Starke Volksschule Zürich - Newsletter

Die pädagogischen Kernfragen bleiben immer dieselben

Im letzten Newsletter der Starken Volkschule Zürich vor der Sommerpause befasst sich Marianne Wüthrich insbesondere mit dem sinkenden Interesse junger Menschen für die Mintfächer und der Frage, wie Kinder am besten (Fremdsprachen) lernen sollen.

 

Warum wollen viele junge Menschen nicht einen technischen Beruf lernen oder ein Mint-Studium absolvieren? Wann sollen Kinder Fremdsprachen lernen? Geht Lernen mit KI leichter? Die pädagogischen Kernfragen bleiben immer dieselben: Wie lernt das Kind? Welchen Boden muss die Schule legen, damit unsere Jugendlichen sich gute Grundlagen aneignen und zusammenhängend denken lernen können?

Jugendliche in der Schule stärker fordern

Eine Studie des österreichischen Professors Harald Kindermann hat ergeben, dass immer weniger junge Leute einen technischen Beruf lernen oder Naturwissenschaften studieren wollen – an sich nichts Neues. Interessant ist, dass der Studienautor über den Rand seiner Statistiker-Brille hinausschaut und die Gründe dieses «alarmierenden Befunds» wissen will. Viele fänden ein Mathe-oder Ingenieurstudium zu anstrengend, schreibt er, ausserdem hätten sie “zunehmend Schwierigkeiten, komplexere Inhalte zu verstehen, welche ein logisches Denken erfordern.”

Marianne Wüthrich, Starke Volksschule Zürich

Die Ursachen dieser tatsächlich alarmierenden Antworten der jungen Leute ortet Kindermann zum einen bei der Schule, welche diese Fähigkeiten zu wenig trainiert, zum anderen bei den “sozialen” Medien. Das fehlgeleitete Rollenbild, das die Jugendlichen dort erhalten: Statt sich auf ihre eigenen Leistungen und ihren Beitrag für die Gesellschaft auszurichten, würden sie sich oft an erster Stelle “mit dem eigenen Befinden beschäftigen”. Kindermanns Forderungen: Die Jugendlichen sollten in der Schule wieder stärker gefordert werden, und das Ansehen der Berufslehre müsse zurückgewonnen werden. Dies gilt nicht nur für Österreich. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass ein Statistik-Fachmann den Bildungsverantwortlichen mitteilt, was sie zu tun haben, damit unsere Jugend in der Schule etwas lernt und ihren Platz im Beruf und in der Gesellschaft einnehmen kann und will.

Notbremse darf nur ein Anfang sein für grundsätzliche Reformen

In einigen Kantonen haben die Parlamente in den letzten Monaten die Notbremse gezogen und sich für die Einführung von Förderklassen sowie für die Verschiebung des Fachs Französisch in die Oberstufe ausgesprochen. Damit bringen sie ihr Unbehagen in Bezug auf die Vollintegration der Klassen und die Überfrachtung des Lehrplans zum Ausdruck. Aufgeschreckt durch die mangelhaften Deutsch- und Mathematikkenntnisse der Schulabgänger, verlangen die Politiker, dass in der Volksschule wieder für alle Kinder genug Zeit und Raum zur Verfügung steht, um die nötigen Grundlagen vor allem in der deutschen Sprache und in Mathematik zu lernen.

Unsere Politiker sollten grundsätzlicher ansetzen: beide Fremdsprachen in die Oberstufe verschieben, die PHs bei der Lehrerbildung in die Pflicht nehmen, einen tauglichen Lehrplan sowie einen geführten und strukturierten Unterricht einfordern.

 

Dies darf nur ein Anfang sein. Unsere Politiker sollten grundsätzlicher ansetzen: beide Fremdsprachen in die Oberstufe verschieben, die PHs bei der Lehrerbildung in die Pflicht nehmen, einen tauglichen Lehrplan sowie einen geführten und strukturierten Unterricht einfordern. Aber immerhin, sie beginnen einmal bei zwei der akuten Probleme unserer Volksschule.

