Selten hat mich ein Referat derart berührt wie der Vortrag von Giovanni Maio am zehnten «Symposium Ethik in der Medizin» in St. Gallen. Der Arzt und Philosoph aus Freiburg im Breisgau entwickelt seine Gedanken leise und bescheiden, sprechdenkend und ohne visuelle Hilfsmittel. Der Mensch steht im Zentrum. Man konnte eine Stecknadel fallen hören.
Ins Leben gerufen hat das Symposium die Onkologin Dr. med. Karen Nestor, damals Oberärztin am Kantonsspital St. Gallen, seit 2024 Chefärztin der Rehaklinik Gais. Am Jubiläumsanlass sprach Maio über die «Ethik der Verletzlichkeit». (1) Warum ich als Nichtmediziner hingefahren bin? Weil mich die Frage bewegt, was den Menschen ausmacht – und weil ich ahnte, dass Maios Gedanken auch für das Pädagogische bedeutsam sind.
Was ist der Mensch?
Die Frage nach dem Menschen steht für Maio am Anfang jeder Ethik. Welches Menschenbild leitet unser Handeln? Was verstehen wir unter einem guten Leben?

Wissenschaftliche Erkenntnisse, Daten und Fakten sind unverzichtbar. Doch sie allein genügen nicht. Eine Krankheit lässt sich medizinisch diagnostizieren; wie ein Mensch sie erlebt, ist eine andere Frage. Zum Befund kommt die Empfindung, zur Erklärung das Verstehen. Medizin ist nicht nur Naturwissenschaft, sondern auch eine Weise, dem Menschen zu begegnen.
Maio kritisiert das Bild des Menschen als souveränen Unternehmer seiner selbst: unabhängig, leistungsfähig, für sein Glück allein verantwortlich. Der Mensch erscheint ihm dabei wie eine «bindungslose Monade» – als ein in sich geschlossenes Wesen, das niemanden braucht. Doch dieses Bild verkennt, wie sehr wir auf andere angewiesen sind.
Dem setzt Maio den Homo vulnerabilis entgegen, den verletzlichen Menschen. Verletzlichkeit ist kein Ausnahmezustand, der nur Kranke oder Schwache betrifft. Sie gehört grundlegend zum Menschsein: Wir sind auf andere angewiesen, und gerade darin liegt nicht nur unsere Gefährdung, sondern auch die Möglichkeit menschlicher Verbundenheit.
Vier Grundbedingungen des Menschseins
Maio beschreibt vier Grundbedingungen menschlicher Verletzlichkeit als Teil der Conditio humana. Erstens ist der Mensch körperlich empfänglich für Schmerz, Krankheit und Verletzung. Zweitens lebt er in Beziehung zu anderen. Wir brauchen Anerkennung und wollen verstanden und in unserer Einzigartigkeit wahrgenommen werden. Gleichgültigkeit und Missachtung können tief verletzen.
Drittens ist unser Leben von Kontingenz geprägt: Es lässt sich nicht restlos planen und kontrollieren. Ereignisse durchkreuzen unsere Absichten, Gewissheiten geraten ins Wanken. Viertens leben wir in der Endlichkeit. Unser Leben ist brüchig und vergänglich.
Freiheit ist nicht nur eine Gabe, sondern auch eine Aufgabe.
Verletzlich und dennoch autonom
Diese Grundbedingungen sind keine Defizite, sondern prägen unser Menschsein. Daraus folgt eine zentrale Einsicht Maios: Verletzlichkeit und Autonomie sind keine Gegensätze. Selbstbestimmung bedeutet nicht, niemanden zu brauchen. Sie wird vielmehr dort möglich, wo Menschen Unterstützung erfahren und ihre Fähigkeiten entfalten können. Freiheit ist nicht nur eine Gabe, sondern auch eine Aufgabe.
Von der Verletzlichkeit zur Verantwortung
Wer die eigene Verletzlichkeit kennt, kann empfindsamer für die Verletzlichkeit anderer werden. Daraus erwächst Verantwortung: sich vom Leiden anderer berühren zu lassen.
