30. Oktober 2026
Gescheitert, aber unsterblich.

Schrödingers Frühfranzösisch

Schrödingers Katze war ein Gedankenexperiment über die Absurdität falsch übertragener Theorien. Beim Frühfranzösisch scheint daraus ein bildungspolitisches Dauerexperiment geworden zu sein – dessen Folgen längst sichtbar wären, wenn man endlich genauer hinsähe.

Kennen Sie Schrödingers Katze? Dabei handelt es sich um ein berühmtes Gedankenexperiment des Physikers Erwin Schrödinger aus dem Jahr 1935: Eine Katze wird in eine geschlossene, undurchsichtige Kiste gesperrt. In der Kiste befindet sich ein Apparat mit einer radioaktiven Substanz, einem Geigerzähler, einem Hammer und Gift. Innerhalb einer Stunde zerfällt ein Atom der Substanz mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % – oder eben auch nicht. Beim Zerfall schlägt der Geigerzähler an, der Hammer zerbricht das Gift, und die Katze stirbt.

Aber: Solange die Kiste zu bleibt, befindet sich das Atom nach den Regeln der Quantenmechanik in einer Superposition (gleichzeitig zerfallen und nicht zerfallen). Weil der Zustand der Katze direkt an das Atom gekoppelt ist, müsste die Katze laut dieser Logik gleichzeitig tot und lebendig sein. Erst wenn die Kiste geöffnet wird und eine Beobachtung oder Messung stattfindet, «entscheidet» sich das System zufällig für einen Zustand: Die Katze ist entweder eindeutig lebendig oder eindeutig tot.

Mir fiel Schrödingers berühmtes Gedankenexperiment wieder ein, als mir in den Sommerferien beim Aufräumen des heimischen Büros ein Dokument in die Hände fiel, das im Januar 2010 verbreitet worden war: die Projektversion des Lehrplans Französisch und Englisch im Rahmen von Passepartout [1] .

Es zählt zu meinen Eigenschaften, alle Arten von Texten, die ich lese, mit Markierungen, Stichwörtern und Notizen zu versehen. Als ich die 64-seitige Broschüre nach vielen Jahren wieder durchblätterte, stellte ich fest, dass ich sie bei meiner erstmaligen Lektüre vorrangig mit zwei Hauptarten von Kennzeichen versehen hatte: Einerseits hatte ich neben diverse Abschnitte das Adjektiv «banal» (wahlweise auch «banaaaaaal») hingeschrieben, andererseits, als Zeichen meines Unverständnisses respektive meines spontanen Widerspruchs als universitär ausgebildeter Sprachlehrer, entweder die Zeichenkombination «!?!?» oder die Abkürzung «BS» hinterlassen. Ob «BS» für «Blödsinn» oder «Bullshit» stand, weiss ich leider nicht mehr.

Damit Sie sich etwas Konkretes vorstellen können, zitiere ich zunächst zwei Textauszüge, die meinerseits mit «banal» quittiert worden waren: «Wenn Schülerinnen und Schüler mehrere Sprachen lernen, fangen sie nicht immer wieder bei Null an, sondern können vom bereits Gelernten profitieren.» (S. 9) «Damit die Lernenden Aufgaben lösen und die Inhalte verstehen können, benötigen sie entsprechende Sprachmittel.» (S. 11) Aha.

Noch weit häufiger als der Terminus «banal» finden sich die genannten Bezeichnungen «!?!?» und «BS», so etwa neben folgenden Aussagen: Da wurde behauptet, dass «jüngere Lernende grundsätzlich motiviert sind, eine neue Sprache zu erlernen, unabhängig von deren Status in der Jugendkultur. […] Der Formenreichtum und die grammatikalische Transparenz des Französischen geben Anlass zur Förderung der Sprachbewusstheit und lenken die Aufmerksamkeit auf die Übereinstimmung von Form und Bedeutung. […] In diesem Sinne kann die Sprachenfolge Deutsch-Französisch-Englisch als speziell lernfördernd betrachtet werden.» (S. 3).

«Sprachenlernen wird wie jedes Lernen als ein Prozess verstanden, bei dem Wissen und Erkenntnisse individuell und selbst konstruiert werden. Deshalb lernen Kinder nachhaltiger und wirkungsvoller, wenn sie die Bedeutung von Inhalten, Wörtern und Regeln in der Sprache selbst herausfinden.» (S. 4)

«Bei diesen Niveaus [gemeint waren Lernende an der Volksschule] liegt das Schwergewicht der Sprachproduktion darauf, einfache Dinge verständlich auszudrücken, d.h. auf Inhalt und Bedeutung. Fehler treten dabei auf, weil die Konstruktionswerkstatt im Hirn nicht genügend Kapazität hat, sowohl auf Form als auch auf Inhalt zu achten.» (S. 19)

«Da beim Aufbau der kommunikativen Kompetenz über die ersten Niveaus die Sprachmittel vom Inhalt und den Sprachhandlungen gesteuert werden, ist es nicht möglich, eine Reihenfolge für grammatikalische Erscheinungen festzulegen.» (S. 19)

Was aber hat nun Schrödingers Katze mit dem Frühfranzösisch-Konzept gemein? Dazu muss man zunächst einmal verstehen, dass Schrödinger natürlich nicht behaupten oder gar beweisen wollte, echte Katzen könnten gleichzeitig leben und tot sein. Vielmehr wollte er aufzeigen, wie absurd es wird, wenn man die Gesetze der winzigen Quantenwelt unüberlegt auf die grosse Alltagswelt überträgt.

Mir scheint, als habe man in Gestalt von «Passepartout» Gesetze der winzigen (Forschungs-)Welt der schweizerischen Pädagogischen Hochschulen auf die grosse Alltagswelt des Sprachunterrichts übertragen wollen; im Widerspruch zur internationalen Wissenschaft [2]  und bewährten Konzepten – mit entsprechend absurden Folgen.

Auch sonst scheint «Passepartout» leblose Tiere anzuziehen. Bereits vor 11 Jahren (!) schrieben Michael Weiss und ich mit Blick auf das bestehende Frühfremdsprachen-Diktat: «Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, dann steig ab!»[3] Geritten wird der Kadaver jedoch noch immer. Vielleicht müsste die EDK dann doch einmal die Kiste öffnen, um festzustellen, ob der Gaul noch atmet. Ein kostenloser Tipp: Auf Gutachten von Personen, die in die Implementierung des Konzepts involviert gewesen waren, würde ich dabei verzichten. Die leben nämlich noch, ganz ohne Zweifel.

 

[1] Margreth Däscher, Susanne Flückiger, Ruedi Gerber, Victor Saudan (Entwicklung); Ida Bertschy, Mirjam Egli Cuenat, Daniel Stotz, (Fachberatung): Projektversion Lehrplan Französisch und Englisch,
Arbeitsgruppe Rahmenbedingungen; Basel, Januar 2010

[2] vgl. dazu: Urs Kalberer: Früher Fremdsprachenunterricht – Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema; lvb inform 2022/23-03

[3] Roger von Wartburg und Michael Weiss: Der letzte Schrei – Tot oder lebendig; lvb inform 2014/15-04

 

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Schule 2040+ – SmartLearn.CH und LearnEarn+

Wie werden Schule und Unterricht im übernächsten Jahrzehnt aussehen? Lernen ohne Anstrengung? Denken ohne Tiefe? Wissenserwerb ohne Widerstand? Zweiminütige Lektionen? Benjamin Hänni wagt einen Blick in die Zukunft, der verunsichert: Ist das Satire oder wird das doch Realität werden?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert