22. September 2026

Welche Bildungschancen haben Kinder und Jugendliche mit Behinderungen?

Condorcet-Autor Riccardo Bonfranchi, Renate Dünki und Eliane Perret haben ein Buch über die Integration geschrieben. Gastautorin Hedwig Schaer hat es gelesen.

Riccardo Bonfranchi, Heilpädagoge und Buchautor:
Riccardo Bonfranchi, Heilpädagoge und Buchautor, kann auf langjährige Studien und Praxis im heilpädagogischen Bereich zurückgreifen

Die Diskussion um die Integration, die Schulung möglichst aller Kinder und Jugendlichen in der Regelschule, reisst auch nach Jahren ihrer Einführung nicht ab. Kürzlich wurde z.B. in Basel eine Initiative zur Wiedereröffnung von Förderklassen gestartet. Passend hierzu kommt eine Neuerscheinung, die unumwunden die Seite der Kinder und Jugendlichen vertritt:

Bonfranchi; Dünki; Perret. Integration Separation Kooperation. Ein heilpädagogischer Blick auf Bildungschancen für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen. Athena-Verlag. 2022.

Das Buch steht ein für eine angemessene Bildung für alle Kinder und Jugendliche, seien es sogenannte Hochbegabte oder seien es junge Menschen mit intellektuellen, Lern- oder Verhaltens-Problemen. Es stimmt nicht in die gängige Forderung nach flächendeckender Integration aller Kinder und Jugendlichen in «eine Schule für alle» ein, sondern fordert eine differenziertere Sichtweise. Denn jedes Kind hat nur eine Bildungslaufbahn, in der es seine spezifischen Möglichkeiten entdecken, aufgreifen und entfalten können muss. Nur so ist später ein möglichst selbstbestimmtes Leben möglich, wofür die UN-Behindertenrechtskonvention BRK eintritt.

Es richtet sich grundsätzlich an alle Interessierten, seien es Eltern, Lehrpersonen von Regel- und Sonderschulen oder Behörden.

Das Autorenteam kann auf langjährige Studien und Praxis im heilpädagogischen Bereich zurückgreifen und Forschungsergebnisse mit der Praxis verbinden. Dabei ist ein flüssig lesbares anschauliches Buch entstanden, das man sich für jede Schulbibliothek wünschen würde. Es richtet sich jedoch grundsätzlich an alle Interessierten, seien es Eltern, Lehrpersonen von Regel- und Sonderschulen oder Behörden und will zu einer sachbezogenen Diskussion beitragen und Türen öffnen.

Nach einem klärenden Rückblick in die Geschichte der Heilpädagogik, deren Wegbereiter gerade Kindern, die bisher für unbeschulbar galten, erstmals das Lernen in einer Schule ermöglichten und ihnen damit zu einer menschenwürdigen Zukunft verhalfen, gibt es einen kurzen Einblick in die Entstehung der Integrationsbewegung und beleuchtet internationale Konventionen und rechtliche Grundlagen der Integration in der Schweiz.

Im ausführlichen Praxisteil wird anhand von Fallbeispielen aus heilpädagogischen Sonderschulen, aber auch einer Sonderschule für Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten, in der Regel mit psychiatrischen Diagnosen, dargestellt, welche Fragen sich in der Praxis stellen, wie und warum die Schule dem einzelnen jungen Menschen auf seinem spezifischen Bildungsweg behilflich sein konnte. Diese Beispiele sind inhaltlich geordnet, z.B. in ein Kapitel «Gleichberechtigte Teilhabe, was heisst das?», ein weiteres über die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Eltern oder eines über die Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Leben. Die Beispiele werden analysiert, gewürdigt und die Ergebnisse jeweils in einem Zwischenhalt zusammengefasst.

Berührend sind auch die Beispiele zur Kooperation zwischen Sonderschule und Regelschule, seien es Projekte wie gemeinsame Aufführungen oder gemeinsame Unterrichtsstunden oder das langjährige Grossprojekt einer «Integration light», das – wie in allen Beispielen – ein engagiertes Lehrerteam voraussetzt und auf einer starken, stärkenden Beziehung der Kinder und Jugendlichen zu ihren Lehrpersonen aufbauen kann und muss.

Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung werden am Ende in einem Thesenteil schlüssig zusammengefasst.

Das Buch ist eine engagierte Stellungnahme für das Recht auf Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, die historische Entwicklungen einbezieht und Theorie und Praxis verbindet.

Der Gewinn beim Lesen dieses Buches ist, greifbare Möglichkeiten – wieder – kennenzulernen und zur Verfügung zu haben, mit denen für jedes einzelne Kind ein auf seine Person zugeschnittenes schulisches Angebot gemacht werden kann. Gleichzeitig gibt das Autorenteam einen Ausblick auf ein pädagogisches Berufsethos, das immer wieder im Gedränge von Reformkaskaden verlorenzugehen scheint. Insgesamt: eine engagierte Stellungnahme für das Recht auf Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, die historische Entwicklungen einbezieht und Theorie und Praxis verbindet.

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Digitaler Unterricht: Was einst als Fortschritt galt, hat nun in einer Schule in Dänemark zum Nachdenken angeregt.

Kernfrage der Bildung: Was sollen die Schüler lernen und wie lernen sie am besten?

Für den aktuellen und hier publizierten Newsletter der Starken Volksschule zeigt sich die Berufsschullehrerin Marianne Wüthrich verantwortlich. Sie greift die Themen der letzten beiden Wochen auf: Handyverbot, die Bildungsoffensive der Theoretiker in den Büros der Bildungsbürokratie, die konstante Benachteiligung der unterprivilegierten Schichten und die verhängnisvollen Effekte einer falsch verstandenen Selbststeuerung des Schülers.

Die Bildungsschere – oder: Ist das Schulsystem in Deutschland unfair?

Der Schulerfolg von Kindern hängt von ihrer sozialen Herkunft ab. Wer in einem privilegierten Milieu aufwächst, bleibt im Vorteil. Gegenüber Kindern aus benachteiligten Familien zeigen sich die Leistungsunterschiede in Deutsch und Mathematik deutlich, was auch die Pisa-Ergebnisse bei 15-Jährigen belegen. Bemerkenswert ist, dass sich der Abstand in den Kompetenzen während der gesamten Schulzeit und unabhängig der verschiedenen Schichten fast nicht verändert. Wir bringen einen Beitrag des Condorcet-Autoren Niklaus Gerber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert