Der umtriebige Neurowissenschaftler und emeritierte Professor der Universität Zürich gehört zu den führenden Köpfen in der Hirnforschung. Er ist Experte für Fragen wie: Ist unser Gehirn vernünftig? Wie prägt es unser Verhalten? Macht Musik schlau? Und: Wie lernen wir am besten?
Jäncke ist im deutschen Wuppertal geboren und besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft. Kürzlich ist sein neustes Buch über verrückte Geschichten aus der Welt der Musik und des Gehirns herausgekommen. Titel: “Wenn Töne salzig schmecken”.

SonntagsZeitung (SZ): Herr Jäncke, Hirnforscher sind besorgt, dass der Einsatz von KI das menschliche Denkvermögen schwächen und die Hirnentwicklung hemmen könnte. Was passiert da gerade: Verdummen wir?
Lutz Jäncke: Man muss aufpassen, dass man nicht ins Verallgemeinern abrutscht. Aber es besteht in der Tat diesbezüglich eine Gefahr. Das hat damit zu tun, dass unser Hirn ein adaptives Organ ist, das sich aufgrund von Erfahrungen verändert. Auf das Lernen bezogen heisst das: Es funktioniert nach dem Prinzip “use it or lose it”. Wenn man das ernst nimmt, kann man antizipieren, was in Zukunft passieren könnte.
SZ: Verlernen wir durch KI das Lernen und werden geistig träge?
Jäncke: Das ist eine grosse Gefahr, die nicht nur ich so sehe, sondern interessanterweise auch eine ganze Reihe von prominenten KI-Spezialisten, darunter Erfinder der KI.
“Die Geister, die ich rief”
SZ: Erzählen Sie!
Jäncke: Der berühmteste Kritiker ist Geoffrey Hinton, der Programmierer und Erfinder des Deep Learning bei Google. Er ist dort ausgeschieden, weil er der Ansicht ist, dass das für die Menschheit keine gute Entwicklung ist. Selbst der CEO von Open AI – also der Firma, die Chat-GPT entwickelte – hat einen Schreck bekommen, als Chat-GPT 2022 auf den Markt gekommen ist. Er musste im Sinne von Goethes “die Geister, die ich rief” erst mal verarbeiten, was er da auf die Menschheit losgelassen hatte.
SZ: Der bekannte US-Neurowissenschaftler Jared Horvath hat in einem viel beachteten Statement bei einer Anhörung des US-Senats ein vernichtendes Urteil gefällt: “Die Generation Z ist die erste in der modernen Geschichte, die praktisch bei allen kognitiven Messgrössen schlechter abschneidet als die Generation vor ihr.”
Jäncke: Dieses Szenario, das er an die Wand malt, stimmt, oder präziser formuliert, es hat einen wahren Kern. Wir stellen eine Umkehrung des sogenannten Flynn-Effekts fest, benannt nach dem neuseeländischen Intelligenzforscher James Flynn, der die Ergebnisse von IQ-Tests in vielen Ländern analysiert hat. Er stellte fest, dass die durchschnittlichen Intelligenzwerte über die Jahrzehnte kontinuierlich stiegen, vor allem in den westlichen Ländern. Seit etwa 2015 stagniert das oder hat sich vor allem in Mitteleuropa sogar umgekehrt. Das heisst: Die IQ-Werte sinken.
“Man weiss nicht, was man mit digitalen Medien eigentlich machen soll. Man kennt also den konkreten didaktischen Gewinn nicht, weil Angaben dazu bis heute noch nicht überzeugend und ausreichend geliefert wurden.”
SZ: Horvath führt das auf eine digitale Reizüberflutung zurück. Die ständige Berieselung mit kurzen, oberflächlichen Informationshäppchen verhindere tiefgreifendes Lernen.
Jäncke: Untersuchungen zeigen, dass die Generation Z schlechter geworden ist in der Aufmerksamkeit, der Konzentration sowie in der Lese- und der Mathematikkompetenz und dass es einen Zusammenhang gibt mit der Häufigkeit der Internetnutzung. Je häufiger das Internet genutzt wird, desto schlechter die gemessenen Leistungen.
SZ: Dann ist also völlig falsch, was seit längerem an den Schulen praktiziert wird: Bücher, Stift und Papier raus aus den Klassenzimmern, digitale Arbeitsmittel wie Tablets rein.
Jäncke: Wir erleben derzeit eine überwiegende, komplett ungehinderte und ausufernde Nutzung digitaler Medien im Unterricht. Das ist wie bei einem wuchernden Krebsgeschwür, das überall Ableger bildet. Weil alle digitale Medien verwenden, glaubt man, dass man das jetzt in der Schule einführen muss. Da entsteht ein Wildwuchs, der gefährlich ist. Man sollte ein digitales Medium nur dann verwenden, wenn man den didaktischen Gewinn kennt und wissenschaftlich abgesichert hat.
Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich
SZ: Gibt es diese Untersuchungen?
Jäncke: Zumindest gibt es nicht viele. Das ist das Problem. Man weiss nicht, was man mit digitalen Medien eigentlich machen soll. Man kennt also den konkreten didaktischen Gewinn nicht, weil Angaben dazu bis heute noch nicht überzeugend und ausreichend geliefert wurden.
SZ: Verschiedene Länder haben flächendeckend ein Handyverbot eingeführt. Wäre eine einheitliche Regelung mit einem generellen Handyverbot auch in der Schweiz an den Schulen sinnvoll?
Jäncke: Bei Regelungen zucke ich immer zusammen. Ich bin ein liberal denkender Mensch und bin der Überzeugung, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Ausser bei der Schule. Die Schule ist wie ein Kraftsportzentrum. Wenn wir ins Gym gehen, trainieren wir unsere Muskeln und tun nichts anderes. Wir sollten also den Kindern die Möglichkeit bieten, in einer störungsfreien Umgebung ihr Wissen und ihre Fertigkeiten zu vervollkommnen. Dazu gehört meines Erachtens auf jeden Fall, dass man die Handys komplett verbietet.

SZ: Das Handy am Morgen abgeben und nach Schulschluss wieder abholen?
Jäncke: Auf jeden Fall. Kinder und Jugendliche sollten in der Schule zunächst mal analog lernen.
SZ: Mit anderen Worten: Zurück zu Stift und Papier?
Jäncke: Ich bin kein Vertreter der Idee, dass man grundsätzlich elektronische Devices unbedingt benötigt im Unterricht. Wenn ja, dann nur unter bestimmten Konstellationen. Wir wissen aus der Forschung, dass sich der Lernstoff viel besser einprägt, wenn man von Hand schreibt, statt mit zwei Händen zu tippen.
Was die Studis in den Hörsälen auf den Handyschirmen haben
SZ: Auch an den Unis kleben junge Menschen am Handy-Bildschirm. Vor vielen Hörsälen herrscht vor der Vorlesung ein Gedrängel – aber nicht, weil die guten Plätze in den vorderen Reihen ergattert werden wollen. Der Verteilkampf betrifft die hintersten Reihen, wo der Dozent nicht sieht, wenn man ständig auf das Handy guckt.
Jäncke: Das habe ich auch erlebt. Es ist ein Klassiker. Das machen viele, aber nicht alle. Ich habe in den ersten Vorlesungen jeweils meine Assistenten im Hörsaal herumlaufen lassen und sie gebeten, zu schauen, was die Studierenden auf dem Bildschirm geöffnet hatten.
SZ: Vermutlich nicht unbedingt die Folien zu Ihrer Vorlesung.
Jäncke: Google, Wikipedia und das ganze Zeug – das hatten sie schon immer parat. Als dann das iPhone auf den Markt kam, haben die ersten Studierenden ihre Smartphones links neben den Laptop gelegt, später dann auch noch rechts ihr iPad.
SZ: Wie haben Sie reagiert?
Jäncke: Ich habe den Studierenden erklärt, dass es nicht sinnvoll ist, bi-manual, also mit beiden Händen, mitzutippen und gleichzeitig Multitasking zu machen, dass das genau das Falsche ist, weil sie sich so den Vorlesungsinhalt nicht einprägen können.
“Viele Leute, die weniger intelligent respektive weniger motiviert sind, werden leiden. Sie rutschen in die Lustwelt ab und werden denkfaul. Sie werden sich mit KI eine Erleichterung des Lebens gönnen, weil sie nicht mehr selber denken müssen.”
SZ: Locker mehrere Dinge gleichzeitig machen zu können, ist also eine Illusion?
Jäncke: Multitasking funktioniert nicht. Übrigens auch nicht bei Frauen, auch wenn es immer heisst, sie könnten das besser als Männer. Pro Tag werden wir bombardiert mit einer riesigen Informationsmenge, die ungefähr die Grössenordnung eines Romans umfasst. Wir verarbeiten demzufolge pro Woche sieben Romane an Information. 30 pro Monat, 365 Romane pro Jahr. Das ist zu viel. Unser Gehirn ist trainiert, sich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen, mit Sachen, die wichtig sind, die im Moment überlebenswichtig sind. Multitasking bedeutet, dass wir uns auf etwas fokussieren und andere Sachen unterdrücken. Also die Aufmerksamkeit verschieben und uns auf das Nächste konzentrieren. Das ist extrem mühselig, erfordert kognitive Kräfte und richtig viel geistige Energie.
