18. Juli 2026
Universitäten in Deutschland

Warum 455 gestrichene Studienplätze in Frankfurt nur der Anfang sein können

In Deutschland studieren zu viele Menschen, das führt zu Eliten-Überproduktion mit üblen Folgen. Die Frankfurter Universität streicht bereits Studienplätze. Das könnte die Wiedergeburt eines vernunftgesteuerten Bildungssystems einleiten, kommentiert die WELT.

Overhead view of a young man in a blue hoodie standing on a curved concrete path, holding a binder or laptop case.

 

Während des 18. Jahrhunderts waren niemals mehr als 9000 Studenten an den 42 deutschen Universitäten eingeschrieben. Offenbar sorgte die fehlende Masse nicht für weniger Klasse: Es war die Zeit, in der Goethe, Schiller, Hegel und Kant studierten. Nun könnte man zwar argumentieren, dass die doppelte oder dreifache Zahl an Studienplätzen Deutschland damals vielleicht sogar zwei oder drei Goethes beschert hätte und Genies unentdeckt blieben, weil man ihnen nicht die entsprechenden Bildungschancen gegeben hatte. Aber so funktioniert Bildung ganz offensichtlich nicht: Heute sind an deutschen Hochschulen rund 2,9 Millionen Menschen immatrikuliert, aber Genies sind seltener geworden.

Matthias Heine, Feuilletonredaktor WELT

Deswegen ist es eine gute Nachricht, dass die Goethe-Universität Frankfurt 455 Studienplätze streicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter den jungen Menschen, die jetzt vielleicht deswegen nicht studieren können, auch nur ein einziger überdurchschnittlich Begabter ist, dessen Verlust das Land schwer treffen würde, ist äußerst gering. Die wirklich für ein Studium geeigneten jungen Frauen und Männer werden nicht durchs Raster fallen, wenn die Konkurrenz um weniger Studienplätze größer und die Auswahlverfahren strenger werden.

Draußen bleiben werden eher jene ungefähr 20 Prozent, bei denen sich schon mindestens seit der Abiturflut der vergangenen Jahrzehnte jeder Dozent fragte, was sie überhaupt auf der Universität zu suchen haben. Oder die 60 Prozent, die man – wie es der Historiker Michael Sommer beschrieben hat – zumindest bisher irgendwie formen und zu einem halbwegs passablen Abschluss bringen konnte, deren Grundvoraussetzungen allerdings immer schlechter und besorgniserregender werden.

Wirtschaftlicher Nutzen der Diplome “fatal gesunken”

Die Frankfurter Entscheidung kann nur ein erster Schritt sein, die Elitenüberproduktion zu beenden, die einer der destruktivsten Faktoren der großen Krise des Westens ist. Der russisch-amerikanische Populationsbiologe Peter Turchin, der historische Prozesse mit mathematischen Modellen erklärt, beschreibt Elitenüberproduktion so: “Der Anteil der Absolventen weiterführender Schulen, die anschließend die Universität besuchen, ist von 15 Prozent in den 1950er-Jahren auf über 60 Prozent in den 2020er-Jahren gestiegen.” Oft werde dieser Anstieg mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel und den Bedürfnissen einer Wissensökonomie erklärt.

Doch, so Turchin, der wirtschaftliche Nutzen eines Hochschuldiploms – also die Wahrscheinlichkeit, später angemessen zu verdienen – sei durch diese Bildungsinflation fatal gesunken. Die Folge davon: “Eine hochdiplomierte Generation junger Menschen, die oft verschuldet ist, nur noch über begrenzte wirtschaftliche Perspektiven verfügt und dementsprechend entmutigt ist.”

Zum Entstehen neuer „Kontra-Eliten“ hat die Bildungsinflation schon geführt. Die lautstarke Linksradikalisierung von beträchtlichen Teilen der Studentenschaft und der postakademischen Schicht geht ja zum großen Teil nicht von Studiengängen mit hartem Numerus Clausus aus (….)

 

Diese Häufung von Menschen, denen die Gesellschaft nicht mehr die prestigeträchtigen und finanziell einträglichen Arbeitsplätze zur Verfügung stellen kann, die sie eigentlich aufgrund ihrer Ausbildung erwarten, führe zu aggressiver Unzufriedenheit und zur Entstehung von “Kontra-Eliten” (Turchin), die die Legitimität der bestehenden Institutionen infrage stellen. Dies habe in der Geschichte mehrfach zu revolutionären Situationen geführt, wenn gleichzeitig noch das Einkommen und die Lebenschancen der Menschen am unteren Ende der sozialen Skala schwanden: “Die Kombination einer Überproduktion von Eliten und der Verarmung der Massen entwickelt sich dann zu einer explosiven Dynamik.”

Im Deutschland von heute hat die Verarmung der Massen allen Krisensymptomen zum Trotz noch nicht die Drastik vorrevolutionärer Gesellschaften wie in Frankreich 1789 oder Russland 1917 erreicht. Aber zum Entstehen neuer “Kontra-Eliten” hat die Bildungsinflation schon geführt. Die lautstarke Linksradikalisierung von beträchtlichen Teilen der Studentenschaft und der postakademischen Schicht geht ja zum großen Teil nicht von Studiengängen mit hartem Numerus Clausus aus, in denen der Zugang schon jetzt begrenzt ist und mit deren Abschlüssen man immer noch ziemlich sicher einen lukrativen Arbeitsplatz findet.

Heute sind an deutschen Hochschulen rund 2,9 Millionen Menschen immatrikuliert, aber Genies sind seltener geworden.

Vielmehr ist sie besonders ausgeprägt in denjenigen Geisteswissenschaften, in denen vorwiegend Leute mit nicht ganz so gutem Abitur, mit nicht so ausgeprägter Zielstrebigkeit und mit von Haus aus geringerem finanziellem Druck landen. Diese Menschen lernen in ihren Fächern vor allem eins: Die eigene Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit – denn es gibt nicht genug Diversitätsbeauftragten-Posten und Antirassismus-Coach-Jobs für sie alle – in Sätzen zu artikulieren, die dank akademisch anmutender Plastikwörter wie wissenschaftlich grundierte Gesellschaftskritik klingen.

Deshalb müssen in Deutschland noch viel mehr Studienplätze wieder abgebaut werden. Und nicht nur dort, wo Hochschulen – wie in Hessen – 30-34 Millionen Euro sparen müssen, sondern überall. Schon die Quote der Gymnasiasten muss gesenkt werden, Realschulen und Hauptschulen müssen wieder aufgewertet werden. Je früher man junge Menschen davon abhält, sich in Bildungssackgassen zu begeben, desto besser.

Die Mittelmäßigen werden nur umgeleitet

Und der Abbau von Studienplätzen darf natürlich nicht nur Fächer und Universitäten treffen, die einen Numerus Clausus haben, wie es bei den jetzt in Frankfurt betroffenen Fächern Gymnasiales Lehramt, Jura im Staatsexamen, Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaften und Soziologie sowie Erziehungswissenschaften, Biochemie und Sportwissenschaften ist. Denn die Mittelmäßigen, die es künftig nicht an die Frankfurter Universität schaffen, werden ja größtenteils nur an andere Hochschulen umgeleitet, wo man ihre Fächer oft noch ohne Zugangsbeschränkung studieren kann.

Zu viele Studenten der Genderwissenschaften, Postcolonial Studies, feministischen Linguistik und sonstiger Neo-Geisteswissenschaften (gern mit dem modisch-politischen Attribut “kritisch”) gibt es wiederum deshalb, weil die Fächer relativ billig sind.

 

Aber vielleicht nicht mehr lange. Denn die gute Nachricht aus Frankfurt erinnert auch an eine gern ignorierte Tatsache. Studienplätze kosten Geld und das muss der Steuerzahler aufbringen. Ärztemangel haben wir in Deutschland auch deshalb, weil Medizinstudienplätze besonders teuer und deshalb nicht beliebig vermehrbar sind. Zu viele Studenten der Genderwissenschaften, Postcolonial Studies, feministischen Linguistik und sonstiger Neo-Geisteswissenschaften (gern mit dem modisch-politischen Attribut “kritisch”) gibt es wiederum deshalb, weil die Fächer relativ billig sind.

Die Antwort auf dieses Missverhältnis ist nicht Studienplatzabbau nach dem Rasenmäherprinzip. Sondern eine härtere und genauere Evaluierung von Studiengängen. Bei denen sollten vor allem Statistiken darüber angelegt werden, wie viele Absolventen nach dem Studium einen Job gefunden haben. Die Elitenüberproduktion der vergangenen Jahrzehnte kann nicht einfach so fortgesetzt werden.

 

Legende Beitragsbild: Nicht jeder Weg muss nach dem Abitur zum Studium führen (Foto: Getty Images/Westend61)

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