Liebe Leserinnen und Leser in den folgenden Zeilen möchte ich Ihnen einen Auszug aus einigen Kontaktaufnahmen und Hilfegesuchen anonymisiert schildern, mit denen die Redaktion und vor allem auch ich selbst konfrontiert wurde. Namen sind geändert.
Der Artikel am Wandbrett
Ein langjähriger Kollege in einem Schulhaus im Kanton Bern hängt einen kritischen Artikel von mir am Wandbrett im Lehrerzimmer auf. Am nächsten Tag ist er abgehängt. Ihm wird beschieden, dass der Schulleiter den Beitrag abgehängt habe. Als er seinen Vorgesetzten darauf anspricht, sagt ihm dieser, dass er keine politischen Artikel im Lehrerzimmer aufgehängt sehen will. Der Sekundarlehrer fragt ihn darauf, weshalb denn die Parolen des Personalverbandes immer aufgehängt würden. Der Schulleiter antwortete ihm darauf: Weisst du was, wir machen doch am besten ein Mitarbeitergespräch. Hättest du nächste Woche am Mittwochnachmittag Zeit? Das Gespräch fand statt und dauerte drei Stunden. Am Schluss meinte der Schulleiter: «Wenn es dir hier nicht gefällt, dann kannst du ja die Schule wechseln, die Stellensituation ist ja derzeit sehr günstig.» Der Kollege entschied sich dazu, in der Schule zu bleiben, verzichtete fortan darauf, politische Artikel aufzuhängen und wollte diese Begebenheit auch nicht veröffentlichen.

Der Leserbrief
Eine langjährige Kollegin an einer Primarschule in Basel-Stadt kritisierte den Entwurf eines Schulhausneubaus in einem Leserbrief in der Zeitung. Sie wurde von der Bildungsdirektion zitiert und man gab ihr zu verstehen, dass sie als Angestellte der Stadt Basel nicht das Recht habe, sich in der Öffentlichkeit über Entscheide der Regierung zu äussern.
Ein Kollegium rebelliert
Ebenfalls in Basel protestierte das gesamte Kollegium gegen die Handhabung des Integrationsartikels an ihrer Schule. Sie schrieben einen Brief an die Bildungsbehörden. Die Schulleitung versuchte dies zu unterbinden. Der Brief kam auf Umwegen allerdings an die Öffentlichkeit. Die Behörden stellten sich hinter die Schulleitung und drohten den Lehrpersonen mit einem Verweis. Diese verzichteten auf weitere Schritte.
Zu autoritär
Martha* unterrichtete auf Primarstufe in Bern im Teamteaching mit einer jüngeren Kollegin eine 3. Klasse. Die Klasse war nicht leicht zu führen und es kam aufgrund der unterschiedlichen Ansichten über die Klassenführung zu Konflikten zwischen den beiden. Die eine Kollegin nahm für sich in Anspruch, dass die Klasse bei ihr gut laufe, weil sie auf einen geführten Unterricht setze, die andere wollte mehr selbstorganisierten Unterricht und hatte – nach Aussage ihrer Kollegin – ständig mit disziplinarischen Schwierigkeiten zu kämpfen. An einem Elternabend kam es zum Eklat. Die Eltern unterstützten die striktere Gangart von Martha. Der Schulleiter machte einen Schulbesuch. Im darauffolgenden Mitarbeitergespräch sagte er Martha, dass er ihre Arbeit schätze, aber die pädagogische Linie im Kollegium sei nun einfach mal eine andere. Martha wurde von der Klasse abgezogen und mit einem Teilpensum mit 2 Lektionen weniger weiterbeschäftigt. Die jüngere Kollegin erhielt eine «kompatiblere Partnerin. Die Probleme in der Klasse nahmen zu. Ein Jahr später waren beide Lehrerinnen weg. Auch Martha wechselte die Schule. Sie wandte sich an mich. In einem längeren Gespräch fragte ich nach, durchaus kritisch. Sie enervierte sich, brach das Gespräch ab.
Der talentierte Französischlehrer
Ein erfahrener Französischlehrer, der für einen Burnout-Kollegen einspringen musste, schilderte mir die Französischlektionen an einer Brennpunktschule in Biel. Ich riet ihm, diese Lektionen einmal protokollarisch aufzuschreiben. Ich gab ihm ein Beispiel, das ich einmal verfasste. Er tat dies auch mustergültig. Es entstand ein detailliertes Protokoll einer bedrückenden Doppellektion. Das Problem war, dass Namen, die Schule und interne Vorgänge öffentlich gemacht wurden. Wir haben beschlossen, diesen Beitrag zu anonymisieren. Er wurde auf dem Condorcet-Blog veröffentlicht
Zwei Lehrerinnen , die mit einer Reform nicht einverstanden sind
Zwei Lehrerinnen in einer Berner Schulgemeinde wenden sich an mich. Sie haben grosse Bedenken, über die Art und Weise, wie die Behörden den Integrationsbericht umsetzen wollen. Die bestehende Kleinklasse soll aufgelöst werden, die Kinder sollen in ein mobiles Setting verfrachtet werden. Das Konzept wurde top down entworfen und soll umgesetzt werden. Die Lehrkräfte wurden nicht konsultiert. Ich versuchte, einen Parlamentarier für eine Interpellation zu gewinnen. Da zogen die zwei Lehrerinnen zurück. «Ich bin auf die Stelle angewiesen» oder «Ich möchte auf keinen Fall, dass man zurückverfolgen kann, dass wir die Informantinnen sind.» Die Interpellation wird nicht gemacht, die Reform wird durchgezogen.
Der mutige Lehrer bezahlt einen hohen Preis
Die Schule Pieterlen steht zu Beginn des Schuljahres 2024 ohne Lehrpersonen da. Es droht ein Kollaps. Die Erziehungsdirektion überzeugte die pensionierte Frau Wiederkehr, langjährige Schulleiterin in Biel, in Pieterlen einzuspringen. Sie tat dies und es gelang ihr, innert zwei Monaten an die 20 Lehrerstellen zu besetzten, darunter viele pensionierte Lehrkräfte. Allerdings setzte sie auch Änderungen durch, die nicht allen gefielen. Sie wurde trotzdem gebeten, die Schule noch ein Jahr weiterzuführen. Dann setzten sich die alten Seilschaften durch und die Schulleiterin wurde auf Ende Januar freigestellt. Dies erzürnte den Lehrer Daniel Weibel, der den Fall öffentlich machte. Er wurde sofort entlassen, aus der Schulstube geholt und durfte sich nicht einmal von der Klasse verabschieden.
Die Kommunikationsvereinbarung
Zuletzt noch ein Geschehnis in eigener Sache. Der Autor dieser Zeilen wies des Öfteren auf die real existierenden Probleme im Schulbetrieb hin. Vor allem beklagte er, dass die Behörden diese einfach nicht zur Kenntnis nähmen, Das würde den Lernerfolg der Migrantenkinder behindern. Nach einem Interview mit Radio DRS wurde ihm eine 7-Punkte Kommunikationsvereinbarung vorgelegt. Unter anderem stand dort: «Keine Stellungnahme mehr, die nicht von oben abgesegnet wurde» und «Verzicht auf verzerrende Darstellungen des Schulbetriebs» Ich habe mir eine Bedenkzeit ausbedungen. In dieser erkundigte ich mich nach einer neuen Stelle, die mir auch zugesagt wurde. Anstatt der Kommunikationsvereinbarung unterschrieb ich ein Kündigungsschreiben.

