Warum wollen viele junge Menschen nicht einen technischen Beruf lernen oder ein Mint-Studium absolvieren? Wann sollen Kinder Fremdsprachen lernen? Geht Lernen mit KI leichter? Die pädagogischen Kernfragen bleiben immer dieselben: Wie lernt das Kind? Welchen Boden muss die Schule legen, damit unsere Jugendlichen sich gute Grundlagen aneignen und zusammenhängend denken lernen können?
Jugendliche in der Schule stärker fordernEine Studie des österreichischen Professors Harald Kindermann hat ergeben, dass immer weniger junge Leute einen technischen Beruf lernen oder Naturwissenschaften studieren wollen – an sich nichts Neues. Interessant ist, dass der Studienautor über den Rand seiner Statistiker-Brille hinausschaut und die Gründe dieses «alarmierenden Befunds» wissen will. Viele fänden ein Mathe-oder Ingenieurstudium zu anstrengend, schreibt er, ausserdem hätten sie “zunehmend Schwierigkeiten, komplexere Inhalte zu verstehen, welche ein logisches Denken erfordern.” ![]() Die Ursachen dieser tatsächlich alarmierenden Antworten der jungen Leute ortet Kindermann zum einen bei der Schule, welche diese Fähigkeiten zu wenig trainiert, zum anderen bei den “sozialen” Medien. Das fehlgeleitete Rollenbild, das die Jugendlichen dort erhalten: Statt sich auf ihre eigenen Leistungen und ihren Beitrag für die Gesellschaft auszurichten, würden sie sich oft an erster Stelle “mit dem eigenen Befinden beschäftigen”. Kindermanns Forderungen: Die Jugendlichen sollten in der Schule wieder stärker gefordert werden, und das Ansehen der Berufslehre müsse zurückgewonnen werden. Dies gilt nicht nur für Österreich. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass ein Statistik-Fachmann den Bildungsverantwortlichen mitteilt, was sie zu tun haben, damit unsere Jugend in der Schule etwas lernt und ihren Platz im Beruf und in der Gesellschaft einnehmen kann und will. Notbremse darf nur ein Anfang sein für grundsätzliche ReformenIn einigen Kantonen haben die Parlamente in den letzten Monaten die Notbremse gezogen und sich für die Einführung von Förderklassen sowie für die Verschiebung des Fachs Französisch in die Oberstufe ausgesprochen. Damit bringen sie ihr Unbehagen in Bezug auf die Vollintegration der Klassen und die Überfrachtung des Lehrplans zum Ausdruck. Aufgeschreckt durch die mangelhaften Deutsch- und Mathematikkenntnisse der Schulabgänger, verlangen die Politiker, dass in der Volksschule wieder für alle Kinder genug Zeit und Raum zur Verfügung steht, um die nötigen Grundlagen vor allem in der deutschen Sprache und in Mathematik zu lernen.
Dies darf nur ein Anfang sein. Unsere Politiker sollten grundsätzlicher ansetzen: beide Fremdsprachen in die Oberstufe verschieben, die PHs bei der Lehrerbildung in die Pflicht nehmen, einen tauglichen Lehrplan sowie einen geführten und strukturierten Unterricht einfordern. Aber immerhin, sie beginnen einmal bei zwei der akuten Probleme unserer Volksschule. Sprachengesetz aus Bern – verfassungswidriger Eingriff in die Kompetenzen der Kantone an der pädagogischen Fragestellung vorbeiNun will eine Bundesrätin, die keinerlei theoretische und praktische Kenntnisse im Schulbereich nachweisen kann, sich profilieren, indem sie den Kantonen ein Sprachengesetz aufzuzwingen versucht. Danach soll die Fremdsprachen-Regelung von Harmos für alle Kantone verbindlich werden oder doch zumindest in der Primarschule eine zweite Landessprache im Lehrplan stehen. ![]() In den Artikeln und Leserbriefen unserer Textsammlung kommt sehr gut zum Ausdruck, was wir hier früher schon dargelegt haben. Aus pädagogisch-lerntheoretischer Sicht
Aus politisch-rechtlicher Sicht
Für den Frieden zwischen den Sprachkulturen
Verlernen wir durch KI das Denken?Zurück zu unseren Ausgangsfragen: Wie lernt das Kind denken? Welchen Boden muss die Schule legen? Antworten finden wir nur auf pädagogisch-psychologischer Ebene. Diese verfehlt der Englischdidaktiker Dirk Siepmann, wenn er schreibt, KI könne zentrale Bereiche des Fremdsprachenlernens – wie Wortschatz, Grammatik, Aussprache, Texte schreiben und korrigieren – übernehmen. Damit werde die Spracherwerbsphase beschleunigt und KI schaffe “zeitliche und kognitive Spielräume, in denen das kreative, flexible und kritische Denken überhaupt erst entstehen kann.” Humboldts Bildungsideal bleibe somit “auch unter den Vorzeichen einer maschinellen Intelligenz das Ziel”.