Sprachengesetz aus Bern – verfassungswidriger Eingriff in die Kompetenzen der Kantone an der pädagogischen Fragestellung vorbei

Nun will eine Bundesrätin, die keinerlei theoretische und praktische Kenntnisse im Schulbereich nachweisen kann, sich profilieren, indem sie den Kantonen ein Sprachengesetz aufzuzwingen versucht. Danach soll die Fremdsprachen-Regelung von Harmos für alle Kantone verbindlich werden oder doch zumindest in der Primarschule eine zweite Landessprache im Lehrplan stehen.

Sieht den nationalen Zusammenhalt bedroht: Innenministerin Elisabeth Baume-Schneider

In den Artikeln und Leserbriefen unserer Textsammlung kommt sehr gut zum Ausdruck, was wir hier früher schon dargelegt haben.

Aus pädagogisch-lerntheoretischer Sicht

  • Zuallererst sind im Klassenunterricht solide Grundlagen in Deutsch zu legen
  • Wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Resultate der Langzeitstudie von Simone Pfenninger dürfen nicht länger übergangen werden. Sie belegt, dass der strukturierte und durch den Lehrer geführte Sprachunterricht in der Oberstufe innert kurzer Zeit weit mehr Lernerfolg bringt als das Aufschnappen von Sprachhäppchen in zwei Jahren Primarschule.

Aus politisch-rechtlicher Sicht

  • Im föderalistischen Staatsaufbau der Schweiz haben die Kantone gemäss Artikel 62 der Bundesverfassung die Schulhoheit. Auch wenn es im Mehrsprachenland Schweiz unbefriedigend ist, dass die Kinder im Kanton Zürich und dann in anderen Kantonen seit rund 30 Jahren als erste Fremdsprache Englisch lernen (1), ist dies kein rechtlicher Grund für einen zentralistischen Angriff des Bundesrates auf die verfassungsmässige Ordnung.

Für den Frieden zwischen den Sprachkulturen

  • Dass Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider der kulturelle Austausch zwischen der Deutschschweiz und der Romandie wichtig ist, kann nur unterstützt werden. Allerdings schiesst sie weit über das Zulässige hinaus, wenn sie dem Zürcher Kantonsrat vorwirft, sein Entscheid “sei ein Affront gegenüber der Romandie” und ziele “auf eine Entwertung der Landessprachen und unserer Kultur ab”. In Wirklichkeit tut es dem kulturellen Austausch keinen Abbruch, wenn die Jugendlichen etwas später, dafür mit einigen Französischkenntnissen, mit den Gleichaltrigen in der Romandie in Austausch treten.
  • Für den kulturellen Frieden in unserem Land ist es nicht von Gutem, wenn eine Bundesrätin die Stimmung derart anheizt. Den Deutschschweizer Parlamentarierinnen liegt es fern, unsere Conpatriotes in der Westschweiz abzuwerten oder zu übergehen. Sie sind lediglich besorgt über die mangelhaften Deutschkenntnisse unserer Jugend. Nur auf diesem Boden können wir eine sachliche Diskussion führen.

Verlernen wir durch KI das Denken?

Zurück zu unseren Ausgangsfragen: Wie lernt das Kind denken? Welchen Boden muss die Schule legen? Antworten finden wir nur auf pädagogisch-psychologischer Ebene. Diese verfehlt der Englischdidaktiker Dirk Siepmann, wenn er schreibt, KI könne zentrale Bereiche des Fremdsprachenlernens – wie Wortschatz, Grammatik, Aussprache, Texte schreiben und korrigieren – übernehmen. Damit werde die Spracherwerbsphase beschleunigt und KI schaffe “zeitliche und kognitive Spielräume, in denen das kreative, flexible und kritische Denken überhaupt erst entstehen kann.” Humboldts Bildungsideal bleibe somit “auch unter den Vorzeichen einer maschinellen Intelligenz das Ziel”.

