Im Schweizer Monat erschien kürzlich der bemerkenswerte Erfahrungsbericht eines Zürcher Vikariatslehrers ohne Lehrdiplom. Die NZZ am Sonntag druckte ihn gekürzt nach.[1] Und dann geschah: nichts. Keine Debatte, keine pädagogische Selbstprüfung, nicht einmal ein bildungspolitischer Aufschrei. Schweigen. Dabei würde man meinen, im teuersten Bildungssystem Europas müssten doch wenigstens einige Alarmglocken schrillen.
Der Autor schildert seinen Einsatz in Zürcher Schulhäusern wie ein Mann, der versehentlich in eine Parallelgesellschaft geraten ist. Der ehemalige Controller und Grenadier beschreibt Klassen, in denen Schimpfwörter und Einschüchterungen zum Alltag gehören. Er berichtet von Schulleitungen, die Konflikten ausweichen, von Lehrerinnen am Rand der Erschöpfung und einer Pädagogik, in der konsequentes Auftreten fast schon als Verdachtsmoment gilt. Gerade diese unbefangene Aussenperspektive ermöglicht einen nüchternen Befund: Nicht raffinierte Unterrichtsmethoden wirken, sondern Präsenz, Klarheit, Konsequenz und persönliche Haltung.

Das Schweigen nach dem Weckruf
Man kann über Ton und politische Zuspitzungen dieses Textes streiten. Man sollte das sogar. Aber die entscheidende Frage lautet doch: Was, wenn auch nur ein Teil davon stimmt? Selbst wenn dieser Bericht nur einen Einzelfall beschriebe – wäre das nicht schlimm genug? Wenn in einer einzigen Sekundarschulklasse Zustände herrschen, die gestandene Lehrkräfte krank machen, dann müsste doch zumindest die Frage erlaubt sein, ob irgendwo im System etwas aus dem Lot geraten ist. Stattdessen hört man seit Jahren vor allem Erfolgsmeldungen, Kompetenzraster, Integrationsnarrative und die beruhigende Versicherung, man befinde sich auf gutem Weg.[2]
Merkwürdig nur: Selbst der eher zurückhaltende «Beobachter» spricht inzwischen vom «Tohuwabohu» in manchen Schulzimmern – also doch keine reine Erfindung frustrierter konservativer Kritiker?
Die drei Affen der Bildungspolitik
Vielleicht liegt das eigentliche Problem inzwischen weniger in den Schulen als in der Unfähigkeit, über Schwierigkeiten offen zu sprechen. Wer auf Defizite hinweist, gerät rasch unter Verdacht: autoritär, kulturpessimistisch oder rückwärtsgewandt. Also schweigt man lieber. Die drei berühmten Affen der Bildungspolitik marschieren weiter: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.
Dabei drängen sich Fragen geradezu auf.
Warum bereiten Pädagogische Hochschulen junge Lehrpersonen offenbar ungenügend auf schwierige Klassen vor? Warum flüchtet man ausgerechnet dort, wo Führung und Struktur nötig wären, in Lernateliers, Selbstorganisation und Lernbegleitung? Weshalb gilt personale Autorität inzwischen fast als pädagogischer Makel – obwohl jede erfahrene Lehrkraft weiss, dass wirksamer Unterricht ohne klare Vorgaben gar nicht möglich ist?
Und noch eine Frage: Weshalb hört man von Praktikern oft völlig andere Einschätzungen als von offiziellen Stellen?
Zwei Welten: Bildungsrhetorik und Schulalltag
Die Rektorinnen der PH Zürich und Luzern betonen in einem aktuellen Beitrag zurecht, die Ausbildung sei praxisnah, wissenschaftlich fundiert und an klare Vorgaben gebunden.[3] Das mag alles stimmen. Nur entsteht beim Lesen solcher Stellungnahmen bisweilen der Eindruck zweier verschiedener Welten: hier die Theorie sauber formulierter Bildungsziele, dort das pädagogische Parterre mit erschöpften Junglehrerinnen, schwierigen Klassen und zunehmendem Ordnungsdruck.
Besonders irritierend ist dabei die Gleichgültigkeit, mit der man manche Entwicklungen hinnimmt.
Vielleicht ist genau diese Differenz der eigentliche Skandal.
Denn natürlich braucht Schule Ermutigung, Beziehung und Selbständigkeit. Aber sie braucht ebenso Grenzen, Führung und Verlässlichkeit. Kinder testen Autorität – das haben sie schon immer getan. Neu scheint eher, dass Erwachsene sich dafür rechtfertigen müssen, wenn sie überhaupt noch personale Autorität beanspruchen.
Unterricht oder Sozialarbeit?
Besonders irritierend ist dabei die Gleichgültigkeit, mit der man manche Entwicklungen hinnimmt. Wenn Unterricht immer häufiger zur Sozialarbeit wird, wenn fachliche Grundlagen erodieren, wenn Lehrpersonen mehr Energie in Deeskalation als in Bildung investieren müssen – dann ist das eben nicht bloss ein Betriebsunfall. Dann stellt sich irgendwann die Systemfrage.
Geht die Schweiz denselben Weg wie Deutschland?

Vor Kurzem hat die deutsche Publizistin Heike Schmoll in der FAZ die «Bildungszerstörer» beschrieben – ein hartes Wort, gewiss, aber ihre Diagnose zielt auf denselben Punkt: den Verlust von Leistungsanspruch, schulischer Verbindlichkeit und kultureller Selbstverständlichkeit.[4] Man muss Schmolls Zuspitzungen nicht vollständig teilen, um zu ahnen, dass auch das Schweizer Bildungssystem gegenüber unreflektierten Modetendenzen nicht immun ist.
Die stummen Alarmglocken
Vielleicht wäre jetzt der Moment gekommen, weniger euphorisch über «Lernlandschaften» und «Kompetenzorientierung» zu sprechen – und wieder etwas nüchterner über Unterricht.
Denn am Ende wollen Schülerinnen und Schüler nicht bloss begleitet werden. Sie wollen Lehrerinnen und Lehrer, die führen können. Die meisten wünschen sich guten, strukturierten Unterricht und verlässliche Hilfe beim Lernen.
Vielleicht ist das Erstaunlichste am Bericht des Zürcher Aushilfslehrers nicht einmal das, was er erzählt, sondern dass kaum jemand darüber reden wollte. Und vielleicht beginnt Bildungszerstörung nicht dort, wo Probleme entstehen – sondern dort, wo man sie nicht mehr aussprechen darf oder wo sie beschönigt werden.
[1] Beni Iten (Name geändert), Im Paradies für Querulanten, in: SCHWEIZER MONAT 1121/März 2026, S. 58-69; ders., Keine Ausbildung, aber Autorität, in: NZZ am Sonntag, 17.05.2026, S. 22-23.
[2] Vgl. dazu die euphorische Medienkonferenz des Präsidenten der EDK Schweiz, Christophe Darbelley, zu den jüngsten nationalen Leistungsvergleichen der vierten Primarklassen. Dazu die NZZ: «Blickt man genauer auf die Resultate, weicht die politisch verordnete Zufriedenheit der Ernüchterung» [Sebastian Briellmann, Selbst bei einfachsten Aufgaben sind viele Schüler überfordert, in: NZZ, 22.05.2026, S. 8].
[3] Sabrina Bundi, SVP attackiert Pädagogische Hochschulen – und denkt über eine Lehrer-Lehre nach, in: SonntagsZeitung, 17.05.2026, S. 07.
[4] Heike Schmoll, Die Bildungszerstörer, in: FAZ, 18.05.2026, S. 1.

