Alle zwei Jahre legen Bund und Länder einen nationalen Bildungsbericht vor. Der federführend vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) erstellte und an diesem Montag veröffentlichte Bericht liefert eine empirische Bestandsaufnahme des deutschen Bildungswesens und basiert auf amtlichen Statistiken sowie sozialwissenschaftlichen Daten und Studien. Er beleuchtet die gesamte Bildungskette: von der Kita über die Schule und berufliche Bildung bis hin zur Hochschule.


FOCUS online fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen:
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Ein Viertel erreicht Mindeststandard in Mathematik nicht
Der Anteil der Neuntklässler, die mindestens einen Realschulabschluss anstreben, aber die Mindeststandards im Fach Mathematik verfehlen, steigt deutlich an. Von 16 Prozent im Jahr 2012 auf 24 Prozent im Jahr 2024. Damit erreicht inzwischen fast ein Viertel dieser Schülerinnen und Schüler die grundlegenden Anforderungen in Mathematik nicht.
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Es gibt weniger Ausbildungsplätze
Auch im Ausbildungssystem wächst der Druck. Im Jahr 2025 wurden rund 476’000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, gut 13’000 weniger als im Jahr 2023. Zusätzlich ging die Zahl der ausbildenden Betriebe weiter zurück. 2024 bildeten nur noch 18,7 Prozent der Betriebe aus. Da die Nachfrage zugleich steigt, kamen zuletzt nur noch 95 Ausbildungsplätze auf 100 Nachfragende. 2023 waren es noch knapp 102 Plätze.
“Zuletzt schafften es nicht einmal 30 Prozent der Studierenden, ihr Studium innerhalb der Regelstudienzeit abzuschließen. Studierende stehen dem Arbeitsmarkt dadurch immer später zur Verfügung.”
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Studierende brauchen länger bis zum Abschluss
An den Hochschulen zeigt sich ein weiteres Problem: Für den Bachelor benötigen Studierende inzwischen im Schnitt 8,4 Semester – deutlich mehr als noch 2014 mit 7,2 Semestern. Diese Entwicklung ist genau gegenläufig zum durch die Bologna-Reformen erhofften Effekt einer verkürzten Studienzeiten. Im Bericht heißt es dazu: “Zuletzt schafften es nicht einmal 30 Prozent der Studierenden, ihr Studium innerhalb der Regelstudienzeit abzuschließen. Studierende stehen dem Arbeitsmarkt dadurch immer später zur Verfügung.”
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“Bildungsschere schließt sich kaum noch”
Deutlich wird auch dieses Jahr wieder: Die soziale Herkunft trägt einen erheblichen Teil zum Bildungserfolg der Kinder bei. Marcel Helbig vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe sagte der ARD: “Bildung und der soziale Status der Eltern zählen nach wie vor zu den wichtigsten Faktoren für den Bildungserfolg von Kindern. Auch im internationalen Vergleich schneidet Deutschland in diesem Bereich weiterhin relativ schlecht ab.”
Bildungsministerin Prien hält frühkindliche Bildung für entscheidend
Auf die Problemanalyse folgt die Debatte, wie sich die identifizierten Mängel beheben lassen. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) betonte im ARD Morgenmagazin wie wichtig die frühkindliche Förderung sei: “Die Bildungsschere öffnet sich schon mit der Geburt, geht bis zum sechsten Lebensjahr weiter auseinander und schließt sich danach kaum noch. Deshalb ist frühe Bildung so entscheidend. Ausschlaggebend ist, was Kinder zwischen null und drei Jahren im Elternhaus erfahren und später in der Kita. Genau hier müssen wir künftig noch stärker ansetzen.”
“Kinder müssen die deutsche Sprache lernen in der Kita und müssen auch in ihren sonstigen Entwicklungsdefiziten besser unterstützt werden. Das ist jetzt die große Aufgabe für die nächsten Jahre.”
- Kinder sollen Deutsch in der Kita lernen: Um Kinder in dieser frühen Lebensphase besser zu unterstützen, sei es wichtig Eltern, Großeltern und Kitas zu gewinnen. „Kinder müssen die deutsche Sprache lernen in der Kita und müssen auch in ihren sonstigen Entwicklungsdefiziten besser unterstützt werden”, sagte die Ministerin in der ARD. „Das ist jetzt die große Aufgabe für die nächsten Jahre.”
- Schulen unterstützen: Prien verweist zudem darauf, dass Schulen in besonders herausfordernden Lagen gezielte Unterstützung brauchen. Vor dem Hintergrund des ab dem kommenden Schuljahr schrittweise eingeführten Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung steige der Ressourcenbedarf sogar bei abnehmenden Schülerzahlen.
- Eine zentrale Rolle spielt für die Ministerin dabei das Startchancen-Programm der Bundesregierung. Es gilt als das bislang größte Bildungsprogramm in Deutschland: Bund und Länder investieren gemeinsam rund 20 Milliarden Euro über zehn Jahre. Mehr als 4000 Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler sollen so gezielt gefördert werden.
Legende Beitragsbild: Der nationale Bildungsbericht 2026 zeigt große Lücken auf. (Foto: Getty/Maskot)


“Kinder müssen die deutsche Sprache lernen in der Kita…”
Wenn nicht einmal die Bundesbildungsministerin einen deutschen Satz ordnungsgemäss zustande bringt, dann steht es wirklich schlecht um die deutsche Bildung.
