6. August 2026
Bildungsniveau

“Wir beobachten einen regelrechten Sturzflug bei den Lernleistungen”

Die Bildungskrise wächst sich zu einem echten Standortrisiko für Deutschland aus, warnt Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer. Um das zu ändern, sei eine Umwälzung auf gleich mehreren Feldern nötig. Klaus Zierer, 50, ist Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Zuletzt erschien von ihm der Essay “Bildungsnotstand als Standortrisiko”. Das Interview ist zuerst in der WELT erschienen.

Students sit at desks in a classroom, looking bored or tired while writing on papers in front of them.

 

WELT: Herr Zierer, Sie konstatieren in Ihrem Essay, dass nur bessere Bildung Deutschland aus der Wirtschaftskrise retten könne. Warum?

Klaus Zierer: Wir sind ein Land ohne große Rohstoffvorkommen. Unser wichtigstes Kapital ist die Bildung der Menschen, ihre Leistungsfähigkeit und Anstrengungsbereitschaft. Die empirische Bildungsforschung zeigt einen direkten Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Wirtschaftskraft. Genau das macht die aktuelle Situation so dramatisch. Deutschland befindet sich wirtschaftlich seit Jahren in einer schwierigen Entwicklung. Wenn zusätzlich das Bildungsniveau sinkt, wird daraus ein ernstes Standortrisiko.

Portrait of a woman with dark hair wearing a lime green turtleneck, facing the camera against a blue background.
WELT-Journalistin Sabine Menkens

WELT: Die in Schulleistungsstudien gemessenen Kompetenzen sinken, die Abiturnoten werden aber immer besser. Wie passt das zusammen?

Zierer: Ich habe das einmal als “Bildungslüge” bezeichnet, weil sich die Bildungspolitik hier etwas vormacht. Wenn die Abiturnoten bundesweit Rekorde erreichen, hat das wenig mit der Realität zu tun, die wir in Pisa, den IQB-Studien und anderen Leistungserhebungen beobachten. Dort zeigt die Tendenz seit Jahren nur in eine Richtung: nach unten. Das liegt daran, dass die Anforderungen schrittweise abgesenkt wurden. Unter dem Strich wird der Leistungsgedanke, der das Bildungssystem lange getragen hat, immer weiter zurückgenommen.

WELT: Sie sprechen nicht nur von einer Bildungskrise, sondern von einem Bildungsnotstand. Ist dieser Alarmismus gerechtfertigt?

Zierer: Aus meiner Sicht eindeutig ja. Wir beobachten seit zehn Jahren einen regelrechten Sturzflug bei den Lernleistungen. Gleichzeitig verschlechtert sich die psychosoziale Situation vieler Kinder und Jugendlicher. Depressionen und Vereinsamung nehmen zu, ebenso die Zahl der Suizide. Hinzu kommen gesundheitliche Probleme wie Übergewicht. Praktisch alle empirisch messbaren Indikatoren zeigen nach unten.

Das hat unmittelbare Folgen für Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Deshalb halte ich den Begriff Bildungsnotstand für angemessen.

Wenn inzwischen mehr als ein Drittel der Kinder die Mindeststandards beim Rechnen, Lesen und Schreiben nicht erreicht, sprechen wir nicht mehr über kleinere Probleme. Das hat unmittelbare Folgen für Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Deshalb halte ich den Begriff Bildungsnotstand für angemessen.

WELT: Sie nennen drei Ursachen für diese Entwicklung: Migration, Digitalisierung und einen Niveauverlust durch Gleichmacherei. Beginnen wir mit der Migration. Kinder der ersten Einwanderergeneration schneiden im Durchschnitt deutlich schlechter ab, häufig wegen sprachlicher Defizite. Welche Folgen hat das?