Die Vorstellung, eine Maschine oder eine Software könne die differenzierten Abläufe zwischen Lehrerin und Schüler ersetzen, hat leider mit dem individualisierten und selbstorganisierten Lernen auch in unseren Schulen Einzug gehalten.

 

Es ist beunruhigend, dass ein Didaktikprofessor das Lernen als rein technischen Ablauf und völlig losgelöst von der zwischenmenschlichen Beziehung betrachtet. Die Vorstellung, eine Maschine oder eine Software könne die differenzierten Abläufe zwischen Lehrerin und Schüler ersetzen, hat leider mit dem individualisierten und selbstorganisierten Lernen auch in unseren Schulen Einzug gehalten. Wer schon einmal in einem Klassenzimmer gestanden ist, weiss, dass eine nicht verstandene Frage oder ein falsch angewendetes Wort zum mutlosen Abbruch einer ganzen Übung führen kann, wo doch eine ermutigende oder fordernde Ansprache durch die Lehrerin dem Kind frischen Schwung geben könnte.

Mit einer gemeinsamen Lektüre in der Klasse und dem Gespräch darüber werden Wortschatz, Grammatik und Aussprache auf vielfältige Weise bereichert und durch Wiederholen gefestigt. Verständnisfragen zum Inhalt führen dazu, dass die Kinder Zusammenhänge verstehen lernen. Vorlesen oder Erzählen durch den Erwachsenen sind oft auch ein emotionales Erlebnis für die Schüler, das sie vielleicht nie mehr vergessen. Das “kreative, flexible und kritische Denken” kann also nicht losgelöst vom Spracherwerb in der Lerngemeinschaft entstehen und wachsen.

Ist kritisches eigenständiges Denken durch den Siegeszug der Künstlichen Intelligenz bedroht?

KI lehrt uns nicht das Denken, sondern wir können es im Gegenteil verlernen, wenn wir uns allzusehr auf das technische Programm verlassen, schreibt Neurowissenschaftler Lutz Jäncke. Er warnt: “Untersuchungen zeigen, dass die Generation Z schlechter geworden ist in der Aufmerksamkeit, der Konzentration sowie in der Lese- und der Mathematikkompetenz und dass es einen Zusammenhang gibt mit der Häufigkeit der Internetnutzung.” Multitasking (also mehrere Dinge gleichzeitig machen können) funktioniere nicht, man kann sich nur auf eines gleichzeitig konzentrieren. Wer Musik hört beim Hausaufgaben lösen, braucht entsprechend mehr Zeit.

Wie viele seiner Kollegen empfiehlt Jäncke, digitale Medien und speziell KI nur gezielt einzusetzen für die Lösung bestimmter Probleme, die sonst nur mit viel Zeitaufwand zu bewältigen sind. “Aber das kritische Denken ist eine Tätigkeit, die das Gehirn selbst macht. Wenn wir das nicht nutzen, dann werden wir das irgendwann nicht mehr können.” Wir müssten Wege suchen, um mit KI zurechtzukommen, damit wir einen persönlichen Nutzen daraus ziehen können. Unseren Kindern sollten wir die Möglichkeit bieten, in einer störungsfreien Umgebung zuerst einmal analog zu lernen, dazu gehöre ein Handyverbot in der Schule.

Die Newsletter-Redaktion wünscht Ihnen eine spannende Lektüre und sonnige und erholsame Sommerferien. Unser nächster Newsletter erscheint am 23. August.

(1) Der Ökonom Ernst Buschor hinterliess uns als Zürcher Regierungsrat diese Hypothek. “Sein Zauberwort hiess New Public Management nach angloamerikanischem Muster”, schreibt der Tages-Anzeiger zu seinem Tod im Oktober 2023. Obwohl NPM für die Bildung unserer Jugend sicher kein adäquater Ansatz ist, wurde das Frühenglisch kaum je in Frage gestellt, bis heute.
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