SZ: Sind Digitalisierung und KI eher Fluch oder Segen, wie sehen Sie das?
Jäncke: Ich bin ziemlich sicher, dass man einen Gewinn aus den digitalen Medien ziehen kann. Man muss nur erst mal herausfinden, wo er überhaupt liegt, vor allem, wenn man an den Schulalltag denkt.
SZ: Und bei der künstlichen Intelligenz?
Jäncke: Wie alles im Leben hat es zwei Seiten. Meine Sorge überwiegt, weil ich der Ansicht bin, dass der Grossteil der Menschen nicht im Sinne einer Persönlichkeits- oder kognitiven Weiterentwicklung einen Nutzen aus der künstlichen Intelligenz ziehen kann. Aber es wird auch Gewinner geben, die extrem profitieren. Intelligente Menschen werden KI einsetzen für die Lösung neuer Probleme.
Wird das Prinzip Schule ausgehebelt?
SZ: Zum Beispiel?
Jäncke: Für Berechnungen etwa, die wir heute gar nicht durchführen können. Medizinische Fragestellungen werden gelöst, die wir heute gar nicht andenken können. Das betrifft aber nur einen kleinen Teil der Menschen. Viele Leute, die weniger intelligent respektive weniger motiviert sind, werden leiden. Sie rutschen in die Lustwelt ab und werden denkfaul. Sie werden sich mit KI eine Erleichterung des Lebens gönnen, weil sie nicht mehr selber denken müssen.
SZ: Gut, aber Jugendliche, die an den Schulen KI einsetzen, handeln doch prinzipiell vernünftig: Maschinen wurden schon immer erfunden, damit sie uns lästige Arbeiten abnehmen. Hätten Sie das als Schüler anders gemacht?
Jäncke: Das war zu meiner Zeit kein Thema. Ich bin ganz anders geprägt. Heute nutze auch ich KI.

SZ: Für welche Aufgaben?
Jäncke: Überwiegend für Recherchen, Berechnungen, und ich lasse mir zum Teil auch Programme schreiben, also Codes. Das erspart mir sehr viel Zeit. Ich lasse Texte zusammenfassen. Insofern ist das hilfreich.
SZ: Kritiker fürchten, dass künstliche Intelligenz das Zeug hat, das Prinzip Schule auszuhebeln, weil Schülerinnen und Schüler das Denken an die KI auslagern.
Jäncke: Da muss man wirklich aufpassen. Wir müssen lernen, die KI sinnvoll zu nutzen. Sie kann vieles vereinfachen und uns langweilige und nebensächliche Sachen abnehmen. Aber das kritische Denken ist eine Tätigkeit, die das Gehirn selbst macht. Wenn wir das nicht nutzen, dann werden wir das irgendwann nicht mehr können.
SZ: Dass man den jungen Menschen in der Schule und an den Unis beibringen muss, wie sie KI sinnvoll nutzen können, wird gebetsmühlenartig vorgetragen. Nur: Wie soll das funktionieren?
Jäncke: Ich glaube, das ist derzeit niemandem klar. Wir müssen Wege suchen, wie wir mit der KI damit zurechtkommen. Persönlich schwanke ich zwischen Faszination und totaler Ablehnung.
Kurzweil: Bis 2035 überholt uns die KI
SZ: In Fachkreisen wird gewarnt vor der Entstehung einer Superintelligenz, die das menschliche Denkvermögen übertreffen wird. Wann ist es so weit?
Jäncke: Raymond “Ray” Kurzweil hat schon 2002 in seinem ersten Buch «Das Singularitätsprinzip» darauf hingewiesen. Er ist Erfinder, Wissenschaftler, Computertechniker und ein Genie mit etwa 500 Patenten. Kurzweil geht davon aus, dass ungefähr 2030 oder 2035 die geballte Computerintelligenz intelligenter ist als der Mensch. Er ist der Ansicht, dass KI relativ schnell die menschliche Intelligenz überholen wird, sieht das aber extrem positiv.
SZ: Warum?
Jäncke: Er sagt, der Mensch werde dank KI über die Möglichkeiten verfügen, die tollsten Sachen zu machen.
“Selbst Religion ist eine Erfindung des Menschen und wir führen respektive führten deshalb viele Religionskriege. Man spricht heute ja auch vom ‘Clash of Cultures’. Ich finde, dass die kulturbedingte Konfrontation ein Grundproblem des Menschen ist. Deswegen werden wir nie zusammenkommen und die Probleme der Welt nicht gemeinsam lösen. Ich denke, dass die KI das irgendwann mal für uns regelt.”
