29. Oktober 2026
Sonderschulen im Kanton Bern

“Keine Chance auf einen selbstständigen Alltag”: Die Diagnose Autismus überfordert das Bildungssystem

Immer mehr Kinder erhalten die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Institutionen wie die Nathalie-Stiftung suchen händeringend nach Lösungen in einem komplizierten System. Dieser Beitrag ist zuerst in “Der Bund” erschienen.

 

In Kürze:

  • Heute betreut die Nathalie-Stiftung in Gümligen 72 statt ehemals 29 Personen.
  • Fachleute schätzen, dass heute rund eines von 80 Kindern von ASS betroffen ist.
  • Seit der Gesetzesrevision 2022 sind im Kanton Bern drei Direktionen für vergleichbare Institutionen zuständig.
  • Ein geplanter Ausbau des Wohnheims in Wattenwil scheiterte an Budgetkürzungen von 30 Prozent.

 

“Als ich 2013 hier anfing, betreuten wir 29 Kinder und Jugendliche”, sagt Manuela Dalle Carbonare, Co-Direktorin der Nathalie-Stiftung. “Heute sind es am Hauptstandort in Gümligen 72 Menschen in der Tagesschule und im Internat – mehr als doppelt so viele in gut 10 Jahren”, fährt sie auf dem Rundgang durch die Schulräume fort. Die meisten Kinder leben mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS).

Marco Zysset

Es ist ein ruhiger Tag. In kleinen Gruppen arbeiten die Kinder so konzentriert, wie es ihnen möglich ist. “Die wenigsten haben eine verbale Sprache”, sagt Manuela Dalle Carbonare. Stattdessen können sie mit Kärtchen, die sie zum Beispiel an einer Umhängetasche tragen, zeigen, was ihr Anliegen ist. Auffällig: In den Gruppenräumen arbeiten meist zwei bis drei Lehr- oder Betreuungspersonen mit einer Handvoll Schülerinnen und Schüler.

In einem Musikzimmer proben Kinder und Jugendliche mit Schlaginstrumenten; jedes begleitet von einer Betreuungsperson. Was auffällt: So gross die Freude ist, wenn etwas gelingt, so präsent ist auch der Frust, wenn ein Schlag danebengeht.

So stark steigt die Zahl der Diagnosen

Der ruhige Eindruck täuscht über die Dynamik hinweg, die das Bildungssystem und die heilpädagogischen Institutionen im Kanton Bern seit Jahren erfasst hat. Einer der Treiber: Die wachsende Anzahl Menschen mit einer ASS-Diagnose, die das Bildungs- und Betreuungssystem organisatorisch und finanziell an seine Belastungsgrenze bringt.

Noch in den 1980er-Jahren galt die Diagnose Autismus in der Schweiz als Seltenheit: Weniger als eine von 2000 Personen war betroffen. Nach der Jahrtausendwende lag der Wert bei einer von 160 Personen, wozu vor allem die häufigere Diagnose von Asperger-Syndromen und atypischem Autismus beitrug. Heute geht die Fachwelt davon aus, dass eines von 80 Kindern eine ASS hat.

Manuela Dalle Carbonare ist seit 2013 Co-Direktorin der Nathalie-Stiftung in Gümligen. (Foto: Franziska Rothenbühler)

Volkstümliche Vorstellungen vom hochbegabten Autisten, wie sie im Film “Rain Man” gezeichnet werden, entsprechen selten der Realität. “Die Menschen, die zu uns kommen, haben später auf dem Arbeitsmarkt selbst in geschützten Werkstätten keine Chance – oder überhaupt – auf einen selbstständigen Alltag”, betont Dalle Carbonare.

Im Alltag der Stiftung ist ein Erfolg, wenn ein Kind nach Monaten intensiver Förderung “Fortschritte im lebenspraktischen Bereich macht, wenn es sich zum Beispiel mit geringer Unterstützung selbst beschäftigen oder anziehen kann”, sagt die Co-Direktorin.

Gründe für die Zunahme der Autismus-Diagnosen

Die Frage nach den Ursachen für die steigenden Zahlen ist aus Sicht der Forschung komplex. Caroline Sahli Lozano, Leiterin des Forschungsschwerpunkts Inklusive Bildung an der PH Bern, sagt: “Eine Zunahme der erfassten ASS-Diagnosen bedeutet nicht automatisch, dass Autismus tatsächlich häufiger auftritt.” Ein Grund liege womöglich darin, dass Autismus bekannter sei und besser erkannt werde.

Caroline Sahli Lozano ist Leiterin des Forschungsschwerpunkts Inklusive Bildung an der PH Bern. (Foto: Raphael Moser)

Eine weitere Frage betrifft die Zuweisung an Sonderschulen im Allgemeinen. Auffällig seien die grossen Unterschiede bei den Sonderbeschulungsquoten zwischen den Kantonen. Für Sahli Lozano können dabei auch historische Entwicklungen, politische Prozesse sowie rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen – zum Beispiel die verfügbaren Angebote – eine Rolle spielen.

Anders gesagt: Wo das Bildungssystem mehr Möglichkeiten vorsieht, Kinder in separativen Settings zu unterrichten, kann diese Möglichkeit stärker genutzt werden. “Wenn in einem Kanton prozentual mehr Kinder eine Sonderschule besuchen, bedeutet das nicht automatisch, dass dort auch der Anteil an Kindern mit Behinderungen höher ist”, sagt die Bildungsforscherin.

Für sie ist klar: “Ob und wie Kinder mit Behinderungen integriert werden können, hängt auch von den Haltungen, Rahmenbedingungen und Praktiken der Regelschulen im Umgang mit Vielfalt sowie von der Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams ab.”

Gesetzesrevision verkompliziert die Arbeit

Mit der letzten Revision der bernischen Gesetzgebung zur Volksschule (Revos 2022) hat sich die Arbeit für Institutionen wie die Nathalie-Stiftung verkompliziert. “Heute sind beim Kanton Bern drei Direktionen für uns verantwortlich”, sagt Manuela Dalle Carbonare:

  • Für die besondere Volksschule ist die Bildungsdirektion zuständig.
  • Geht es um stationäre Aufenthalte, Pflegefamilien, Obhutsentzüge oder Entscheide der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), ist die Justizdirektion gefragt.
  • Für die Betreuung erwachsener Menschen ist die Gesundheitsdirektion verantwortlich.

Diese dreifache Zuständigkeit führt zu absurd anmutenden Konsequenzen für ASS-Betroffene, Angehörige und involvierte Betreuungsinstitutionen: Für jeden Bereich muss die Nathalie-Stiftung beispielsweise getrennte Budgets führen und separate Anträge stellen. Zudem sind Berufsfunktionen je nach Direktion unterschiedlichen Lohnklassen zugewiesen. “Wer mit Erwachsenen arbeitet, verdient weniger – obwohl es sich um die gleiche Arbeit mit den gleichen Herausforderungen handelt”, sagt Manuela Dalle Carbonare.

Dringend nötiger Ausbau wird erschwert

Neben der Schule betreibt die Nathalie-Stiftung Wohnheime für Erwachsene in Belp und Wattenwil. Ein Anlauf, den Standort Wattenwil auszubauen, ist jüngst gescheitert. Auf der Mettlenegg wollte die Stiftung ihr bestehendes Wohnheim erweitern. Doch es gab Bedenken in der Nachbarschaft, und der Kanton kürzte den Kostenrahmen für die Betreuungsinfrastruktur um rund 30 Prozent. “Unter diesen Voraussetzungen ist es illusorisch, einen Neubau zu finanzieren”, sagt Dalle Carbonare.

Viele der Kinder, die heute in der Nathalie-Stiftung zur Schule gehen, werden auch im Erwachsenenalter Betreuung benötigen. (Foto: PD)

Für den Neubau am Hauptstandort Gümligen arbeitete die Stiftung mit einem privaten Investor zusammen. Er baute die Gebäude nach den Vorgaben der Stiftung, die sie zu Marktkonditionen mietet. Nach dem Aus in Wattenwil sucht die Organisation nun im Umkreis von 30 Fahrminuten rund um Gümligen nach einer bestehenden Liegenschaft – einem ausrangierten Hotel, einem früheren Heim oder Spital.

Ziel ist, Wohnraum mit ÖV-Anschluss für 12 bis 16 Erwachsene zu schaffen. “Denkbar wäre, dass wir uns in eine bestehende grössere Institution einmieten”, sagt Dalle Carbonare. Gut möglich, dass dort später Menschen als Erwachsene ein Zuhause finden, die heute als Kind in der Nathalie-Stiftung unterrichtet werden.

 

Legende Beitragsbild: Die Kinder, die in der Nathalie-Stiftung die Schule besuchen, brauchen enge Betreuung. (Foto: PD)

 

Marco Zysset schreibt seit 2003 als Redaktor über das Geschehen – wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich – in der Region Thun. Ferner befasst er sich journalistisch mit Tourismus, Digitalisierung und Regionalplanung.

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