24. April 2024
Vorschlag für unsere Bildungsrevolutionäre

Wie wär’s mit “Einfach mal vormachen”?

Condorcet-Autor Alain Pichard, mit 44-jähriger Praxis in den Brennpunktschulen, liest seit Wochen die flammenden Appelle, die zu einer fundamentalen Reform unserer Schule aufrufen. Letzthin wieder im Tagesgespräch von SRF mit der Bildungsforscherin Katharina Maag (https://www.srf.ch/audio/tagesgespraech/katharina-maag-merki-an-den-schulen-rumpelt-es-wie-noch-nie?id=12559295). Das machte ihn betrübt. Doch tapfer wie er ist, fasst er sich ein Herz und bittet die Bildungsrevolutionäre um Hilfe.

Lieber Herr Minder, liebe Frau Maag, lieber Herr Berger, lieber Herr Müller

Als Lehrer, der 44 Jahre lang in der Praxis gearbeitet hat, der sich seinerzeit dafür einsetzte, das Ausleseverfahren von der 4. Klasse auf die 6. Klasse zu verschieben und der in einem durchlässigen Oberstufenmodell arbeitet, freue ich mich immer wieder über ihre wohlfeilen Ratschläge aus den Büros fernab den Herausforderungen der Unterrichtspraxis. Sehen Sie, da liegt unser Problem. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich sind derart mit unseren Alltagsproblemen beschäftigt, dass wir gar keine Musse haben, uns mit ihren steilen theoretischen Thesen auseinanderzusetzen, die da täglich vom medialen Parkett auf uns hereinprasseln. Wir haben auch gar keine Zeit, die von Ihnen zitierten Studien zu lesen, die ihre Forderungen untermauern sollen. Und wenn es ein Kollege doch einmal tut, kommt heraus, dass diese Studien in ihrem Design komplett unbrauchbar sind.

Der Vorstand des VSLCH bemüht sich um Schulrevolution

Alain Pichard, Lehrer Sekundarstufe 1, GLP-Grossrat im Kt. Bern und Mitglied der kantonalen Bildungskommission: Energiesparen in energetisch katastrophalen Schulhäusern.

Das schreckt ab. Sie müssen es uns nachsehen, dass wir etwas utilitaristisch veranlagt sind.

Deshalb ein bescheidener Rat aus der Praxis. Bei uns in den Oberstufenzentren im Kanton Bern sind auf den nächsten Sommer viele Stellen ausgeschrieben. Tausende von Lehrkräften unterrichten bereits ohne Diplom. Kündigen Sie Ihre Stellen oder nehmen Sie ein Jahr einen Bildungsurlaub. Dann gibt es auch keinen Einkommensverlust für Sie. Natürlich ist ein Oberstufenkonferenzraum nicht zu vergleichen mit den Tagungsstätten, auf denen Sie sich zu bewegen pflegen. Auch die Kameras fehlen. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist einiges spannender bei uns, und einen Apéro am Freitagnachmittag gibt es auch. Fassen Sie sich ein Herz und bewerben Sie sich auf eine unserer ausgeschriebenen Stellen, ein Jahr lang. Natürlich müssten Sie da auch Ihre Skier wieder hervornehmen und ab und zu auswärts übernachten mit einem 24-Stundenbetrieb. Sie können aber auch den Innendienst leiten.

Sie haben ja alle in Urzeiten einmal Unterricht gegeben, besitzen ein Patent und verfügen über ein sprachliches Level, das über das heute verlangte B2-Sprachniveau hinausgeht. Das zeigen Ihre exquisiten Texte, die wir leider nur teilweise lesen können… Sie wissen ja, die Praxis ruft und die Korrekturen der Aufsätze (darf man das Wort «Aufsätze» in Ihrem pädagogischen Duktus überhaupt noch aussprechen?) beansprucht viel Zeit.

Einmal bei uns im Kollegium angekommen, können Sie uns dann in der Praxis zeigen, wie Ihre Reformgedanken didaktisch umgesetzt werden. “Vorzeigen-Nachmachen”, ein altes Aebli-Prinzip. Aber wahrscheinlich ist Hans Aebli für Sie überholt. Sie sind sicher viel moderner ausgerichtet. Es ist eine Win-win-Situation. Und wir sind so froh, wenn Sie uns helfen könnten, diesem von Ihnen konstatierten Elend der Volksschule zu entkommen. Sie müssen uns glauben, wir wussten gar nicht, wie schlimm es um unser Wirkungsfeld bestimmt ist.

Freundliche Grüsse

Alain Pichard

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5 Kommentare

  1. Dieser Humor gefällt mir sehr.
    Aber Spass beiseite. Diese Bilungsspezialisten scheuen den Unterricht wie der Teufel das Weihwasser. Denn unterrichten ist harte Arbeit die immer wieder Freude bereitet.
    Danke für den guten Artikel.

  2. Die Stimme der pädagogischen Vernunft kann für einmal auch in einem sarkastischen Beitrag zu hören sein. Alain Pichard ist es offensichtlich wie mir ergangen: Er hat genug, dass immer weitere Schulbaustellen eröffnet werden sollen und bei den bestehenden Grossbaustellen nichts geschieht. Das viel diskutierte Lesedebakel unserer Schulabgänger ist nicht auf die Struktur der Oberstufe zurückzuführen und eine Abschaffung der Zeugnisnoten macht die Schule in keiner Weise besser.

    Es ist viel einfacher, in abgehobenen Diskussionsrunden besorgte Kommentare zur Schulkrise abzugeben als sich direkt mit den Schulpraktikern in Verbindung zu setzen. Die oft im Stich gelassenen Klassenlehrkräfte können genau sagen, wo der Schuh drückt. Doch ein solches Vorgehen braucht mehr Mut als aus der Ferne gute Ratschläge zu erteilen. Gefragt sind Bildungspolitiker und Wissenschafter, die von pragmatischer Offenheit statt von praxisfernen Dogmen geprägt sind. Wer jedoch nur um den Brei herumredet und nichts zur Problemlösung beiträgt, muss sich nicht wundern, wenn nun eine verdiente sarkastische Reaktion erfolgt.

  3. Frommer Wunsch. Für all die grossen Klappen ist es doch besser, in einem Büro des Elfenbeinturms über Fantasien zu brüten, die später top down als Bildungsprogramme verordnet werden für noch strahlendere Kinderaugen.

  4. Hallo Alain
    Es ist wie mit gutem Wein …. Erfahrung macht besser. Auch ich bin noch da und habe in den letzten Jahren wiedel viel dazu gelernt. Kinder unterrichten ist das Schönste – oft auch das Schwierigste – interkulturell und interreligiös sehr lehrreich und spannend. Wenn der Kompass stimmt erreichen wir als Lehrerinnen und Lehrer immer noch viel.

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