22. September 2023
Cancel culture

«Die Geschichte eines Sprechverbots: An der Uni wird wieder der bestraft, der anders denkt» – Eine Replik

Dem Artikel von Jan Fleischhauer ist inhaltlich nichts hinzuzufügen. Die beschriebene Begebenheit ist empörend und seine Kritik daran unbedingt angebracht. Das Thema «Cancel Culture» ist ansonsten kontrovers und polarisiert. Die unterschiedlichen Haltungen dazu gehen folglich in die zwei Hauptrichtungen der Ablehnung und der Negierung. Insofern könnte man den Text kommentarlos als weiteren Beitrag zur Thematik stehen lassen. Das Ende von Fleischhauers Text und die dortige Inkonsequenz allerdings lassen aufhorchen. Der Schluss hat es bei näherer Betrachtung und losgelöst vom thematisierten Gegenstand in sich. Eine Replik von Condorcet-Autor Felix Hoffmann.

Felix Hoffmann, BL, Sekundarlehrer, Condorcet-Autor: Rhetorisch äusserst geschickt.

«Als die deutsche Professorenschaft 1934 aufgefordert wurde, einen Eid auf Adolf Hitler abzulegen, gab es lediglich zwei Hochschullehrer, die diesen verweigerten. (…) Manchmal lohnt es, sich vorzustellen, wie sich Menschen in einer anderen Zeit in einem anderen System verhalten hätten. Wer in Erlangen studiert, hat nun eine begründete Vermutung, was seine Professoren, angeführt von dem Dekan Rainer Trinczek, angeht.»

Hält man sich an den Nietzsche-Grundsatz des Condorcet-Blogs, wonach jedes Sehen perspektivisches Sehen ist, eröffnen sich einem zumindest zwei Perspektiven, auf die es sich lohnt, näher einzugehen.

Aus der einen betrachtet, zeugt es von Intelligenz sowie stilistischer Eleganz und sprachlicher Kunstfertigkeit, ein heisses Eisen nicht anzufassen, sondern es lediglich anzudeuten, und zwar so, dass augenblicklich klar ist, was nicht gesagt, aber eben – vermeintlich – gemeint ist. Der Vorteil der Andeutung für Fleischhauer besteht darin, dass er sich schlecht beim Wort nehmen lässt, da er selbiges vermeidet, und zwar aus gutem Grunde. Gemeint ist natürlich der deutsche Nationalsozialismus der Dreissigerjahre, womit wir uns der zweiten Perspektive und dem oben erwähnten heissen Eisen nähern.

Jan Fleischhauer, Kolumnist, bezichtigt die Uni-Professoren der Feigheit

Letzteres besteht einerseits darin, dass Fleischhauer – eben nur andeutungsweise – die gesamte Professorenschaft der Uni Erlangen dem Verdacht der Feigheit aussetzt, eben jener Feigheit, der auch schon die Professoren unter Adolf Hitler offenbar unterlagen. Fleischhauer tut dies rhetorisch äusserst geschickt nicht über eine explizit bezichtigte Mutlosigkeit, sondern indem er einer anonymen Studentenschaft eine «begründete Vermutung» unterjubelt. Diese trotz aller eindrücklichen Rhetorik pauschalisierende Unterstellung geschieht möglicherweise auch noch ohne Wissen darüber, welcher der dortigen ProfessorInnen in die thematisierte Angelegenheit eingeweiht war und somit allenfalls in der Lage gewesen wäre zu reagieren. Überdies vergleicht Fleischhauer andererseits die heutige Cancel Culture – eben auch wieder nur andeutungsweise – mit dem damaligen Nationalsozialismus, der notabene mit der industriellen Vernichtung von rund sechs Millionen Menschen endete. Zur Erinnerung: In der vorliegenden Angelegenheit geht es um eine unbegründete Ausladung eines Professors.

Abgesehen vom oft bemühten Argument der Verharmlosung des Holocausts und ungeachtet dessen, dass Fleischhauer durch seinen angedeuteten Vergleich mit Kanonen auf Spatzen schiesst, stellt sich die Frage, warum er lediglich im Bereich der Andeutungen verharrt, anstatt klar Stellung zu beziehen und das Kind beim Namen zu nennen. Eine mögliche Antwort darauf gibt er selbst:

«Manchmal lohnt es, sich vorzustellen, wie sich Menschen in einer anderen Zeit in einem anderen System verhalten hätten.»

