22. Juni 2026
Hans Scheuerleins Musikkolumne

Lieder für die Ewigkeit: „Imagine“

Unser Musikkolumnist Hans Scheuerlein widmet sich einem Song, der in vielen Schulen immer noch zum festen Repertoir des Gesangsunterrichts gehört. Zu Recht, wie er meint, handelt es sich doch um einen wirklich schönen Song. Allerdings sollte man hier nicht zu viel hineininterpretieren, wie man aus seinen Hintergrundinformationen erfährt.

Close-up black-and-white portrait of a man and a woman looking off to the side.

John Lennon wäre dieser Tage 85 Jahre alt geworden. Die Musik der Beatles und nicht zuletzt seine Friedenshymne „Imagine“ haben ihn unsterblich werden lassen.

Zu John Lennons 85. Geburtstag muss ich nochmal mal eine Lanze für „Imagine“ brechen. Natürlich ist es naiv zu glauben, dass sich alles zum Guten wenden würde, wenn nur all die Dinge umgesetzt würden, die John Lennon in seinem Song singt – die noch dazu aus dem Handbuch des Kulturmarxismus abgeschrieben sein könnten. Da schwingt natürlich eine ganze Menge linksideologischer Zeitgeist-Kitsch mit, wie er damals schon in Mode war.

Black-and-white portrait of a middle-aged man with gray beard looking at the camera, against a dark background.
Hans Scheuerlein ist gelernter Musikalienfachverkäufer. Später glaubte er, noch Soziologie, Psychologie und Politik studieren zu müssen. Seine Leidenschaft gehörte aber immer der Musik.

Das war Lennon wahrscheinlich auch klar. Schließlich hat er schon früh erkannt, dass etwa der Kommunismus maoistischer Prägung nicht als Vorbild taugt, wie man in seinem Beatles-Song „Revolution“ von 1968 nachhören kann. Darin wendet er sich an einen imaginären Linksaktivisten und sagt ihm quasi durch die Blume: Alter, weißt du, mach dich einfach mal locker. Es wird schon alles irgendwie werden. Und vor allem: Lauf nicht den falschen Propheten hinterher!

Der Indien-Trip der Beatles und seine neue Flamme Yoko Ono haben den jungen Wilden zum Nachdenken über sein bisheriges Leben gebracht. Er wurde zum Vegetarier und fing an Yoga zu machen (das Klischee schlechthin – LOL). Zudem war das Ende der Beatles wie eine Befreiung für ihn, die er dazu nutzte, sich seinen psychischen Komplexen zu stellen (vgl. dazu bspw. die Songs „Mother“ od. „Jealous Guy“).

Dass manche Leute so tun, als läge darin der Weisheit letzter Schluss, ist nicht Lennon anzulasten.

Oder doch nur reine Heuchelei?

Bei „Imagine“ ging Lennon noch einen Schritt weiter und versuchte, diejenigen Faktoren zu identifizieren, über die sich die Menschen von Anbeginn der Zeit die Köpfe eingeschlagen haben.Aber sind es denn nicht wirklich stets Glaube, Besitz und Grenzen gewesen, die in Verbindung mit Habgier, Hochmut und religiösem Eifer seit jeher Anlass zu Streit, Gewalt und Krieg geliefert haben? Auf jeden Fall ist es völlig in Ordnung, darüber ein Gedicht zu schreiben und es mit einer schönen Musik zu versehen. Und mehr ist „Imagine“ auch nicht.

Das ist nicht Lennons Fehler…

Dass manche Leute so tun, als läge darin der Weisheit letzter Schluss, ist nicht Lennon anzulasten. Ohnehin ist er wohl alles andere als ein sanftmütiger Friedensapostel gewesen. Bestimmt gab es Zeiten, wo er sich gerne so gesehen hätte. Seiner ersten Frau Cynthia zufolge, neigte er jedoch vielmehr zu Jähzorn und Herrschsucht und hatte insbesondere im betrunkenen Zustand – was scheinbar nicht allzu selten vorkam – Schwierigkeiten, sein Temperament in Zaum zu halten. Dabei soll es gelegentlich auch zu Gewaltausbrüchen gekommen sein.

„Imagine all the people living life in peace“ – für Ex-Frau Cynthia, die von Lennon so miserabel abgefertigt worden war, war das wie ein Schlag ins Gesicht. Ist der Text von „Imagine“ also doch nur reine Heuchelei? Auf den jungen Beatle treffen wohl eher die Eifersuchtstexte seiner Songs „You Can’t Do That“ und „„Run For Your Life“ zu, in dem er mit „I’d rather see you dead, little girl, than to be with another man“ („Ich würde dich lieber tot sehen, Kleine, als mit einem anderen Mann“) eine Zeile aus dem frühen Elvis-Song „Baby, Let’s Play House“ zitiert.

Aber jeder hat die Chance verdient, sich zu bessern. Und Lennon hat es bestimmt auch aufrichtig versucht. Zu einem guten Teil ist ihm das wohl auch gelungen. Zumindest ist außer seiner Entgleisung beim sogenannten Lost Weekend mit Harry Nilsson nichts weiter verbürgt. Wahrscheinlich hat auch niemand seiner besseren Hälfte mehr Liebeslieder gewidmet, als John seiner Yoko. Und vielleicht ist „Imagine“ ja auch nur so eine Art Liebeslied, das entstanden ist, als die beiden bekifft im Bett flackten und sich ihre Träume von einer besseren Welt erzählten.

YouTube-Link zu einer Live-Performance von „Imagine“, die sich mit der janusköpfigen Skinhead-Band geradezu wie eine Persiflage ausnimmt. Die Aufnahme entstand 1975 bei einer Gala im New Yorker Hilton Hotel und war Lennons letzter öffentlicher Auftritt vor seiner Ermordung im Jahr 1980.

John Lennon – imagine (live 1975): https://www.youtube.com/watch?v=QfgVhE1M6ns

Hans Scheuerlein verarbeitet auf der Achse des Guten seit 2021 sein Erschrecken über die Tatsache, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.

 

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