28. Januar 2021

Wenn ein Dogma die Vernunft beiseite wischt

Prof. Dr. Gerhard Steiner, 12 Jahre Lehrer im Isaak Iselin-Schulhaus in Basel und 25 Jahre Ordinarius für Psychologie (Entwicklung und Lernen) an der Universität Basel, erkennt im Beitrag der beiden Beamten des Basler Erziehungsdepartements viel Dogma und wenig Praxiskenntnis.

Die Integration muss eine Art heilige Kuh sein.

Eigentlich geht es um nichts anderes als um die heilige Kuh «integrative Schule» und die Verhinderung der Wiedereinführung von Kleinklassen für Kinder mit deutlich unterschiedlichen Voraussetzungen im Vergleich zu denen der Standardklassen. Da ist zu lesen: Die integrative Schule «lebt», passt sich «ständig den neuen Anforderungen» an, wird «den gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen» gerecht und ist «zeitgemäss»; Kleinklassen sind es nach Ansicht der Autorin und des Autors (beide sind Bildungsfunktionäre des Erziehungsdepartements Basel-Stadt) nicht.

Um welche «gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen» es hier geht, wird nicht verraten.

Um welche «gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen» es hier geht, wird nicht verraten. Vielleicht ist die zunehmende Heterogenität bezüglich Lernfähigkeit und Lernwilligkeit in den Schulklassen gemeint. Diese Heterogenität ist aber nicht «gesellschaftlichen» Ursprungs, sondern von den Bildungsbehörden planmässig so gemacht, hausgemacht also, und es ist für diese offensichtlich schwer zuzugeben, dass das Jahrhundert-Reform-Modell «Integrative Schule» auf dem Holzweg ist. Daran ändert auch die Aussage der Zürcher Erziehungsdirektorin und Präsidentin der EDK, Silvia Steiner, nichts, wenn sie sich in einem Interview mit der NZZ (vom 28.01.2019) zur Aussage versteigt: «Der integrative Unterricht ist für mich kein Projekt, sondern ein Menschenrecht. Jeder sollte, wenn möglich, integriert unterrichtet werden», d.h. alle in ein und derselben Klasse: die hochbegabten, die durchschnittlichen, die bildungsfernen, die verhaltensgestörten und die behinderten Kinder.

«Der integrative Unterricht ist für mich kein Projekt, sondern ein Menschenrecht.»
Zürcher Erziehungsdirektorin und Präsidentin der EDK, Silvia Steiner

Von Integration kann keine Rede sein

In der integrativen Schule wird die immer vorhandene und unvermeidliche Heterogenität in den Klassen zusätzlich noch vergrössert, mit entsprechendem Effekt auf die Ausbildungsqualität auf allen Leistungsniveaus. Von Integration kann keine Rede sein, wie Roland Stark, einer der die Schule auch von innen kennt, in einem kürzlich in der BaZ publizierten Gastbeitrag treffend beschrieben hat. Eine hohe Ausbildungsqualität wäre für alle Lernenden (von den unauffälligen über die verhaltensgestörten bis zu den behinderten) in einem nicht-integrativen Lernumfeld mit Standard- und Kleinklassen viel effizienter zu haben, weil dort (1) die Organisation der Lehr-Lern-Situation wesentlich schlanker ist, was (2) weniger Umtriebe und Ablenkung zur Folge hat und (3) auf Seiten der Lernenden eine höhere Konzentration ermöglicht. Dadurch wird (4) die Nutzung der Lernzeit massiv erhöht, was (5) mehr sichtbaren Lernerfolg generiert. (6) würde die Autonomie vieler Lehrerinnen und Lehrer wiederhergestellt, ihr Kräfteverschleiss geringer und die Arbeitszufriedenheit grösser.

Kein Menschenrecht, aber gut begründbar

Das alles ist für mich zwar kein Menschenrecht, aber eine gut begründbare und relativ leicht realisierbare Vision und weder ein «Glorifizierungsversuch» früherer Organisationsformen der Schule noch ein «massiver Rückschritt», wie die beiden Spezialisten des ED meinen. Und sicher geben die Lehrerinnen und Lehrer ihr Bestes. Diesbezüglich sind sie aber nicht auf die verbale Anerkennung angewiesen, die man ihnen im Gastbeitrag der BaZ gleich zweimal gewährt. Anerkennung hat ein anderes Gesicht: Hätten sie die nötigen Freiheiten zur Gestaltung ihres pädagogischen Wirkungsfeldes, hätten sie die künstlich vergrösserte Heterogenität in den Klassen schon längst entflochten und wären zu einem effizienten leistungsniveau-orientierten Unterrichten in Standard- und Kleinklassen zurückgekehrt.

Prof. Dr. Gerhard Steiner

Verwandte Artikel

Vorbemerkung: Der Klimastreik unserer Jugendlichen – eine kontroverse Debatte, auch im Bildungsblog

Seit Jahren arbeiten Alain Pichard, GLP-Mitglied und Mitherausgeber des «Einspruch» und Georg Geiger, Gymnasiallehrer und Mitglied der Vereinigung «Denknetz» in den Fragen der gegenwärtigen Schulreform zusammen.  Kennen- und schätzen gelernt haben sie sich vor Jahren an einer Veranstaltung der GBW und entdeckten sofort ihre Gemeinsamkeiten: Kritik an der Ökonomisierung, der Standardisierung und der Vermessung unseres […]

Schlechte Lehrkräfte sind eine Zumutung

Vor kurzem war ich an einem Bildungs-Podium der NZZ zu Gast, an dem auch die ehemalige SP-Nationalrätin Chantale Galladé (heute GLP) teilnahm. Kurz, aber wirklich nur ganz kurz wurde die Qualität der Lehrkräfte angesprochen. Frau Galladé, Präsidentin der Kreisschulpflege Winterthur Stadt-Töss, liess sich hier sehr schnell zu einem Bekenntnis hinreissen: «Die Lehrkräfte in meinen Schulkreise […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.