Grosse Kompetenzziele, aber oft langweiliger Unterricht
Zwar ist der Lehrplan voll mit wohlklingenden Kompetenzzielen, die eine politische Grundbildung zum Ziel haben. Doch zwischen den erhabenen Bildungszielen und dem tatsächlichen Geschehen in den Geschichtsstunden geht die Schere in den meisten Schulklassen weit auseinander. Es fehlt für den Geschichtsunterricht ein überzeugendes inhaltliches Leitbild, das dem Fach Attraktivität und den Lehrkräften den politischen Rückenwind eines bedeutenden Auftrags verleiht.
Heldengeschichten oder anspruchsvolle Geschichtskritik?
Besonders schwer tun wir uns seit längerem mit der eigenen Geschichte. Die einen glauben, unsere Landesgeschichte gründe primär auf den grossen Mythen der frühen Eidgenossenschaft. Wo und wann genau die Schlacht von Morgarten stattgefunden hat, wird zur geschichtlichen Glaubensfrage. Die moderne Geschichtsschreibung wiederum wird nicht müde, all das Dunkle zu ergründen, das im Verlauf unserer Geschichte passiert ist. Die akademisch geführten Diskussionen können zwar interessant sein, tragen aber wenig zu einem guten Geschichtsunterricht bei.

Im Streit um die völlig verschiedenen Sichtweisen zur Landesgeschichte ist in der Lehrerschaft eine tiefe Verunsicherung entstanden. Einerseits wird eine blinde Heldenverehrung zurecht abgelehnt, andererseits ist es offensichtlich, dass mit einer Dauerkritik an unseren Vorfahren die Jugend für unsere Geschichte nicht erwärmt werden kann. Dieses Dilemma lähmt den heutigen Geschichtsunterricht statt ihn zu beflügeln. Es passt bestens zu dieser Lehrblockade, dass Geschichte in der Sekundarschule meist als kurioses Sammelfach mit geringer Lektionenzahl erteilt wird und nur noch eine Randstellung im Bildungsprogramm einnimmt.
Aufbauender Unterricht mit Meilensteinen statt sprunghafter Beliebigkeit
Schweizer Geschichte, die unsere Jugend wirklich erreichen will, benötigt einen neuen Auftrag. Unsere Schülerinnen und Schüler haben ein Recht darauf, über die Meilensteine unserer Landesgeschichte ins Bild gesetzt zu werden. Wer als Schüler nie erfahren hat, welche Umwälzungen die Industrialisierung gebracht hat, welche spannenden Auseinandersetzungen rund um den Bundesstaat von 1848 stattfanden oder wie sich die Gesellschaft mit dem Wirtschaftswunder nach 1950 grundlegend wandelte, hat einen mageren Geschichtsunterricht erlebt. Die neuere Schweizer Geschichte ist voller relevanter Ereignisse und interessanter Entwicklungslinien. Diese gilt es, in präzisen Schilderungen durch gut ausgebildete Lehrkräfte, durch fesselnde geschichtliche Lektüre und vertiefende Klassendiskussionen den Schülern zu vermitteln. Lebendige Erzählkunst und im Dialog mit der Klasse sich entwickelnde Auseinandersetzungen über bedeutende geschichtliche Themen spielen dabei eine zentrale Rolle.
Eine erfolgreiche Reform des Geschichtsunterrichts wird nicht darum herumkommen, in der Lehrerbildung das künstlich kombinierte Studienfach “Geschichte und Geografie” aufzutrennen. Geschichte muss an den Pädagogischen Hochschulen wieder als eigenständiges Fach angeboten werden, um eine stärkere Stellung zu erhalten.
Kinder und Jugendliche kommen erwartungsvoll in den Geschichtsunterricht und sollen nicht den Eindruck erhalten, das Fach bestehe vor allem aus dem Beantworten von Fragen auf unzähligen Arbeitsblättern. Das Fach Geschichte benötigt zweifellos eine innere Reform, um seiner Bedeutung wieder gerecht zu werden. Ein wesentlicher Teil der Erneuerung besteht dabei aus einer stärkeren Ausrichtung auf einen systematischen Aufbau wichtiger Bildungsinhalte. Diese sollen das Werden unseres Landes als Erfolgsgeschichte mit harten politischen Kämpfen und teils schmerzlichen Brüchen den Schülern vor Augen führen.
Die notwendige Reform benötigt politische Unterstützung
Um den festgefahrenen Karren des Geschichtsunterrichts aus dem Dreck zu ziehen, geht es nicht ohne tatkräftige Unterstützung von aussen. Ein starkes öffentliches Interesse könnte sich in einem genaueren Hinschauen auf das tatsächliche Unterrichtsgeschehen in den Geschichtsstunden und stichprobenartigen Erhebungen über das Geschichtsverständnis von Neuntklässlern manifestieren. All dies passiert heute kaum, weil der Geschichtsunterricht in häufiger Verkennung seiner eminent staatspolitischen Bedeutung als wenig nützlich gilt. Die bisherigen parlamentarischen Interventionen zugunsten einer Aufwertung des Geschichtsunterrichts und einige hoffnungsvolle Reformbestrebungen in der Fachdidaktik sind aber immerhin ein wegweisender Anfang zur Verbesserung der unbefriedigenden Situation.
Eine erfolgreiche Reform des Geschichtsunterrichts wird nicht darum herumkommen, in der Lehrerbildung das künstlich kombinierte Studienfach “Geschichte und Geografie” aufzutrennen. Geschichte muss an den Pädagogischen Hochschulen wieder als eigenständiges Fach angeboten werden, um eine stärkere Stellung zu erhalten. Ebenso gilt es darauf zu achten, dass die von den Geschichtsdidaktikern vermittelten Lernkonzepte und die eingesetzten Lehrmittel wirklich zum Unterrichtserfolg führen. Unsere Jugend hat ein Recht darauf, über unsere Vergangenheit auf attraktive Weise ins Bild gesetzt zu werden und mit einem vollen Rucksack an geschichtlichen Erkenntnissen die Volksschule zu verlassen. Dass dies wirklich geschieht, geht uns alle an.

