Arthur Rutishauser zum Frühfranzösisch

Die Schweiz versteht sich nicht mehr

Man sollte sich wohl eher darüber Gedanken machen, wie man die Landessprache unterrichtet, und nicht wann. Der Sprachenstreit ist angesichts der Resultate absurd. Wir veröffentlichen hier den messerscharfen Artikel des Chefredakteurs der Sonntagszeitung, Arthur Rutishauser.

Older woman with gray hair and black glasses speaking at a podium, gesturing with her hands in a conference setting.

In Kürze:

  •    Der Bundesrat will den Französischunterricht an Primarschulen notfalls gesetzlich verankern.
  •     Mehrere Deutschschweizer Kantone möchten Französisch von der Primar- auf die Sekundarstufe verschieben.
  •     Ein Beinahe-Unglück bei den SBB entstand laut Sust durch sprachliche Missverständnisse beim Rangieren.
  •     Kritisiert wird, dass der Schulunterricht kaum alltagstaugliche Sprachkenntnisse vermittelt.
Arthur Rutishauser, Chefredaktor der Sonntagszeitung.

Die Diskussion über das Frühfranzösisch ist zurück – und sie wird mit einer Schärfe geführt, wie man sie in der Bildungspolitik selten erlebt. Am 12. Juni hat der Bundesrat reagiert und angekündigt, den Unterricht einer zweiten Landessprache auf der Primarstufe notfalls im Sprachengesetz zu verankern. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider sprach von einer Frage von nationaler Bedeutung und verwies auf den Zusammenhalt der Schweiz als mehrsprachige Willensnation. Gleichzeitig setzte der Bundesrat den Kantonen ein deutliches Ultimatum.

Der Grund: Mehrere Deutschschweizer Kantone möchten den Französischunterricht auf der Primarstufe abschaffen und erst auf der Oberstufe beginnen lassen. Angeblich geht es um weit mehr als um ein Schulfach: Es geht um die Frage, wie die Schweiz als mehrsprachiges Land zusammenhält.

Den Anstoss zur aktuellen Debatte gaben insbesondere Zürich, aber auch St. Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden. Sie möchten das Französisch von der Primarschule auf die Sekundarstufe verschieben. Die Befürworter dieses Schrittes argumentieren, die Erwartungen an das Frühfranzösisch hätten sich nicht erfüllt. Trotz mehrjährigen Unterrichts seien die Sprachkenntnisse vieler Schülerinnen und Schüler bescheiden. Gleichzeitig beklagen Lehrpersonen, dass insbesondere schwächere Kinder durch die Vielzahl der Fächer überfordert würden. Deutsch und Mathematik, so die Kritik, bräuchten mehr Zeit und Aufmerksamkeit.

Genau in diesem Moment wird bekannt, dass die SBB am 12. August 2025 nur knapp einem Unglück entgangen sind. Ein Güterzug konnte in Neuchâtel-Vauseyon zwar gerade noch rechtzeitig bremsen und kam 50 Meter vor einem Regionalzug zum Stehen. Der Bericht der Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) hält fest: Ursache war kein technischer Defekt, sondern ein sprachliches Missverständnis beim Rangieren.

Es war nicht so, dass die beiden Lokführer gar kein Französisch konnten. Sie hatten die vorgeschriebenen Prüfungen bestanden und hatten in der Schule wohl ebenfalls Frühfranzösisch genossen. Das Problem war vielmehr, dass ihre Sprachkenntnisse in einer unerwarteten Stresssituation nicht ausreichten, also schlicht nicht alltagstauglich waren.

Daraus ein Plädoyer für das Frühfranzösisch abzuleiten, ist der völlig falsche Weg.

Sprachkompetenz lässt sich eben nicht einfach durch das Bestehen einer Minimalprüfung garantieren. Wer in sicherheitsrelevanten Berufen arbeitet, muss die Sprache auch unter Stress beherrschen.

Daraus ein Plädoyer für das Frühfranzösisch abzuleiten, ist der völlig falsche Weg. Sinnvoller wäre es, wenn sich die Bildungsverantwortlichen in Bern und in den Kantonen endlich einmal Gedanken darüber machen würden, wie man effizient eine Sprache lernt.

Denn nicht nur viele Lokführer, sondern auch zahlreiche Schulabgängerinnen und Schulabgänger können kaum Französisch. Und wer in die Westschweiz reist, stellt fest, dass viele Romands umgekehrt kaum Deutsch sprechen – trotz jahrelangen Unterrichts. Dies, obwohl sie im Gymnasium und in der Volksschule oft mehr als sechs Jahre Vokabeln gebüffelt haben.

Offensichtlich fehlt die Motivation. Warum das so ist? Einerseits hat sich die Bedeutung von Sprachkenntnissen verändert. Heute ist Englisch die dominierende Verkehrssprache. Andererseits setzt die Schule noch immer stark auf Pflicht und Zwang. Viele Französischlehrer – und in der Westschweiz viele Deutschlehrer – versuchen weiterhin, mit Druck und Vorgaben eine gescheiterte Regelung aufrechtzuerhalten, statt Begeisterung für die Sprache zu wecken.

Dabei weiss jeder, der sich auch nur ein wenig mit Sprachenlernen beschäftigt hat, dass man eine Sprache nicht mit zwei oder drei Lektionen pro Woche spielerisch erlernt. Sprachen lernt man mit Konzentration, regelmässiger Arbeit und möglichst vielen Kontaktstunden. Nicht mit sechs Jahren Frontalunterricht.

Womit wir wieder bei der Magistratin in Bern wären. Statt auf Zwang zu setzen, sollte sie vielleicht darüber nachdenken, wie man eine intelligente Regelung schaffen könnte, damit sich die Menschen in der Schweiz wieder verstehen – auch wenn sie nicht dieselbe Muttersprache haben.

Gelingt das nicht, werden wir wohl bald Englisch miteinander sprechen. Vielerorts geschieht das bereits heute.

 

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3 Kommentare

  1. Es scheint schwierig zu sein, der Romandie zu erklären, dass es sich bei der Diskussion um das Frühfranzösisch um einen Methodenstreit handelt und nicht darum, den Französischunterricht abzuschaffen.

  2. Vor- und Nachsprechen, direkter Kontakt mit der gut ausgebildeten Lehrperson, Wörter und Satzmuster im Gedächtnis speichern, Verstehen und Anwenden der Zielsprache üben, das alles braucht Zeit, systematischen Aufbau, Konzentration, Wiederholung. Nur so besteht die Chance, dass brauchbare Grundkenntnisse aufgebaut werden. Bei der heutigen Zahl der Lektionen geht alles zum einen Ohr hinein und zum andern wieder hinaus. Wo ist da der Gewinn für die vielbeschworene “Cohésion”?

  3. Frühfranzösisch ist für die meisten Kinder der östlichen Schweiz weit weg von ihrer Lebenswelt und beim Einstieg anspruchsvoller als das allgegenwärtige Englisch. Werbung und Jugendsprache sind durchsetzt von vielen englischen Ausdrücken, was man zu Recht sehr bedauern, aber nicht mehr verhindern kann. Gegenüber der Strahlkraft der anglo-amerikanischen Popwelt hat die frankophone Kultur in den Augen der meisten Schüler deutlich weniger zu bieten. Diese Tatsache wirkt sich stark auf die Lernmotivation der Schüler aus.

    Die Ergebnisse des Frühfranzösisch im Rahmen des forcierten Mehrsprachenkonzepts müssen als sprachliches Debakel bezeichnet werden. Die meisten Primarschüler schaffen es nicht, neben Deutsch, Englisch und oft weiteren Sprachen auch noch erfolgreich Französisch zu lernen. Das Folge ist oft ein heilloses Durcheinander, das am Schluss auf Kosten des wichtigen Deutsch geht.

    Da braucht es schon sehr viel Voreingenommenheit, um das Frühfranzösisch zum nationalen Symbol des eidgenössischen Zusammenhalts zu erheben, wie dies Bundesrätin Baume-Schneider getan hat. Fast könnte man meinen, Französisch solle aus der Volksschule verbannt und die Bedeutung der Romandie bei uns generell missachtet werden. Doch das trifft überhaupt nicht zu. Ein in die Sekundarschule verschobener Einstieg ins Französisch erhöht vielmehr die Chance, dass ein Grossteil unserer Schüler mit gefestigten sprachlichen Grundkenntnissen die zweite Landessprache lernen wird.

    Die direkte Einmischung der Bundesrätin in die Schulhoheit der Kantone hat deutlich gemacht, dass dabei pädagogische Überlegungen kaum eine Rolle spielen. Doch diese sind absolut zentral, wenn man mehr als nur Symbolpolitik machen will. Die Schule hat mit aller Kraft dafür zu sorgen, dass unsere Schüler unter fairen und erfolgversprechenden Rahmenbedingungen unterrichtet werden. Die gescheiterte Mehrsprachendidaktik gehört nicht dazu und muss durch ein Konzept mit nur einer Fremdsprache in der Primarschule ersetzt werden.

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