Solche Sorge will mehr als nur schützen. Sie wahrt die Integrität des Menschen, reduziert ihn nicht auf seine Krankheit oder seine Grenzen und sucht nach seinen Möglichkeiten. Sie traut ihm etwas zu, stärkt seine Selbstachtung und fördert sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Verletzlichkeit verbindet uns. Arzt und Patientin sind beide verletzlich, wenn auch in unterschiedlichen Situationen. Daraus kann eine Begegnung auf Augenhöhe entstehen: Der andere wird nicht zum Objekt der Hilfe, sondern bleibt Mit-Subjekt.
Pädagogisches Handeln beginnt deshalb nicht mit der Massnahme, sondern mit dem Verstehen: Was braucht dieser junge Mensch? Was vermag er bereits, woran scheitert er, was traut er sich zu?
Was heisst das für die Schule?
Als Pädagoge frage ich mich, was diese Überlegungen für die Schule bedeuten. Auch hier können Menschen einander stärken oder verletzen. Das Menschenbild prägt unser Handeln.
Ein Kind ist nicht bloss Träger messbarer Leistungen. Es entwickelt sich, sucht Anerkennung, stösst an Grenzen und ist auf andere angewiesen. Den jungen Menschen in seinem Werden zu verstehen, ist Voraussetzung dafür, ihm angemessen zu begegnen.
Pädagogisches Handeln beginnt deshalb nicht mit der Massnahme, sondern mit dem Verstehen: Was braucht dieser junge Mensch? Was vermag er bereits, woran scheitert er, was traut er sich zu? Lernstände und Leistungswerte geben wichtige Hinweise, erfassen aber nicht das ganze Kind. Dazu braucht es Gespräche, genaue Beobachtung und Aufmerksamkeit für Zwischentöne. Pädagogische Professionalität zeigt sich darin, im richtigen Moment das Richtige zu tun.
Selbstständigkeit will gelernt sein
Selbstständigkeit ist ein Bildungsziel, entsteht aber nicht von selbst. Kinder brauchen Lehrpersonen, die erklären, anleiten und sie Schritt für Schritt zum eigenständigen Lernen führen.
Auch das Selbstbewusstsein ist, wie Giovanni Maio betont, das Resultat guter Erfahrungen mit anderen Menschen. Es wächst, wenn wir ernst genommen werden, wenn andere uns etwas zutrauen und uns bei Misserfolgen nicht abschreiben. Wer einem Kind etwas zutraut, eröffnet ihm Möglichkeiten, an denen es wachsen kann. Wer es auf Fehler, Schwächen oder Leistungswerte reduziert, verstellt ihm den Blick auf die eigenen Fähigkeiten.

Zutrauen heisst auch, Kinder herauszufordern und ihnen etwas zuzumuten. Entscheidend ist, dass sie dabei nicht allein gelassen werden. Sie brauchen Ermutigung, verständliche Erklärungen und geduldiges Üben. Zutrauen und Zumuten gehören zusammen.
Beziehung ist kein Zusatz zum Unterricht; sie wächst im gemeinsamen Lernen. Sie schafft Vertrauen und ermöglicht, dass Erklären, Üben und Fordern ihre Wirkung entfalten. Pädagogische Sorge bedeutet weder Schonung noch das Abnehmen aller Schwierigkeiten. Sie verlangt Präsenz, Beharrlichkeit und fachliches Können. Das Kind bleibt ein eigenständiges Gegenüber, dessen Entwicklung wir unterstützen, ohne sie vollständig bestimmen zu können. Seine Leistung soll gefordert werden; sein Wert hängt nicht von ihr ab.
Der Mensch ist mehr als seine Stärke
Giovanni Maios Referat stellt eine grundlegende Frage: Sehen wir im Menschen vor allem ein leistungsfähiges, autonomes Wesen – oder erkennen wir auch seine Angewiesenheit, seine Verletzlichkeit und seine unverwechselbare Würde?
Unser Menschenbild zeigt sich darin, wie wir zuhören, urteilen und mit Schwäche umgehen – und ob wir einem anderen auch dann etwas zutrauen, wenn er sich selbst wenig zutraut.
Maios Leitgedanke lässt sich so zusammenfassen: Wer Verletzlichkeit als Grundsignatur des Menschseins erkennt, versteht auch, weshalb wir aufeinander angewiesen sind. Das gilt zunächst für die Medizin. Doch der Gedanke reicht weiter – bis in die Schule und mitten in unser Leben.
(1) Giovanni Maio (2024), Ethik der Verletzlichkeit. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder.