Verwandte Artikel

Wider die Nanny-Pädagogik

Zur geistigen Reife gehören der Drang nach Erkenntnis und das Interesse am anderen Standpunkt. Doch die Unterrichtskultur, die der Rationalität verpflichtet ist, gerät unter Druck. Identitätsdenken und Moralpolitik sind auch in der Schule auf dem Vormarsch, wie Gastautor Rainer Werner schreibt.

Das Paradox der geschlechtertypischen Berufe

Condorcet-Autor Urs Kalberer interpretiert Daten aus Skandinavien über den Effekt von Koedukation an den Schulen. Sein Fazit: Die Versuche, die Berufswünsche der Schulabgänger ausgeglichener zu gestalten, basieren auf falschen Annahmen. Eine Fokussierung auf Erziehungsmuster und Rollenbilder allein genügt nicht, die vorhandenen Unterschiede zu erklären.

3 Kommentare

  1. Herr Fleischhauer ist für mich deshalb so lesenswert, weil er genau diese feine Klinge führt und nicht mit dem tosenden Gepolter in den Grabenkampf steigt. Natürlich bezieht er klar Stellung, vor allem, weil er andeutet und – wie es Herr Hoffmann richtig feststellt – “klar ist, was nicht gesagt, aber eben -vermeintlich- gemeint ist”.
    Zur Sache selbst gilt es festzuhalten, dass die Diskursunfähigkeit an den Unis sich ja keineswegs auf wenige Fälle beschränkt: Der ehemalige und inzwischen wieder augetretene Gründer der AfD, Bernd Lucke, kann seine Vorlesungen an der Uni Hamburg nur unter Polizeischutz halten, Frau Schröder wurde an der Uni Bayreuth als Rassistin diffamiert, der US-General Peträus und der ehemalige Nestlé CEO Brabeck von der UNI Bern ausgeladen, die Autorin Marie-Luise Vollbrecht musste an der Humboldt Universität einen Gendervortrag absagen, der ehemalige Verteidigungsminister Deutschlands,Thomas de Maizière, konnte keinen Vortrag an der Göttinger Uni halten… alles aufgrund von Studentenprotesten.

    1. Ich teile die Bedenken von Herrn Hart, möchte allerdings auf einen bedeutenden Unterschied aufmerksam machen zwischen Nationalsozialisten und den VertreterInnen der Cancel Culture: Letzteren geht es im Kern um den Schutz von Minderheiten, erstere verwirklichten deren Vernichtung. Die ideologisch verbissene Intoleranz in Kombination mit totalitären Tendenzen gewisser VertreterInnen der Cancel Culture Comunity ist befremdend und weckt tatsächlich zuweilen Assoziationen mit den ersteren. Allerdings gibt es auch hier wiederum einen Unterscheid zwischen Assoziationen und einer -wenn auch nur angedeuteten- Gleichsetzung beider Gruppierungen. Ich persönlich ziehe es vor, in einer Gesellschaft zu leben, in der Studenten etwas -zuweilen auch Unangenehmes- bewirken können gegenüber einer Gesellschaft, deren Obrigkeit ihnen einen rigorosen Maulkorb umhängt.

  2. Vergleiche mit historischen Ereignissen sind immer heikel (z.B auch Putin und Hitler), weil oft nicht klar ist, was eigentlich genau verglichen wird, bzw. was genau das Tertium Comparationis ist. Mir scheint, in Fleischhauers Artikel werden nicht die fürchterlichen Auswirkungen des “Tausendjährigen Reiches” mit der Ausladung des Professors verglichen, sondern die Intoleranz, die sich, wenn sie von Gruppen geteilt wird, zu einer radikal-fundamentalistischen Haltung verdichten kann, die antidemokratisch wirkt und gegen die sich zu wehren mit Nachteilen verbunden sein kann. Das allerdings lädt zu einem Vergleich mit allen politischen und religiösen Gruppierungen ein, die Andersdenkende militant ausschliessen, also mit den Anfängen der nationalsozialistischen Bewegung ebenso wie mit denjenigen vieler anderer Gruppierungen, unabhängig davon, zu welchen Konsequenzen die Ideologie schliesslich geführt hat. Da wir jedoch bei historischen Vergleichen im Kopf sofort die Verbindung zu diesen Konsequenzen herstellen, ist der Vergleich unangebracht und wird die eigentliche Botschaft “Wehret den Anfängen” gar nicht mehr gehört.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert