Ein pädagogisches Jahrhundertprojekt
Am Anfang stand eine wunderbare Idee: Niemand soll ausgeschlossen werden. Also wurden die Schüler/-innen in eine gemeinsame Klasse gesteckt und das Klassenzimmer zum gesellschaftlichen Miniaturmodell erklärt. Wenn alle verschieden sind, ist Verschiedenheit eine Ressource. Wenn die Klasse dadurch schwieriger wird, ist sie besonders vielfältig. Wenn die Lehrperson an ihre Grenzen kommt, braucht es mehr Ressourcen. Und wenn mehr Ressourcen nicht helfen, braucht es einfach noch mehr Ressourcen.
So entstand eine pädagogische Maschine mit eingebautem Korrekturprogramm: Funktioniert etwas nicht, wird das Konzept angepasst. Funktioniert es danach immer noch nicht, wird die Arbeitsgruppe erweitert und das Ganze wissenschaftlich begleitet.
Die Lehrperson soll 25 Schüler/-innen gleichzeitig unterrichten, selbstverständlich individualisiert. Während ein Schulkind lesen lernt, braucht das nächste eine anspruchsvollere Aufgabe, das dritte persönliche Begleitung, das vierte eine Verhaltensintervention, das fünfte vor allem Ruhe und das sechste eine Erklärung, warum es überhaupt arbeiten soll. Daraus soll eine harmonische Lernlandschaft entstehen.

Mozart hätte vermutlich nach fünf Minuten gekündigt, Beethoven angesichts des Geräuschpegels die Neunte rückwärts komponiert und sich danach für eine Kleinklasse angemeldet.

Die Realität ist leider uneinsichtig
Die Starke Schule beider Basel (SSbB) führte 2024 eine Umfrage zur integrativen Beschulung durch. 786 Personen nahmen teil. 89,8 Prozent sprachen sich dafür aus, die heutige Praxis zu überdenken und zu korrigieren, 85,9 Prozent für eine flächendeckende Einführung von Kleinklassen. 72,7 Prozent bewerteten den Einfluss verhaltensauffälliger Schüler/-innen auf das Leistungsniveau der Klasse als hoch.
Man kann über Umfragen streiten. Man kann über deren Methodik diskutieren. Man kann die Schlussfolgerungen hinterfragen. Und man kann natürlich auch das Thermometer für unzuverlässig erklären, wenn einem die Temperatur nicht gefällt. Was man aber nicht kann: So tun, als gäbe es die Probleme nicht.
Nun hat auch der LCH seine eigene Umfrage zur «inklusionsorientierten Schule» ausgewertet. Und damit wird es für den Verband besonders unangenehm. Denn diesmal kommt die Realität nicht von der politischen Konkurrenz, nicht von Elterninitiativen und nicht von irgendwelchen ewigen Nörglern, die angeblich am liebsten wieder mit Schiefertafeln unterrichten würden.
Sie kommt aus den Klassenzimmern. Also genau von jenen Menschen, die das Integrationsmodell jeden Tag umsetzen sollen.
Nun stellt sich die entscheidende Frage: Wird der LCH die Botschaft ernst nehmen? Oder wird aus dem Scheitern eine «Herausforderung», aus der Herausforderung ein «Entwicklungsbedarf» und daraus ein neues Positionspapier?
Das dürfte ungefähr der Moment sein, in dem man beim LCH merkt, dass Umfragen ein Eigenleben entwickeln können: Man stellt Fragen und plötzlich antworten die Lehrpersonen, statt das gewünschte Ergebnis zu liefern. Offenbar hat man bei der Umfrage vergessen, die gewünschten Antworten gleich mitzuliefern.
Nun stellt sich die entscheidende Frage: Wird der LCH die Botschaft ernst nehmen? Oder wird aus dem Scheitern eine «Herausforderung», aus der Herausforderung ein «Entwicklungsbedarf» und daraus ein neues Positionspapier?
