4. August 2026
Ein Gespräch mit dem neuen Präsidenten der Berner Bildungskommission Samuel Krähenbühl

Ich will mehr Evidenz und will wissen, was all die Investitionen bringen

Samuel Krähenbühl ist Grossrat der SVP im Berner Kantonsparlament. Seit kurzem hat er das Präsidium der Bildungskommission übernommen. Condorcet-Autor Alain Pichard unterhielt sich mit diesem politischen Schwergewicht über Konservatismus, den Sinn der Bildung und seine Ziele im neuen Amt.

Smiling man in a white shirt seated in front of wooden shelves filled with blue, red, and green binders in an office.

Condorcet:

Samuel, bis anhin kannte man dich eher als Finanzpolitiker. Woher kommt nun deine Motivation, in die Bildungskommission einzutreten und das erst noch als Präsident?

Krähenbühl

Bevor ich 2022 wegen der Amtszeitbeschränkung in die Finanzkommission wechselte, war ich bereits während acht Jahren Mitglied der Bildungskommission. Ich bin kein Finanzpolitiker im klassischen Sinn, eher ein Allrounder. Und auch in der Bildungspolitik habe ich dich ja seinerzeit im Grossen Rat – vor allem in Sachen Frühfranzösisch und Integration – immer unterstützt.

Das stimmt, aber mit dem Präsidium der BIK entsteht hier schon ein thematischer Schwerpunkt oder?

So ist es. Dessen bin ich mir bewusst. In meiner Familie gab es viele Lehrer. Mein Urgrossvater war übrigens ein Reformpädagoge, der zusammen mit meiner Urgrossmutter, die ebenfalls Lehrerin war, in Sigriswil ein Internat gründete. Dort wurden auch einige Prominente unterrichtet, wie zum Beispiel Bruno Hesse, der Sohn von Hermann Hesse, den man dahin abgeschoben hatte.

Gibt es diese Institution noch?

Nein, sie wurde von meinen Urgrosseltern altersbedingt aufgegeben. Mein Grossvater war dann Dorfschullehrer in Sigriswil.

Und wie war der Samuel als Schüler

Ich war ein Querulant und sass öfters vor der Türe. Wenn mir langweilig wurde, begann ich zu schwatzen. Es gab sogar eine Abklärung bei der Erziehungsberatung, welche mich mit POS – heute würden wir ADHS sagen – diagnostizierte. . Meine Performance als Schüler war deshalb teilweise durchzogen, obschon ich selber im Rückblick staune, wie gut meine Leistungen dann am Ende oft trotzdem waren.

Was meinst du mit «Querulant»?

Ich widersprach den Lehrkräften oft. Und – etwas wird dich jetzt sicher erstaunen – ich funktionierte besser bei Lehrerinnen als bei Lehrern! (lacht)

Warum?

Es hatte vielleicht mit dem Unterrichtsstil zu tun. Meine Französischlehrerin in der 5. Und 6. Klasse war ziemlich tough, verlangte viel, war gut vorbereitet und hatte immer eine klare Ansage.

Trotz deiner Schwierigkeiten hast du den Übertritt ins Gymnasium geschafft und anschliessend studiert.

Da es in meiner Familie nicht nur Lehrer, sondern auch Pfarrer gab, studierte ich zunächst Theologie. Da aber das Seelsorgertum nicht zu meinen Kernkompetenzen gehörte, brach ich nach 4 Semestern ab und studierte Politologie und Geschichte sowie Ökonomie im Nebenfach.

Zumindest die Politologie ist heute ein klassisches Feld der Linken…

Mein Interesse an der Landwirtschaft und meine Verwurzelung im ländlichen Raum haben mich wohl etwas immunisiert. Ich wurde Redaktor bei der Zeitschrift «Schweizer Bauer», wechselte dann zur «Swiss Genetik» bis dann das Angebot von Annette Weber kam, in ihrem Verlag mitzuarbeiten.

Und da wirkst du nun seit…

5 Jahren.

Samuel Krähenbühl ist auch Buchautor.

Der Weber-Verlag konzentriert sich auf regionale Publizistik.

Überhaupt nicht nur, wir sind nach der Übernahme des Werdt-Verlags vor gut 10 Jahren mittlerweile der grösste Sachbuchverlag der Schweiz. Meine Aufgaben sind die Betreuung von Buchprojekten, sowie Lektorat und zudem schreibe ich selbst noch Bücher.

Samuel Krähenbühl, SVP: Ein gewiefter Rhetoriker.

Kostproben deiner rhetorischen Fähgikeiten gibst du ja gelegentlich im Grossen Rat. Du bist einer der wenigen, die ohne Skript, oft auch spontan die Rednertribüne betreten und ziemlich faktensicher referieren kann…  woher kommt diese Begabung?

Vielleicht steckt halt doch ein Lehrer in mir, du hast dies ja auch oft gemacht! Im Ernst, ich habe ein gutes Gedächtnis, bin seit 2014 im Grossen Rat, sitze auch in der Redaktionskommission und gehöre nicht zu denen, die die 1’200 Seiten Lektüre einer Session erst kurz vor der Sitzung oder gar nicht lesen. Und … ein kleines Geheimnis, manchmal schreibe ich mir mit dem Kugelschreiber die eine oder andere wichtige Zahl auf die Hand…

Wie kam dieser belesene und schlagfertige Geist in die SVP?

Ich wurde noch als Schüler durch die EWR-Debatte politisiert. Da spielte Christoph Blocher eine grosse Rolle…

Als hast du den Zürcher Flügel unterstützt?

Das ist mir zu platt. Damals war ich ja noch in der Sekundarschule und kein Parteimitglied.. Ich bin nicht nationalistisch, und Asylpolitik ist nicht meine Kernkompetenz. Ich bin ein Mensch, der die freiheitlichen Werte, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung für ganz wichtig hält. Und, um deinen Klischees noch einen weiteren Dämpfer zu geben, ich bin nicht in einem SVP-Haushalt aufgewachsen. Mein Grossvater mütterlicherseits war gar in einer Ortsliste in Sigriswil engagiert und hat in den Fünfziger Jahren das Machtmonopol der damaligen BGB gebrochen.

Für mich ist Bildung zunächst einmal die Vermittlung der Grundkompetenzen – Lesen, Schreiben und Rechnen – die Befähigung, das Leben selbständig und selbstbestimmt zu gestalten, oder wie es euer Condorcet formulierte, ihn mündig zu machen.

Ich gebe mir Mühe, nicht weiter mit Vorurteilen zu hantieren…Wann bist du in die SVP eingetreten?

Nach der Abspaltung der BDP… Ich fand die Art und Weise, wie sich Eveline Widmer-Schlumpf das Bundesratsamt erschlichen hat, schlicht skandalös.

Ein Kapitel, das nach den letzten Wahlen endgültig Geschichte ist. Ihr habt einen grossen Wahlerfolg eingefahren. Kommen wir zu Bildungspolitik, was sind da deine Schwerpunkte?

Bildung ist für mich Instruktion, die Wissensvermittlung…

Jean-Marie de Condorcet unterschied zwischen “instruction” und “éducation”.

Wie es ja auch unser Namensgeber Condorcet formuliert hatte, der machte einen Unterschied zwischen «instruction» und «éducation», letzteres sollte der Familie vorbehalten sein.

Und der war ja auch ein Gegner von Rousseau, der die schulische Bildung als Übel bezeichnete und meinte, der Mensch sei gut, bis er in die Zwänge der Gesellschaft gerät. Zu deiner Frage: für mich ist Bildung zunächst einmal die Vermittlung der Grundkompetenzen – Lesen, Schreiben und Rechnen – die Befähigung, das Leben selbständig und selbstbestimmt zu gestalten, oder wie es euer Condorcet formulierte, ihn mündig zu machen. Ausserdem ist Bildung auch Horizonterweiterung, in neue Welten eintauchen. Im Übrigen bin ich ziemlich utilitaristisch eingestellt. Ich frage mich immer, was etwas bringt? Für mich enthält dieser Lehrplan 21 vor allem viel Schwurbliges, niemand versteht ihn richtig. Ich habe nichts gegen Teste. Sie geben uns nützliche Informationen…

Du bist also für eine evidenzbasierte Bildungspolitik?

Ja, die hat man uns ja versprochen. Aber jetzt, wo die Evidenzen vorliegen, will man nichts mehr davon wissen, siehe Französischunterricht, da klammert man sich an immer nebulösere Ziele, wie den nationalen Zusammenhalt. Dabei finde ich gerade den Unterricht in den jeweils anderen Landessprachen sehr wichtig. Aber er muss mehr Qualität haben und bessere Resultate bringen.

Du kritisierst ja auch die Integrationspraxis an unseren Schulen…

Nicht weil ich grundsätzlich gegen Integration bin, sondern weil ich die Resultate sehe. Schau, gerade in diesem Bereich explodieren die Kosten. Wie viele Nachkredite mussten wir dafür bewilligen?

133 Mio

Und die Fälle steigen, die Lehrer klagen. Für mich müssen bei derart hohen Investitionen die Resultate stimmen… das heisst, es muss Verbesserungen geben. Hier ähnelt es einem Fass ohne Boden. Und ich erinnere dich daran: Die Bildungsausgaben haben sich zum grössten Ausgabenposten in unserem kantonalen Budget entwickelt.

Ich glaube auch, dass die Kinder in den ersten Schuljahren Bücher lesen und Texte mit der Hand schreiben sollten. Weniger Filme schauen, sondern ihre Fantasie entwickeln.

Das gilt ja eigentlich auch für die Digitalisierung…

Genau, auch hier wurden und werden enorme Summen investiert, mit den üblichen Heilsversprechungen und heute diskutiert man ein Handyverbot.

Im Kanton Baselland wurde soeben eine Initiative eingereicht, die ein Verbot auch im Unterricht von Handy, Tablets und Computern bis in die 4. Klasse verlangt…

Das könnte man sich wirklich überlegen. Ich glaube auch, dass die Kinder in den ersten Schuljahren Bücher lesen und Texte mit der Hand schreiben sollten. Weniger Filme schauen, sondern ihre Fantasie entwickeln. Vor allen kann man nicht irgendein Gerät verbieten, wenn man es gleichzeitig der Schule einsetzt. Allerdings denke ich, dass danach – also ab der 5. Klasse -der Umgang mit dieser Technik einsetzen sollte.

Was hältst du von der Berner Bildungsinitiative?

Dasselbe wie von der Pflegeinitiative. Abgesehen davon, dass es ein Unsinn ist, Qualität in der Verfassung zu verankern – was versteht man eigentlich unter Qualität? – ist es ein weiterer Schritt in Richtung «Verrechtlichung unserer Politik». Weil man an der Urne scheitert, versucht man dann gewisse Investitionen vor Gericht einzuklagen. Nein, jede Investition muss einzeln in einem politischen Diskurs geprüft werden. Ich erinnere auch daran, dass deine Heimatstadt Basel, die komischen Qualitätsartikel auch in seiner Verfassung drin hat, und… was hat es gebracht?

Den Schlussrang bei allen schulischen Vergleichstests…

Bei den mit Anstand höchsten Bildungsausgaben pro Schüler pro Jahr…

Was die allfällige Abschaffung der Schulnoten betrifft, muss ich wohl nicht raten…

(lacht), wahrlich nicht, sie sind ein bewährtes Informationsmittel und viel besser als ihr Ruf.

Sie sind aber auch ein Selektionskriterium…

Weisst du, was mir bei eurem Condorcet besonders gefällt? Sein Schulsystem basiert darauf, dass der abnehmende Schultyp die Aufnahmebedingungen und die Auslese bestimmt… Aus meiner Sicht sollte man wieder Aufnahmeprüfungen durch die aufnehmenden Schulen einführen.

Das stimmt. Condorcet schlug eine Académie vor, welche die Universitäten beaufsichtigt, die Universitäten sollten die Bildungsinhalte der  Lycées bestimmen, die Lycées die der «école secondaire» und die «école secondaire» die der «école primaire».

Genau, heute bestimmen die Leute aus der PH im Grunde weitgehend selber, was gute Bildung ist. Die früher vorhandene Rückkoppelung mit den Universitäten fehlt weitgehend.

Unterschätze diesen ländlichen Raum nicht, unterschätze die Pflanzenkenntnisse einer Bäuerin, die Ihren Garten gestaltet nicht, unterschätze die enormen Kenntnisse der Tierhaltung nicht, die die Bauern und ihre Entourage haben.

Du bist stark im ländlichen Raum verankert. Stört es dich nicht, wenn du die Sekundar- und Gymnasialquoten der Stadt mit denen im Oberland vergleichst?

Unterschätze diesen ländlichen Raum nicht, unterschätze die Pflanzenkenntnisse einer Bäuerin, die Ihren Garten gestaltet nicht, unterschätze die enormen Kenntnisse der Tierhaltung nicht, die die Bauern und ihre Entourage haben. In einem Biologiestudium lernen die Studis die Molekularstruktur einer Wadenmuskel einer Kuh, oft ohne zu wissen, was eine Kuh ausmacht. Und abgesehen davon, Karrieren müssen als Voraussetzung nicht immer eine akademische Ausbildung haben. Vor allem in Zeiten der KI wird es hier grosse Änderungen geben. Das Handwerk hat wieder goldenen Boden. Das sagt sogar der Chef von Nvidia, dem grössten PC-Chip-Hersteller der Welt. Tatsache ist auch, dass auf dem Land die Quote der jungen Menschen, welche einen Berufsabschluss haben, höher ist als in den Städten.

Wie kannst du als Kommissionspräsident hier die Impulse setzen?

Man ist da eingebunden und abhängig von den Mitgliedern. Ich kann zwar in einem gewissen Rahmen die Agenda bestimmen, aber natürlich stimmen dann in der Kommission alle ab. Sagen wir es mal so: Kritisch nachfragen, unbequeme Fragen stellen, und – wenn es denn sein muss – Gegensteuer geben. Ich werde auf Evidenz pochen. Sowohl in der BIK wie auch bei der Bildungsdirektion hat es viele Wechsel gegeben. Die Zeichen stehen nicht schlecht.

Lieber Samuel, danke für das Gespräch

 

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