27. Oktober 2026
Was die französischen Demonstrationen mit der KI zu tun haben

Giselle, Julien, Greta, Jean-Luc und Adnan

Die Unruhen in Frankreich begannen mit Schülerdemonstrationen. Dass sie derart ausarteten, ist nicht den Studierenden und Schülern vorzuwerfen. Es gab viele Instrumentalisierungsabsichten verschiedenster Interessengruppen. Condorcet-Autor Alain Pichard porträtiert mehrere junge und einen nicht mehr ganz jungen Zeitgenossen und nennt einen der Elefanten im Raum, über den viel zu wenig gesprochen wird. Die Maturitätsquote in Zeiten der KI.

Giselle* ist soeben aus Paris zurückgekommen. Giselle ist die 28-jährige Tochter eines guten Freundes von mir und hat seit zwei Jahren einen Bachelor in JUS in der Tasche. Dazwischen kam es zu mehreren Studienunterbrüchen, weil sie als Koordinatin der Hausbesetzerszene in einer Schweizer Stadt ein wenig Geld verdiente. Das Geld reichte natürlich nicht ganz, weshalb der Vater immer etwas zuschiessen musste. Er setzte schliesslich etwas Druck auf, worauf Giselle endlich einen Bachelor erwarb.

Ein Bachelor in Jus ist in der Schweiz ein regulärer akademischer Abschluss. Wer Anwältin oder Anwalt werden möchte, studiert normalerweise anschliessend bis zum Master weiter. Das ist nicht so Giselles Ding. Sie engagierte sich in der Klimajugend, anschliessend für Palästina und jetzt war sie in Paris an den Schülerdemonstrationen.

Alain Pichard, ehem. Stadt- und Grossrat der GLP, Lehrer und Publizist: Weniger von Repression als von KI bedroht.

Sie war nicht die einzige Schweizerin. Der Walliser Julien, Vizepräsident der Juso Schweiz, war ebenfalls in Paris. Er nahm dort an einem Treffen von 27 Organisationen aus mehr als zehn Ländern teil, um einen internationalen Jugendstreik zu planen. Er ist 24 Jahre alt, hat einen Bachelor in Politikwissenschaft in der Tasche, arbeitet Teilzeit beim VPOD und sitzt im Sittener Stadtparlament.

Beide deuten die Demonstrationen in Frankreich als Akt der Hoffnungslosigkeit der Jugendlichen. Sie werfen der Polizei eine «erschreckende Brutalität» vor und stellen fest, dass die Medien die Einzelfälle von Vandalismus aufbauschen, um von der Repression des staatlichen Machtapparats abzulenken. Julien beschuldigt Polizisten in Zivil, Gewalttaten angezettelt zu haben.

Greta war ebenfalls an Ort. Die Ikone des Klimastreiks musste sich ein paar Tage von ihrem Bootsausflug nach GAZA erholen und unterstützt nun voll motiviert «die Jugend von Paris».

Jean-Luc ist schon etwas älter. Der 75-jährige Gründer von La France insoumise (LFI) studierte Philosophie und moderne Literatur an der Universität Besançon. Seit 1978 ist er Berufspolitiker. Nun will er Präsident werden. Mit dem Slogan „Finger weg von unseren Jugendlichen!“  warf er der Regierung Repression und Rassismus vor und forderte seine Abgeordneten und Aktivisten auf, sich überall dort einzuschalten, wo sie könnten.

In Frankreich machen 80% der Jugendlichen ein Abitur. In der Schweiz sind es im Schnitt 24%, mit den bekannten Ausreissern Basel-Stadt und Genf, wo auch die Jugendarbeitslosigkeit höher ist.

Die Bilanz kennen wir alle: Brennende Schulen, verletzte Polizisten und Jugendliche, Zerstörung und Plünderung von Geschäften, abgefackelte Ratshäuser, Schäden in Millionenhöhe. Und ganz so nebenbei und kaum mehr in den Schlagzeilen: jüdische Geschäfte und eine Synagoge wurden ebenfalls verwüstet. Wenn die Palästinenserfahne präsent ist, darf auch das nicht fehlen.

In Frankreich machen 80% der Jugendlichen ein Abitur. In der Schweiz sind es im Schnitt 24%, mit den bekannten Ausreissern Basel-Stadt und Genf, wo auch die Jugendarbeitslosigkeit höher ist. Am 20. November soll es auch in unserem Land zu Schülerdemonstrationen kommen. Julien und Giselle werden dabei sein.

Sie sind weniger von der Repression des Staates bedroht, sondern von der KI. Sie müssen versuchen, in einer NGO oder Partei unterzukommen.

Nicht dabei sein wird Adnan. Der Kurde und Ex-Schüler ist ja bereits 30 Jahre alt, Vater von zwei Kindern, repariert heute Dachrinnen und montiert Ablaufrohre. Er hat es zum Gruppenchef seiner Firma gebracht und baut sich mit seiner Verwandtschaft in der Agglo von Biel ein Haus. Ich habe ihn auf dem Fussballplatz getroffen. Sein 5-jähriger Sohn spielt bereits Fussball. Das Gymnasium war bei ihm kein Thema, aber die Grundkompetenzen im Lesen erreichte er. Dafür sorgten seine strengen Lehrer. Er hat sehr viel zu tun und regt sich manchmal über die jungen Lehrlinge auf. «Aber ich war ja auch nicht viel besser», schob er sofort nach.

Giselle und Julien haben auch viel zu tun. Sie reisen, telefonieren, organisieren. Sie sind weniger von der Repression des Staates bedroht, sondern von der KI. Sie müssen versuchen, in einer NGO oder Partei unterzukommen. Dabei hilft sicher auch die Organisation von Demonstrationen. Vielleicht auch ein Job beim Staat? In Frankreich ist der bekannterweise bankrott. Aber in der solideren Schweiz ist das noch möglich. Da gibt es Luft nach oben.

Ich erinnere mich an meine verstorbene Mutter, die mir vor vielen Jahren eine peinliche Situation bescherte. Ich stellte ihr einen linken Freund vor, der gerade aus Nicaragua zurückgekommen war und stolz darüber berichtete. Sie meinte: «Was wollen Sie denn in Nicaragua? Ah, ich verstehe, wenn man die Revolution nicht hier machen kann, muss man sie in Nicaragua machen.» Sie war übrigens eine SP-Wählerin. Damals schämte ich mich in Grund und Boden. Heute lachen mein Freund und ich darüber.

*Name geändert

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