SZ: Teilen Sie diese Einschätzung?
Jäncke: Ich sehe das leicht anders. Ich bin auch der Ansicht, dass die Computerintelligenz den Menschen überholt, relativ schnell, ungefähr in dem Zeitraffer, den Kurzweil aufbaut. Ich bin aber überzeugt, dass die Computerintelligenz den Menschen kontrollieren wird.
SZ: Eine beunruhigende Vorstellung. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Jäncke: Der Mensch als Gesamtes ist ein Phänomen, das mich skeptisch stimmt und mich immer schon interessiert hat. Das ist der Grund, warum ich meinen Beruf überhaupt gewählt habe. Ich wollte eigentlich Physiker werden. Aber ich habe mich entschieden, das zu machen, was ich jetzt tue, weil ich den Menschen verstehen wollte. Als ursprünglich Deutscher beschäftigt mich natürlich die Frage, wie der Holocaust überhaupt möglich war. Wie kann es sein, dass zum Beispiel die Deutschen, die Nietzsche, Kant, Hegel oder Schopenhauer gelesen haben, einen solchen moralischen Schaden angerichtet haben?

SZ: Haben Sie eine Antwort gefunden?
Jäncke: Ja. Weil der Mensch auch sehr unvernünftig ist. Dies ist neurowissenschaftlich gut erklärbar.
SZ: Wie das?
Jäncke: Das Gehirn kann jede x-beliebige Kultur, jedes soziale Regelsystem lernen und das toll finden. Und dann kann man auf der Basis dieser Lernergebnisse den grössten Blödsinn machen. Ich werde dafür immer angegriffen, aber ich sage es trotzdem: Selbst Religion ist eine Erfindung des Menschen und wir führen respektive führten deshalb viele Religionskriege. Man spricht heute ja auch vom “Clash of Cultures”. Ich finde, dass die kulturbedingte Konfrontation ein Grundproblem des Menschen ist. Deswegen werden wir nie zusammenkommen und die Probleme der Welt nicht gemeinsam lösen. Ich denke, dass die KI das irgendwann mal für uns regelt.
Warum soll eine Maschine nicht auch Bewusstsein entwickeln?
SZ: Das ist eine sehr optimistische Prognose. Kann künstliche Intelligenz denn einen Gerechtigkeitssinn und ein Bewusstsein entwickeln, wie sehen Sie das?
Jäncke: Der Mensch ist in der Lage, ein Bewusstsein zu entwickeln. Das streitet keiner ab. Das Gehirn generiert das Bewusstsein. Das Gehirn arbeitet nach biophysikalischen Prinzipien. Auch das streitet keiner ab. Wenn also unser Bewusstsein auf der Basis von biophysikalischen Prinzipien generiert wird, warum soll eine Maschine, die nach biophysikalischen Prinzipien ein Gehirn simuliert, nicht auch ein Bewusstsein entwickeln?
SZ: Wie lässt sich die Albtraum-Vision vermeiden, dass die Maschine irgendwann unkontrollierbar wird?
Jäncke: Darüber haben sich schon viele Gedanken gemacht. Isaac Asimov, der berühmte Science-Fiction-Autor, hat ja diese berühmten Asimov-Gesetze generiert. Eines davon besagt, dass die Maschine so programmiert werden soll, dass sie sich nie gegen den Menschen richtet. Ich füge nur noch einen provokativen Satz hinzu.
SZ: Bitte!
Jäncke: Vielleicht ist es auch gut, dass die Maschine irgendwann schlauer als der Mensch wird. Weil nämlich der Mensch, aus meiner Sicht, merkwürdig ist. Wenn man ihn als Gesamtes betrachtet. Als Individuum können wir tolle Leistungen erbringen, Einstein ist ein Paradebeispiel. Der einzelne Mensch ist toll, mag er Schriftsteller, Philosoph, Arzt, Lehrer oder Journalist sein. Aber als Gesamtkonstrukt “Mensch” machen wir Sachen, die oft total unvernünftig sind. Da frage ich mich manchmal: Wo ist das Korrektiv? Sogar der Dalai Lama sagt: Es muss eine neue Ethik jenseits der Religionen geben. Dem schliesse ich mich voll und ganz an. Ich bezweifle aber, dass Menschen unterschiedlicher Kulturen das akzeptieren würden.
Nadja Pastega, Germanistin und Historikerin, arbeitet für das Nachrichtenressort der “SonntagsZeitung”.
Foto Beitragsbild: Webseite Lutz Jäncke/lutzjaencke.ch