Es ist beunruhigend, dass ein Didaktikprofessor das Lernen als rein technischen Ablauf und völlig losgelöst von der zwischenmenschlichen Beziehung betrachtet. Die Vorstellung, eine Maschine oder eine Software könne die differenzierten Abläufe zwischen Lehrerin und Schüler ersetzen, hat leider mit dem individualisierten und selbstorganisierten Lernen auch in unseren Schulen Einzug gehalten. Wer schon einmal in einem Klassenzimmer gestanden ist, weiss, dass eine nicht verstandene Frage oder ein falsch angewendetes Wort zum mutlosen Abbruch einer ganzen Übung führen kann, wo doch eine ermutigende oder fordernde Ansprache durch die Lehrerin dem Kind frischen Schwung geben könnte. Mit einer gemeinsamen Lektüre in der Klasse und dem Gespräch darüber werden Wortschatz, Grammatik und Aussprache auf vielfältige Weise bereichert und durch Wiederholen gefestigt. Verständnisfragen zum Inhalt führen dazu, dass die Kinder Zusammenhänge verstehen lernen. Vorlesen oder Erzählen durch den Erwachsenen sind oft auch ein emotionales Erlebnis für die Schüler, das sie vielleicht nie mehr vergessen. Das “kreative, flexible und kritische Denken” kann also nicht losgelöst vom Spracherwerb in der Lerngemeinschaft entstehen und wachsen. ![]() KI lehrt uns nicht das Denken, sondern wir können es im Gegenteil verlernen, wenn wir uns allzusehr auf das technische Programm verlassen, schreibt Neurowissenschaftler Lutz Jäncke. Er warnt: “Untersuchungen zeigen, dass die Generation Z schlechter geworden ist in der Aufmerksamkeit, der Konzentration sowie in der Lese- und der Mathematikkompetenz und dass es einen Zusammenhang gibt mit der Häufigkeit der Internetnutzung.” Multitasking (also mehrere Dinge gleichzeitig machen können) funktioniere nicht, man kann sich nur auf eines gleichzeitig konzentrieren. Wer Musik hört beim Hausaufgaben lösen, braucht entsprechend mehr Zeit. Wie viele seiner Kollegen empfiehlt Jäncke, digitale Medien und speziell KI nur gezielt einzusetzen für die Lösung bestimmter Probleme, die sonst nur mit viel Zeitaufwand zu bewältigen sind. “Aber das kritische Denken ist eine Tätigkeit, die das Gehirn selbst macht. Wenn wir das nicht nutzen, dann werden wir das irgendwann nicht mehr können.” Wir müssten Wege suchen, um mit KI zurechtzukommen, damit wir einen persönlichen Nutzen daraus ziehen können. Unseren Kindern sollten wir die Möglichkeit bieten, in einer störungsfreien Umgebung zuerst einmal analog zu lernen, dazu gehöre ein Handyverbot in der Schule. Die Newsletter-Redaktion wünscht Ihnen eine spannende Lektüre und sonnige und erholsame Sommerferien. Unser nächster Newsletter erscheint am 23. August. |