Zierer: Zunächst sollte man differenzieren. Deutschland ist ein Einwanderungsland und auf Migration angewiesen. Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen zu uns kommen. Das Problem ist, dass das Bildungssystem darauf nicht ausreichend vorbereitet wurde. Wenn in einzelnen Klassen 80 oder 90 Prozent der Kinder kaum Deutsch sprechen, geraten Lehrkräfte an ihre Grenzen. Unter solchen Bedingungen lernen nicht nur die betroffenen Kinder weniger, sondern auch die anderen. Ab einem bestimmten Punkt der Heterogenität entstehen Kipppunkte im System. Dann leiden Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, weiterführende Schulen und später auch die Betriebe.

Migration anders steuern

Es muss schnell und massiv gegengesteuert werden, vor allem mit Sprach- und Integrationskursen. Darüber hinaus müssen wir darüber nachdenken, wie Migration so gesteuert werden kann, dass sie Wirtschaft und Gesellschaft dient und nicht destabilisiert.

Klaus Zierer: “Die Schulen sind trotz großer Investitionen nicht besser geworden. Deshalb halte ich eine grundsätzliche Kurskorrektur für notwendig. Das gilt auch für den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Die Gefahr besteht darin, dass Menschen das Denken verlernen und damit auch die Fähigkeit zur Bildung verlieren.” (Quelle Foto: Klaus Zierer)

WELT: Überraschend, vielleicht sogar provokant ist auch Ihre Kritik an der Digitalisierung von Schule. Warum halten Sie die für problematisch?

Zierer: Viele Studien zeigen, dass Digitalisierung in der Schule keineswegs automatisch positive Effekte erzeugt. Häufig überwiegen die negativen Folgen: mehr Ablenkung, schlechtere Konzentration, schwächere Lernleistungen. Schreiben und Lesen auf Papier funktionieren vielfach besser als auf Tablets oder Bildschirmen. Die Digitalisierungseuphorie fokussiert stark auf technische Möglichkeiten. Aus meiner Sicht haben wir uns hier blenden lassen. Die Schulen sind trotz großer Investitionen nicht besser geworden. Deshalb halte ich eine grundsätzliche Kurskorrektur für notwendig. Das gilt auch für den Umgang mit künstlicher Intelligenz. Die Gefahr besteht darin, dass Menschen das Denken verlernen und damit auch die Fähigkeit zur Bildung verlieren.

Wer die Arbeit weitgehend an die KI delegiert, spart zwar Mühe, verzichtet aber auf zentrale Lern- und Bildungsprozesse. Darüber hinaus hat eigene Leistung eine wichtige Funktion für das Selbstwertgefühl.

WELT: In Ihrem Buch formulieren Sie das so: “Am Ende geht das Licht in den Hirnen aus.”

Zierer: Es gibt eine Studie des Massachusetts Institute of Technology, in der drei Monate lang beobachtet wurde, was passiert, wenn Menschen Texte mit oder ohne KI schreiben. Die Probanden, die ihre Texte selbst verfassten, waren deutlich stärker kognitiv gefordert. Sie mussten Ideen entwickeln, strukturieren und formulieren. Wer die Arbeit weitgehend an die KI delegiert, spart zwar Mühe, verzichtet aber auf zentrale Lern- und Bildungsprozesse.

Darüber hinaus hat eigene Leistung eine wichtige Funktion für das Selbstwertgefühl. Wer sich durch einen schwierigen Denkprozess arbeitet und am Ende einen Text geschaffen hat, empfindet Zufriedenheit. Deshalb kann die Bedeutung von Anstrengung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ohne Anstrengung gibt es keine Bildung.

Bildung bedeutet aber, Autor seines eigenen Lebens zu werden. Ich muss lernen, zu entscheiden, Fehler zu machen, Rückschläge zu verarbeiten und Verantwortung zu übernehmen.

WELT: Befürworten Sie zumindest den Einsatz von KI zur Individualisierung des Lernens?

Zierer: Wenn man es sehr sorgfältig macht, mag es sinnvolle Einsatzfelder geben. Trotzdem sehe ich ein Grundproblem. Wenn eine KI vorgibt, welche Aufgaben bearbeitet werden sollen, wann Vokabeln wiederholt werden müssen und welche Lernschritte folgen, dann vollzieht der Schüler im Wesentlichen die Vorgaben eines Systems. Bildung bedeutet aber, Autor seines eigenen Lebens zu werden. Ich muss lernen, zu entscheiden, Fehler zu machen, Rückschläge zu verarbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Ein Schüler sollte sich fragen: Wie lerne ich am besten? Wie organisiere ich mich? Welche Strategien funktionieren für mich? Wenn wir solche Fragen an KI-Systeme auslagern, lernen wir vielleicht schneller, bilden uns aber weniger.

WELT: Sie beklagen, dass in der Bildungspolitik seit Jahrzehnten Gleichheit über Leistung gestellt werde. Was meinen Sie damit konkret?

Zierer: Das zeigt sich vor allem daran, wie wir heute über Bildung sprechen. Wir vergleichen Quoten und schließen aus Ungleichheiten oft sofort auf Ungerechtigkeit. Dahinter steht die Vorstellung, ein gerechtes Bildungssystem müsse zu gleichen Ergebnissen führen. Genau das halte ich für einen Irrtum. Bildung erzeugt zwangsläufig Ungleichheiten, weil Menschen unterschiedliche Interessen, Begabungen und Lebensumstände haben. Wenn das Ziel dennoch Ergebnisgleichheit ist, lässt sich das nur durch niedrigere Leistungsanforderungen erreichen.

Chancengerechtigkeit statt Gleichheit

Im Bemühen um mehr Gleichheit opfern wir zunehmend den Leistungsanspruch. Bildung bedeutet nicht, dass am Ende alle gleich sind, sondern dass jeder aus seinen Möglichkeiten das Beste macht.

WELT: Statt Gleichheit also lieber Chancengerechtigkeit?

Zierer: Absolut. Das war die Idee der Aufklärung: Nicht Herkunft, familiärer Hintergrund oder gesellschaftlicher Status sollten über die Möglichkeiten eines Menschen entscheiden, sondern seine Leistung. Wenn wir den Leistungsgedanken aus der Schule herausnehmen, gewinnen familiärer Hintergrund, kulturelles Kapital oder Netzwerke wieder an Bedeutung. Wer ohnehin privilegiert ist, profitiert davon. Deshalb schafft die Schwächung des Leistungsgedankens nicht mehr, sondern weniger Gerechtigkeit. Chancengerechtigkeit bedeutet nicht Ergebnisgleichheit, sondern Chancen entsprechend Fähigkeiten und Leistungen.

WELT: Sie sagen, der Bildungsnotstand sei mittlerweile ein Standortrisiko für Deutschland. Worin besteht dieses Risiko konkret?

Zierer: Zum einen in der nachlassenden Wirtschaftsleistung und Innovationskraft. Bildung ist ein zentraler Faktor für den Erfolg einer Volkswirtschaft. Mindestens ebenso bedeutsam ist aber die Demokratiefähigkeit eines Landes. Menschen müssen lesen, verstehen, argumentieren, kritisch hinterfragen und sich eine eigene Meinung bilden können. Sie müssen nachvollziehen können, was gesellschaftlich geschieht, und über einen Werterahmen verfügen, der Orientierung gibt. Mit einem sinkenden Bildungsniveau gehen solche Fähigkeiten verloren. Das kann man schon heute beobachten. Das ehrenamtliche Engagement nimmt ab, das Vertrauen in Politik und Institutionen sinkt, die gesellschaftliche Zufriedenheit geht zurück. Aus gesamtgesellschaftlicher Sicht ist das vermutlich die größte Gefahr.

 

Politredakteurin Sabine Menkens berichtet für die WELT über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.

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