Der LCH und die Kunst des späten Erwachens
Der LCH hat die Integration über Jahre mit einer Vehemenz verteidigt, als hinge die Zukunft der Menschheit davon ab, ob jedes Kind unter allen Umständen im selben Klassenzimmer sitzt. Wer Zweifel anmeldete, musste sich beinahe vorkommen wie ein pädagogischer Höhlenmensch, der mit einem Faustkeil nach dem Einmaleins sucht. Kleinklassen wurden schnell in die Nähe von Ausgrenzung und Rückschritt gerückt.
Dass Lehrpersonen eine andere Wahrnehmung hatten, war offenbar ein Schönheitsfehler. Die Theorie war gesetzt. Nur die Realität erwies sich als störrisch.
Besonders elegant ist die sprachliche Verrenkung, mit der der LCH seine Vergangenheit mit der Gegenwart versöhnen will. Man spricht von einer «inklusionsorientierten Schule», von Bedingungen, Ressourcen und Weiterentwicklung.
Heute entdeckt der LCH plötzlich die Nebenwirkungen des eigenen Lieblingsprojekts: Belastungen, fehlende Ressourcen, grosse Heterogenität und Situationen, in denen Lehrpersonen kaum noch vernünftig unterrichten können. Die Lehrpersonen kennen diese Realität längst. Der LCH erst jetzt, wobei nicht ganz klar ist, ob er sie wirklich kennen will.
Besonders elegant ist die sprachliche Verrenkung, mit der der LCH seine Vergangenheit mit der Gegenwart versöhnen will. Man spricht von einer «inklusionsorientierten Schule», von Bedingungen, Ressourcen und Weiterentwicklung. Das klingt ungefähr so, als würde ein Hausbesitzer nach einem Wasserschaden erklären, sein Gebäude befinde sich nun in einer «feuchtigkeitsorientierten Entwicklungsphase». Der Keller steht zwar unter Wasser, aber immerhin ist das Gebäude nun besonders attraktiv für Fische.
Was aber gar nicht geht, ist der einfache Satz: «Das Integrationsmodell funktioniert nicht.» Denn dann müsste die Bildungsbürokratie ausnahmsweise zugeben, dass vielleicht nicht die Realität, sondern das Konzept das Problem ist. Und Fehler sind in der Bildungsbürokratie ungefähr so selten wie Kreide in einem volldigitalen Schulzimmer.
Die grosse Kunst, das Scheitern umzubenennen
Die Integration kennt immer einen Grund, warum sie gerade nicht funktioniert. Fehlen die Ressourcen, braucht es mehr Ressourcen. Sind die Ressourcen vorhanden, sind die Rahmenbedingungen falsch. Stimmen die Rahmenbedingungen, fehlt es an den Konzepten. Sind die Konzepte vorhanden, hapert es an der Haltung. Und wenn auch dort alles stimmt, ist die Gesellschaft offenbar noch nicht bereit.
Das System ist praktisch unverwundbar. Es kann nur an einem einzigen Ort scheitern: an der Realität.
Das Modell gleicht einem Rauchmelder, der bei einem Küchenbrand nicht Alarm schlägt, sondern ein neues Konzept zur Rauchentwicklung verlangt. Und wenn die Küche danach noch immer brennt, braucht es eine Evaluation des Rauchmelders.
So kann man jahrzehntelang weitermachen, ohne zugeben zu müssen, dass die ursprüngliche Konstruktion vielleicht einen Konstruktionsfehler hat. Man ersetzt die Schraube, streicht die Wand, hängt ein neues Schild an die Tür und erklärt das Gebäude zum «lernenden System». Wenn dann noch immer Rauch aus den Fenstern kommt, wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt.
Der LCH hat nun das Gefühl erklären zu müssen, warum die Integration grundsätzlich richtig ist, in der Praxis aber trotzdem nicht funktioniert. Das ist ungefähr so, als müsste ein Autoverkäufer erklären, dass das Fahrzeug zwar nicht fährt, aber immerhin nach den neuesten Mobilitätsstandards stillsteht.
Wenn das Klassenzimmer zum Hochrisikogebiet wird
Das Problem liegt nicht darin, dass Integration überall falsch wäre. Wenn ein Schüler in einer Regelklasse gut aufgehoben ist, ist das wunderbar. Wenn eine Schülerin mit besonderen Bedürfnissen dort erfolgreich lernen kann, ist das ebenfalls wunderbar. Und wenn ein anderes Kind in einer Kleinklasse besser lernen und sich entwickeln kann, ist auch das wunderbar.
Pädagogik ist kein Glaubenskrieg. Das Klassenzimmer ist keine Versuchsstation für gesellschaftspolitische Wunschvorstellungen. Und ein Kind ist kein Beweisstück dafür, dass ein bestimmtes Schulmodell funktioniert.
Aus «gemeinsam, wo es sinnvoll ist» wurde vielerorts leider «gemeinsam, weil es so vorgesehen ist». Aus einer Möglichkeit wurde ein Prinzip. Aus einem Prinzip wurde ein Dogma. Und aus dem Dogma wurde ein pädagogischer Elefant, der mitten im Klassenzimmer steht und trotzdem von niemandem gesehen werden darf.

Die Lehrperson soll den Elefanten einfach individuell fördern. Wenn er danach immer noch mitten im Klassenzimmer steht und alle über ihn stolpern, braucht es eben mehr Ressourcen. Und wenn die Ressourcen nicht reichen, braucht es ein neues Konzept für die ressourcenorientierte Elefantenbegleitung.
Die Lehrperson als pädagogische Mehrzweckwaffe
Vielleicht liegt hier der eigentliche Irrtum: Von der Lehrperson wird inzwischen erwartet, dass sie gleichzeitig Sozialpädagogin, Therapeutin, Konfliktmanagerin, Integrationsfachperson und Verhaltenscoach ist. Am besten alles gleichzeitig.
Während sie vorne erklärt, warum 7 × 18 = 126 ist, soll sie hinten einen Konflikt deeskalieren, einem Kind mit Förderbedarf helfen, ein anderes aus einer Eskalation holen und gleichzeitig sicherstellen, dass die besonders leistungsstarken Schüler/-innen nicht unterfordert sind. Und wehe, die Klasse lernt nicht genügend.
Man fragt sich, wie viele Funktionen ein Mensch eigentlich gleichzeitig erfüllen muss, bevor die Bildungsbürokratie feststellt, dass vielleicht nicht die Lehrperson zu wenig kann, sondern das System zu viel verlangt.
Vielleicht wäre weniger mehr
Der Reformzug fährt inzwischen mit Volldampf durch die Bildungslandschaft. Im Führerstand sitzt der LCH, vor ihm blinkt seit Jahren die Warnlampe «Praxis». Dahinter stapeln sich Positionspapiere, Konzepte, Arbeitsgruppen und Umfragen bis unter die Decke. Und irgendwo am Perron stehen Lehrpersonen und fragen sich, ob vielleicht irgendwann jemand aussteigen könnte.
Dabei wäre die Lösung erstaunlich unspektakulär: Schüler/-innen sollen lernen können. Lehrpersonen sollen unterrichten können. Wer in einer Regelklasse gut lernen kann, soll dort lernen. Wer in einer Kleinklasse besser aufgehoben ist, soll diese Möglichkeit erhalten. Das wäre keine Niederlage der Integration.
Es wäre das Ende des Glaubens, dass sie immer und überall funktionieren muss. Und vielleicht müsste der LCH dann auch keine weitere Umfrage mehr durchführen.
Wobei eine letzte allerdings noch Sinn ergeben würde: «Liebe Lehrpersonen, funktioniert es jetzt?» Die Antwort könnte diesmal sogar ohne wissenschaftliche Begleitung auskommen. Und erstaunlich kurz sein.