„Immer mehr Jugendliche scheitern an Mathe“. Das ist richtig, aber das hat auch eine Kehrseite: Immer mehr Mathematik scheitert an den Jugendlichen. Was ich sagen will: Der Mathematikunterricht schafft es nicht annähernd, Jugendliche davon zu überzeugen, dass sie etwas lernen, was sie bereichert, was sie im Leben weiterbringt, was ihnen Einsichten und Schönheit vermittelt, kurz: was für sie relevant ist. Die Bildungspolitik hat auch mit dem Startchancen-Programm vor allem den unteren Bereich des Leistungsspektrums im Blick – und das ist auch nicht verkehrt angesichts der Probleme dort. Aber gerade für ein Land, das seinen früheren Reichtum Wissenschaft und Technik verdankt, wäre es wichtig, auch für Mathematik begabte Kinder und Jugendliche zu fördern und zu fordern. Das passiert aber nicht: Die „entschlackten“ Lehrpläne bieten kaum kognitive Anregungen oder gar intellektuelle Herausforderungen. Echtes Problemlösen und Beweisen finden kaum statt. Viele Anwendungen Aufgaben sind an den Haaren herbeigezogen und können nicht vom Wert der Mathematik überzeugen. Der Unterricht vermittelt also fast keine Impfungen, die es leistungsstarken Schülerinnen und Schülern nahelegt, Energie auf dieses Fach zu vermitteln. Deswegen scheitert der Mathematikunterricht an den Leistungsstarken. Dass er trotz der Niveauabsenkung der letzten beiden Jahrzehnte auch an den Leistungsschwachen scheitert, hat weitere, vor allem gesellschaftliche Gründe. Zusammengefasst kann man aber sagen, der Mathematik scheitert an fast allen Jugendlichen.
Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang das demonstrative Bemühen der Kultusministerien, gerade die Begabtenförderung ins rechte Licht zu rücken, hier z.B. für Baden-Württemberg:
https://www.begabungslotse.de/laender/laenderspecial-baden-wuerttemberg
Näher betrachtet ist es aber so, dass das meist fachunspezifisch gesehen wird. Es gibt ein paar Hochbegabtenzüge, aber eben fachunspezifisch. Bei 11 Millionen Einwohnern ist man jetzt (75 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik) dabei, ein MINT-Exzellenzgymnasium in Bad Saulgau (nur mit dreijähriger Oberstufe, zusammen ca. 190 Schüler) zu gründen. Könnte es nicht in jeder größeren Stadt wenigstens an einem Gymnasium einen solchen speziellen MINT-Zug geben, z.B. schon ab Klasse 7? Das wäre kostenneutral, denn jeder Schüler geht nur in eine Klasse. Das könnte auch die besten Mathematiklehrer anziehen, sie hätten etwas weniger Frust.
Über die “entschlackten” Lehrpläne lese ich dennoch oft, sie seien generell überladen (in allen Fächern) und müssten jetzt endlich entschlackt werden, weil wir durch die “digitale Transformation” angeblich nicht mehr so viel Wissen brauchen. Dies für das Fach Mathematik wenigstens in der Fachwelt zu diskutieren, könnte doch eigentlich eine sinnvolle Aufgabe der einschlägigen Verbände DMV, GDM und MNU sein. Aber ob die Bereitschaft besteht, überhaupt mal eine möglicherweise kontroverse Diskussion zu beginnen? Nach meinen Erfahrungen habe ich Zweifel. Bereits das Wort “Niveauabsenkung” wird als Reizwort nicht immer akzeptiert. Es ist einfach “politisch nicht korrekt”.
Herr Kühnel schrieb: „Dies für das Fach Mathematik wenigstens in der Fachwelt zu diskutieren, könnte doch eigentlich eine sinnvolle Aufgabe der einschlägigen Verbände DMV, GDM und MNU sein. Aber ob die Bereitschaft besteht, überhaupt mal eine möglicherweise kontroverse Diskussion zu beginnen?“ Die angesprochenen Verbände sind Spiegelbilder unserer Gesellschaft: Sie müssen unterschiedliche Interessen und Werthaltungen integrieren und kommen daher nicht leicht zu pointierten Aussagen.
Und noch etwas steht dem entgegen: die Forderung nach Wissenschaftlichkeit und Evidenzbasierung. Gibt es wirklich einen Niveauverlust, oder jammern nur alte Männer, weil die Welt nicht mehr so ist wie in ihrer Jugend? Wenn man Politiker überzeugen will, braucht man Evidenz. Ich bin zwar generell kritisch gegenüber dem Maß an Evidenz, das didaktische empirische Forschung erzielen kann (https://ojs.didaktik-der-mathematik.de/index.php/mgdm/article/view/1324), aber man muss sich mit dem auseinandersetzen, was da ist.
Zwar sind die PISA-Ergebnisse zurückgegangen, aber dafür können viele Gründe angeführt werden: Corona, Migration, TikTok, Daniel Jung. Die Behauptung, Lehrpläne und Unterricht seien schuld, ist noch nicht empirisch abgesichert. Und siehe da: Die Studien https://doi.org/10.1007/s40573-016-0041-4 und https://doi.org/10.1103/vkyq-fmcv finden keinen Niveauverlust zwischen 1978, 2013 und heute. Wer an ein Ministerium schreibt und einen Niveauverlust im Mathematikunterricht beklagt, wird belehrt werden, sich doch bitte an die wissenschaftlichen Fakten zu halten. (Nebenbemerkung: Mich überzeugen diese Studien nicht, denn in den beiden späteren Durchgängen wurde eine gewisse Anzahl von Items entfernt. Es könnte sein, dass dies vor allem anspruchsvolle Items betroffen hat.)
Also, warum dieser lange Beitrag? Ich wollte zeigen, dass die Lage komplex ist und meines Erachtens nur ein gesellschaftlicher Konsens über die Bedeutung eines hohen MINT-Bildungsniveaus etwas ändern könnte. Den gibt es aber nicht: Bildungspolitiker haben große Angst davor, die große Zahl der Eltern zu enttäuschen.