Bildungskrise

Der leise Niedergang unseres Geschichtsunterrichts

Das Fach Geschichte rutscht ins Abseits: Je nach Bundesland wird es gar nicht mehr, selten oder nur noch im Verbund mit anderen Fächern unterrichtet. Und das in Zeiten, in denen Demokratiebildung junger Menschen für zentral erklärt wird. Der Beitrag ist zuerst in der WELT erschienen.

Young girl with long hair focused on reading a bright yellow book.

 

Clara Benke ist jetzt in der neunten Klasse und ihr Lieblingsfach ist Geschichte. Sie sagt, der Unterricht habe ihr schon manches Mal die Augen geöffnet. “Dass während der Nazi-Zeit etwa Kinder-Euthanasie in dieser Form stattgefunden hat, war mir nicht klar, bevor wir im Geschichtsunterricht ein Projekt gemacht haben”, sagt die 15‑Jährige.

Ihr Gymnasium liegt im Berliner Norden, nahe der ehemaligen Nervenklinik, in der während des Zweiten Weltkrieges medizinische Versuche an Minderjährigen stattfanden. Clara und ihre Mitschüler haben für eines dieser Kinder posthum eine Patenschaft übernommen. Ihre Geschichtslehrerin Lea Honoré ist mit ihnen in die Archive gegangen und hat Quellenforschung betrieben.

Veränderter Blick auf die Gegenwart

Das “Reichsausschusskind” Gerhard kam 1943 mit einer Stoffwechselstörung auf die Welt und wurde im Alter von einem Jahr stark unterernährt in die Klinik zwangseingewiesen. Sechs Tage später war der Junge tot. “Aus Gerhards Krankenakte geht hervor, dass seine Mutter davon ausging, dass ihr Sohn in der Anstalt geheilt wird, und sie völlig schockiert war”, sagt Honoré. “Sie hat dann erfolglos versucht, die genaue Todesursache herauszufinden.” Das Projekt habe die Schüler sehr bewegt – und es verändere auch ihren Blick auf die Gegenwart. “Wenn die Schüler wissen, was vor 85 Jahren in diesen Gebäuden passiert ist, gehen sie mit ganz anderen Augen durch ihre Nachbarschaft.”

Freia Peters, Redakteurin DIE WELT

Honoré weiß, dass die Jugendlichen einen anderen Zugang zu ihrem Fach bekommen, wenn sie es schafft, Geschichte erlebbar zu machen. “So etwas findet nur leider im regulären Geschichtsunterricht in Berlin überhaupt nicht statt”, sagt Honoré, die auch Vorsitzende des Landesverbandes der Geschichtslehrer ist. “Die Rahmenbedingungen für einen guten Geschichtsunterricht sind leider katastrophal.”

Dabei hatte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) fest versprochen, die Demokratiebildung junger Menschen durch Geschichtsunterricht zu fördern. Im Mai vergangenen Jahres präsentierte sie eine Studie der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz, wonach es einer Stärkung der Fächer Politik und Geschichte bedarf, um Demokratiefeindlichkeit bei jungen Menschen vorzubeugen und sie zu bekämpfen. Prien betonte, beide Fächer stärker fördern zu wollen.

“Geschichte bietet Orientierung in der Welt. Durch einen guten Geschichtsunterricht werden vielen jungen Menschen heutige politische Zusammenhänge besser deutlich. Das gilt besonders für diejenigen, die zugewandert sind und deren Vorfahren etwa mit dem Dritten Reich nichts zu tun hatten.”

Lehrerpräsident Stefan Düll

 

Für den Deutschen Lehrerverband ist Geschichte eines der wichtigsten Fächer der gesamten Schullaufbahn. “Es bietet Orientierung in der Welt”, sagt Lehrerpräsident Stefan Düll, der früher selbst Geschichte unterrichtet hat. “Durch einen guten Geschichtsunterricht werden vielen jungen Menschen heutige politische Zusammenhänge besser deutlich. Das gilt besonders für diejenigen, die zugewandert sind und deren Vorfahren etwa mit dem Dritten Reich nichts zu tun hatten.”

Eine Stunde Geschichte pro Woche

Bislang aber kann von einer Stärkung des Faches keine Rede sein. Ein Berliner Gymnasiast hat in der Woche durchschnittlich nur eine Stunde Geschichtsunterricht in der Mittelstufe, weil das Fach nur ein Halbjahr im Wechsel mit Politik stattfindet. In Niedersachsen soll der Geschichtsunterricht in der Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe künftig abwählbar sein. Andere Einsparpläne konnten nur durch Widerstand abgewendet werden.

Anfang des Jahres sollte der Geschichtsunterricht der gymnasialen Oberstufe in Schleswig-Holstein von zwei auf eine Stunde pro Woche reduziert werden. Ein Geschichtslehrer startete eine Online-Petition dagegen, Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU) ruderte aufgrund der zahlreichen Unterschriften zurück. Ähnlich erging es der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). Sie hatte angekündigt, die DDR-Geschichte aus dem Rahmenlehrplan für Oberstufenschüler streichen zu wollen. Doch dagegen wehrten sich der Geschichtslehrerverband und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit einem offenen Brief. Die Senatorin korrigierte sich.

Die Berliner Bildungssenatorin wollte DDR-Geschichte aus dem Oberstufenlehrplan streichen.

“Diese Schaukelpolitik ist absolut ungesund für die Demokratiebildung junger Menschen”, sagt der Wiesbadener Schulleiter Niko Lamprecht. “Geschichtsunterricht muss mindestens zwei Stunden wöchentlich stattfinden.” Das Fach Geschichte mit anderen zu vermischen, sei zudem wenig sinnvoll. Der Geschichtslehrer leitet ein reines Oberstufengymnasium. Schüler, die aus Realschulen zu ihm in die elfte Klasse kämen, hätten zuvor häufig gar keinen reinen Geschichtsunterricht mehr gehabt.

“Meistens gibt es dann das Fach Gesellschaftswissenschaften, das ist ein ‘Tutti-Frutti’-Mix aus Erdkunde, Politik, Geschichte und manchmal noch Ethik. Kein Mensch hat all diese Fächer studiert”, sagt Lamprecht. “Es gleicht also einem russischen Roulette, welches Fach kompetent unterrichtet wird.”

“Die Juden waren schon immer geldgierig und Terroristen”

Wenn Lamprecht bei seinen Elftklässlern eine Bestandsaufnahme macht, ist er oft schockiert. “Bildungsbürgerliches Wissen durch die Lektüre von Büchern hat vielleicht noch ein Schüler von 100”, sagt Lamprecht. “Die anderen sind auf digitale Medien wie TikTok angewiesen. Und da kommen krasse Sachen heraus.” Besonders stark habe man das nach dem Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023 gespürt. Unter jungen Leuten herrsche “völliges Unwissen” über die Hintergründe des Staates Israel oder die Geschichte der Palästinenser – und das betreffe nicht nur arabische Migrantenkinder.

“Es wird geglaubt, was auf den sozialen Kanälen bildgewaltig vermittelt wird. Zum Beispiel: ‘Die Juden waren schon immer geldgierig und Terroristen’ oder ‘der Holocaust findet im Gaza-Streifen statt'”, sagt Lamprecht. “Jugendliche glauben mitunter auch, dass Hitler ein Sozialist war, Polen den Zweiten Weltkrieg begonnen hat oder die DDR 1989 okkupiert worden sei”, schildert Lamprecht. “Es grassieren bestimmte Extremismus-Trends bei Jugendlichen und es ist sehr mühsam, dies im Geschichtsunterricht wieder aufzudröseln.”

“Extremismus kann man vorbeugen, wenn man lernt, Geschehnisse historisch einzuordnen, und sieht, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Geschichte muss ein Ankerfach sein.”

Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz

 

Amy Kirchhoff, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, besucht ein berufliches Gymnasium im sächsischen Meißen. Nur noch wenige Wochen, dann hat Kirchhoff, 19 Jahre, ihr Abitur in der Tasche. Rosig in die Zukunft blickt sie deswegen nicht. “Wir sehen ja, dass die Wahlergebnisse unter jungen Wählern nach rechts tendieren. Bei den Landtagswahlen im März in Rheinland-Pfalz war die AfD bei den unter 25-Jährigen die stärkste Kraft”, sagt Kirchhoff. Dagegen könne man etwas tun. “Extremismus kann man vorbeugen, wenn man lernt, Geschehnisse historisch einzuordnen, und sieht, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Geschichte muss ein Ankerfach sein”, fordert sie. “Denn die Schule ist die einzige Möglichkeit, Jugendliche ohne Einfluss des Elternhauses zu bilden.”

Die Berliner Lehrerin Lea Honoré hat oft erlebt, dass junge Menschen mit einem inspirierenden Geschichtsunterricht beginnen, anders über Dinge nachzudenken. Zehn Jahre lang hat sie an einem Gymnasium in Kreuzberg unterrichtet, mit einer Schülerschaft, die zu 98 Prozent eine Migrationsgeschichte hatte. “Damals habe ich mit meinen Schülern für den jungen Juden Max Katz eine Grabsteinverlegung auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee initiiert.” Katz hatte in derselben Straße gelebt, in der sich das Gymnasium befand, und hat vermutlich kurz vor seiner Deportation Selbstmord begangen.

Geschichtsunterricht kann Vorurteile der Schüler abbauen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Stereotypen zum Nahost-Konflikt.

“Anfangs sagte einer meiner Schüler: ‘Ich bück’ mich doch nicht für einen Juden’, als es darum ging, die Stolpersteine in der Straße zu putzen”, erzählt Honoré. Mit der Zeit hätten sich Vorurteile der Schüler dann nach und nach abgebaut. “Ich bin im Unterricht zurückgegangen ins Mittelalter und habe geschaut, seit wann es schon Antisemitismus gibt und woher die Stereotype kommen.” Später habe dann der ganze Kurs gemeinsam eine Gedenkveranstaltung organisiert, Geld gesammelt für einen Grabstein und diesen auf dem jüdischen Friedhof verlegen können.

“Und meine muslimischen Schüler haben gesagt: Eigentlich ist das ein junger Mensch, der war ungefähr so alt wie wir jetzt, der wurde ausgegrenzt, so wie wir heute.” Dass es für Katz damals nur den Tod als Ausweg gab, habe die Schüler schließlich alle sehr bewegt.

Weil Honoré weiß, dass guter Geschichtsunterricht einen Unterschied machen kann, feilt sie bereits an einem neuen Projekt. Der kleine Gerhard, der 1944 starb, hatte eine große Schwester. Sie könnte theoretisch noch leben und wäre heute 87 Jahre alt. Vielleicht wird Honoré mit ihrem nächsten Kurs beginnen, nach ihr zu forschen. Historisch gesehen wären die Dame und ihre Kinder Zeitzeugen beziehungsweise Zweitzeitzeugen. “Geschichtsdidaktisch gesprochen”, sagt Honoré, “wäre es der ultimative Gegenwartsbezug.”

 

Politikredakteurin Freia Peters berichtet für WELT über Familien- und Gesellschaftspolitik sowie Bildung.

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