Wer sich an die Schulzeit zurückerinnert, denkt oft zuerst an seine Lehrerinnen und Lehrer, an jene Menschen, die uns tagtäglich gegenüberstanden und versuchten, uns etwas beizubringen. Solche, die uns mit grosser Leidenschaft für ihr Fach begeistern konnten und solche, die jedes Jahr die gleichen Aufgaben lösen liessen; die, die uns die Schönheit eines einzelnen Satzes aufzeigen wollten und jene, die selbst nicht von der Wichtigkeit ihres Faches überzeugt waren; manche, die zu persönlich waren und andere, die sich nicht für uns interessierten; einige, die uns ermutigt haben und gewisse, die uns nicht gesehen haben; die, welche uns über uns selbst herauswachsen liessen und die, welche uns entmutigten; einzelne, die wir in bester Erinnerung behalten und diejenigen, die wir unbedingt vergessen wollen.

Was sie alle verbindet, ist, dass sie uns ein Gegenüber waren, das wir schätzten oder ablehnten, anerkannten oder lächerlich machten, dem wir glaubten oder misstrauten. Zuverlässig erschienen sie Lektion für Lektion, inszenierten sich auf die unterschiedlichsten Arten als Lehrerinnen und Lehrer, was einigen besser und anderen weniger gut gelang, und setzten sich der Tatsache aus, dass sie einen Beruf ausüben, in dem man reüssieren, aber auch grandios scheitern kann.
Gesellschaftlich schwankte ihr Ansehen zwischen der Anerkennung als Vermittler von Kultur und Tradition und dem Klischee eines Berufsstands, der wenig arbeitet, gut verdient und über Ferien verfügt, von denen andere nur träumen können.
Es gibt wenige Berufe, die grundsätzlich mit so vielen Widersprüchlichkeiten konfrontiert sind wie der Lehrberuf. Das hat wohl in erster Linie damit zu tun, dass Lehren ein Tun ist, das zwar ein Gelingen wünscht, nämlich dass die Schülerinnen und Schüler etwas lernen, aber gleichzeitig damit konfrontiert ist, dass hier kein unmittelbarer kausaler Zusammenhang besteht und das Lernen letztlich unverfügbar bleibt. Und das ist auch richtig so, denn es verweist darauf, dass Schülerinnen und Schüler nicht beliebig formbar sind und dass sie nicht als Mittel zum Zweck instrumentalisiert werden können.
Plötzlich werden Kausalitäten propagiert. „Früher ist besser“ – das Frühfranzösisch bzw. das Frühenglisch sowie der frühere Schuleintritt wurden eingeführt. Integration bedeutet, dass alle die gleiche Schule besuchen.
Dennoch scheint diese Widersprüchlichkeit, mit welcher jedes pädagogische Handeln konfrontiert ist, kaum aushaltbar – nicht nur für die Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch aus der gesellschaftlichen und politischen Perspektive gesehen.
Anders lassen sich die Reformen der letzten Jahrzehnte, die den Stellenwert des Lehrens grundlegend verändert haben, nicht erklären. Plötzlich werden Kausalitäten propagiert. „Früher ist besser“ – das Frühfranzösisch bzw. das Frühenglisch sowie der frühere Schuleintritt wurden eingeführt. Integration bedeutet, dass alle die gleiche Schule besuchen. Der Lehrplan formuliert, was gekonnt werden muss, nicht mehr, was vermittelt wird. Lehrerinnen und Lehrer, die damals darauf hinwiesen, dass die schulische Wirklichkeit sich etwas komplexer präsentiert als diese einfachen Kausalzusammenhänge behaupten, wurden ignoriert.
Damit verschwinden nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer, an die wir uns erinnern, sondern das Lehren an sich als genuin menschliche Aufgabe.
Eingeführt wurden sogenannte Lernumgebungen, welche Kulturbestände in Aufgaben verpackten. Lehrpersonen wurden zu Coaches; das selbstorganisierte Lernen übertrug die Verantwortung für den Wissenserwerb an die Schülerinnen und Schüler. Mit der Digitalisierung verschwanden Blatt und Bleistift; die Welt präsentiert sich ihrer ganzen Komplexität beraubt nur noch reduziert auf dem Bildschirm. Heute werden die Aufgabenstellungen, auf welche das Kulturerbe komprimiert wurde, mittels KI formuliert, gelöst und wiederum von der KI korrigiert und bewertet.
Damit verschwinden nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer, an die wir uns erinnern, sondern das Lehren an sich als genuin menschliche Aufgabe. Weltzugänge, unmittelbar, komplex und widerständig, wie sie sich zeigen können, werden nicht mehr durch Menschen eröffnet. Der Beruf und die Institution verlieren ihren Sinn. Den grössten Verlust tragen unsere Kinder. Wenn die ältere Generation ihnen gegenüber nicht mehr die Welt vertritt mit all ihren Schönheiten und Unwegsamkeiten, ihrem Reichtum und ihren Herausforderungen, dann lassen wir sie allein, ohne Orientierung, ohne Sinn und letztlich ohne Hoffnung.
Lehren heisst auch, sich um die nächste Generation zu kümmern. Das dürfen wir nicht aufgeben.

