mythos wie ein Magnet an. Ich reiste ins Mekka des Bildungserfolges. Doch im hohen Norden erlebte ich nicht, was ich in der Schweiz gehört hatte, und ich sah nicht, was Bildungsfachleute predigten und postulierten: Lehrer, die sich als Lerncoachs verstehen und nicht anleiten, Lehrerinnen, die Gruppenarbeiten moderieren und nicht unterrichten, Lehrkräfte, die selbstorientiertes Lernen (SOL) organisieren und nicht kollektiv ins Thema einführen. Keine Spur von Lernen ohne Lehrer (LOL), kein Anzeichen von individualisiertem Unterricht, kein selbstreguliertes Lernen mit Wochenplänen.

In allen besuchten Schulen erlebte ich das pure Gegenteil, nämlich einen geleiteten und gemeinsamen Unterricht im Klassenverband – strukturiert und in kleine Teile portioniert, mit Rückfragen und Diskursteilen aufgelockert, aber stringent geführt. Daran schlossen sich gemeinsame Übungsteile an – mit präzisen Aufgaben und lernförderlichen Feedbacks. Assistentinnen unterstützten die Kinder und trainierten mit ihnen. Entspannt im Ton, intensiv im Tun: Abwechslung ohne Zerstreuung. Kein Schüler, keine Schülerin war sich selbst überlassen.

Karikatur von 2008

Spürbarer Wirkwert der «direct instruction»

Ob darin Finnlands Geheimnis liegt und seinen Spitzenrang erklärt? Das fragte ich mich auf dem Rückweg von der Pilgerstätte. Als aufmerksamer Beobachter entdeckte ich vieles von dem, was der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie in seiner Studie „Visible Learning – Lernen sichtbar machen“ von 2009 als lernwirksam definiert: einen geführten und strukturierten Unterricht – schülerzentriert, sachorientiert, aber lehrergesteuert. Hattie spricht von «direct instruction».

Viele Bildungsexperten disqualifizieren diese Form als altmodischen Frontalunterricht und verwerfen sie. Doch sie ist lernwirksam. Das zeigen empirische Studien. Franz E. Weinert, Kronzeuge für den Lehrplan 21 und Direktor des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung, hält lapidar fest: «Zum Entsetzen vieler Reformpädagogen erwies sich in den meisten seriösen Studien eine Lehrform als überdurchschnittlich effektiv, die […] als ‘Direkte Instruktion’ bezeichnet wird. Sie verbessert die Leistungen fast aller Schüler.»

Finnlands Schulleistung als «sehr besorgniserregend»

Doch das finnische Bildungswunder ist nicht von langer Dauer. Zwischen 2003 und 2012 verliert das Land insgesamt 25 PISA-Punkte; das entspricht dem Lernerfolg eines ganzen Schuljahres. In den internationalen Studien sinken die finnischen Lernleistungen weiter. Die Ergebnisse von 2022 taxiert Finnlands Bildungsminister gar als «sehr besorgniserregend». Dabei liegt das ehemalige Bildungsparadies in den Naturwissenschaften und im Lesen noch vor der Schweiz.

Die PISA-Noten werden genau dort schlechter, wo die Reformen zu wirken beginnen.

Warum dieser Erfolg? Warum dieser Absturz? Manche Lernforscher erklären Finnlands Bildungswunder mit dem alten Schulsystem: starke Lehrerpersönlichkeiten, die Einfluss nehmen und führen, ein geleiteter und klar strukturierter Unterricht, eine eher traditionelle Methodik. Mitte der 1990er-Jahre ändert das Land sein Credo. Stabsleute lösen die praxiserfahrenen Schulinspektoren ab.

Der Absturz beginnt parallel zum Wirken der Reformen

Das Bildungssystem setzt nun auf Pädagogen, welche die Rolle des Lerncoachs übernehmen und als «Lehrkoordinatoren» den Fokus auf das einzelne Kind und sein selbstgesteuertes Lernen legen statt auf die Klasse. Gleichzeitig werden die Lehrpläne umgestellt: Sie sind nicht mehr inhalts- und zielbezogen, sondern einseitig kompetenzorientiert formuliert. Ab 2012 greifen die Reformen. Dazu braucht es zehn bis fünfzehn Jahre, sagt die Bildungsforschung. Entsprechend schwächer schneidet Finnland in den Tests ab. Die PISA-Noten werden genau dort schlechter, wo die Reformen zu wirken beginnen.

Finnlands Fehler führen zum Trend nach unten. Daraus lässt sich lernen. Auch die Schweiz ist bei den Reformen den gleichen Weg gegangen. Eine verantwortungsvolle Bildungspolitik müsste Gegensteuer geben. Bildungsverlierer sind immer die lernschwächeren Kinder.

*Der Beitrag ist in der NZZ am Sonntag vom 07. Jan. 2024 erschienen

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3 Kommentare

  1. Grossartig analysiert. Herzlichen Dank!
    Es ist nicht zu fassen, wie sich diese Reformlügen festsetzen konnten und ganze Lehrpersonengenerationen diesem pseudopädagogischen Mist hinterher huldigten – eine Flopkette, verordnet seitens einer linkslastigen Bildungsbürokratie und ihren schulleitenden Helfershelfern.
    “Links gehen, Gefahr sehen” heisst es so schön. Das gilt nicht punkto Pädaogik. Da wäre eher festzuhalten: “Links fahren ist lebensgefährlich!”.

  2. Gibt es an den PHs auch Weiterbildung für die Dozenten*? Wenn ja, soll man sie diesen Text von Hand schön sauber von der Wandtafel in ein Schulheft abschreiben lassen! Anschliessend schreiben sie einen Aufsatz zum Thema: “Meine pädagogischen Irrtümer. Was ich künftig besser machen will.” Gelegentlich kommt man nicht umhin, sich solche in China praktizierte Umerziehungsmassnahmen auch für die Schweiz zu wünschen.

  3. Die Resultate der neusten PISA-Studie sind aufgrund der jüngeren Schulentwicklung keine Überraschung. Es ist das Verdienst der Hattie-Metastudie, dass bereits vor einigen Jahren im pädagogischen Reformstrom Halbwahrheiten aufgedeckt und die Wirksamkeit bewährter Lernformen bestätigt wurden. So kommt die Studie zum Schluss, dass direkte Instruktion, zu Unrecht verunglimpft als «Frontalunterricht», eine der effizientesten Unterrichtsformen ist. Der gemeinsame Klassenunterricht eignet sich ganz besonders zur Einführung in die Grundlagen eines Themas. Dieser erweist sich den selbstorganisierten Lernformen in den meisten Fällen als überlegen, stärkt den sozialen Zusammenhalt und lässt Schwächere nicht allein. Doch auch nach dem neusten PISA-Schock zeigt die in der Schweizer Bildungspolitik Ton angebende Erziehungsdirektorenkonferenz wenig Interesse an den aufschlussreichen Ergebnissen der Hattie-Studie. Trotz des Lesedebakels unserer Schulabgänger verteidigt man den bisher eingeschlagenen Weg und weicht einer gründlichen Ursachenforschung aus. Man scheut sich, offen über Verirrungen in der aktuellen Didaktik zu sprechen. Dabei haben sich der Trend zu Lehrpersonen als Begleiter im Unterricht und der Schweizer Sonderfall eines frühen Dreisprachenkonzepts offensichtlich als schwere Hypothek erwiesen. Doch dieses mutlose Wegschauen führt nicht weiter. Die mahnenden Worte von Carl Bossard kommen genau zur richtigen Zeit.

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