Im Bildungssystem gibt es zunehmend Systemsprenger. Das sind Schüler, die den Unterricht einer ganzen Klasse, aber auch das Leben einer ganzen Schule zerstören können. Aber die Systemsprenger gibt es immer häufiger auch unter Lehrern und selbst ernannten Bildungsreformern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen.
Seit längerer Zeit wird ein inzwischen pensionierter Schulleiter aus dem Schwarzwald herumgereicht, der Unterricht für den Anfang allen Übels hält. Dabei wünschen sich die meisten Schüler genau das: guten, strukturierten Unterricht und unterstützendes Lernen.
Andere sprechen von brauchbarer Illegalität im Umgang mit Vorschriften und Verwaltungsvorgaben. Ein sogenanntes Institut für neue Prüfungskultur plädiert für Leistungsnachweise zum selbst gewählten Zeitpunkt. Die OECD und ihre Lautsprecher halten Wissenserwerb in Zeiten von KI für überflüssig und plädieren für die vier K wie Kollaboration, Kreativität, kritisches Denken und Kommunikation.

Eltern und Lehrer beklagen zu Recht, dass das Schulsystem seine Versprechen nicht einlöst, weil es die Basis nicht sichert und Schüler nach dem Ende der Grundschule weder sicher lesen noch rechnen können. Zunehmend verdammen sie aber gleich das gesamte System. Sie ignorieren Bildungsgeschichte, Bildungsforschung und Empirie und wollen alles kaputtschlagen, um etwas Neues zu kreieren. Doch wie das Neue aussehen soll, das wissen sie auch nicht.
Die Schulen im Brennpunkt fühlen sich unverstanden
Das System knirscht in der Tat an vielen Stellen. Das zeigt sich vor allem an den Schulen, die unter den schwierigsten Bedingungen arbeiten müssen: Sie berichten nicht nur von Lehrermangel und überlasteten Kollegien mit zu wenig Zeit für Schulentwicklung. Sie müssen auch eine wachsende Zahl an Beleidigungen und Übergriffen von Schülern auf Lehrer ertragen, aggressives Verhalten der Schüler untereinander und selbst Angriffe von Eltern auf Lehrer.
Die überbordende Nutzung von Social-Media-Kanälen durch Kinder, deren Eltern selbst kaum den Alltag meistern können, Sprachschwierigkeiten haben und finanziell nicht über die Runden kommen, zeigt sich oft in psychischen Auffälligkeiten. Aber auch die Zahl der wohlstandsverwahrlosten Kinder wächst.
Die meisten schlittern unvorbereitet in die Führungsposition.
Lehrer an Schulen im sozialen Brennpunkt müssen viel Zeit in Hausbesuche investieren, anstatt sich um die Qualität des Unterrichts zu kümmern. Um die Leitung einer solchen Schule bewerben sich nur die wenigsten. Sie wissen, dass eine enorme Verantwortung mit einem immensen Zeitaufwand und mit einer geringen Mehrvergütung auf sie wartet. Die meisten schlittern unvorbereitet in die Führungsposition.
Viele Lehrer und Schulleiter im sozialen Brennpunkt haben deshalb nicht gerade darauf gewartet, dass ihnen die politisch Verantwortlichen nun noch mit dem Mantra der datengestützten Schulentwicklung kommen. Andere arbeiten längst mit sogenannten Dashboards nach kanadischem Vorbild, auf dem sie die Leistungsentwicklung ganzer Klassen sehen können. Gerade vor Kurzem sind wieder einige Kultusminister nach Kanada gepilgert, um sich etwas abzuschauen.
Während auf der einen Seite die Befürworter solcher Systeme wachsen, mehren sich auf der anderen Seite die Gegner eines romantisierenden Bildungsverständnisses. Sie behaupten, dass die Sau vom Wiegen auch nicht fetter wird und die nicht messbaren Fähigkeiten zu kurz kommen.
Daten allein haben noch keinen Schüler schlauer gemacht
Von der Datenerhebung allein ist noch kein Schüler schlauer geworden. Es kommt darauf an, welche Daten erhoben und zu welchen verbindlichen Förderschritten sie herangezogen werden. Die Bildungsforscher haben den Schulen deshalb vorgeschlagen, sich am Anfang auf wenige Daten zu beschränken: allen voran die sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten.
Entscheidend ist, Sprachfähigkeiten früh zu testen und bei Defiziten mit qualifiziertem Personal gegenzusteuern. Längst wissen alle, was zu tun ist, aber es fehlt an der konsequenten Durchsetzung und mancherorts auch am geeigneten Personal.
Wer wirksam fördern will, muss erst einmal die Defizite und Stärken der einzelnen Schüler erkennen. Wer regelmäßig die richtigen Daten erhebt, kann die Wirksamkeit des Unterrichts und den Lernfortschritt der Schüler erkennen und gezielt nachsteuern. Entscheidend ist, Sprachfähigkeiten früh zu testen und bei Defiziten mit qualifiziertem Personal gegenzusteuern. Längst wissen alle, was zu tun ist, aber es fehlt an der konsequenten Durchsetzung und mancherorts auch am geeigneten Personal.
Wenig sinnvoll ist auch, den Lehrern die Mehrarbeit aufzubürden, ohne sie an anderer Stelle zu entlasten. Hamburg hat damals ein eigenes Institut mit den Tests beauftragt und die Einführung auf diese Weise beschleunigt, ohne Lehrer zusätzlich zu belasten.
Es wird höchste Zeit, dass alle Länder mit der datengestützten Schulentwicklung beginnen. Wenn es gelänge, nur noch Kinder mit ausreichenden Sprachkenntnissen einzuschulen, würden sich viele Folgeprobleme von selbst erledigen. Davon sind nicht nur die Brennpunktschulen überzeugt. Doch die Sirenengesänge der “Polarisierungsunternehmer” (Steffen Mau) und Abbruchpropheten sind so viel schriller und öffentlichkeitswirksamer. Nur haben die betroffenen Lehrer und Schüler nichts davon.

