Ein Rückblick auf die Kommentare zum Manifest für eine Bildungswende

Die Rückkehr der Kreidezeit

Eine Allianz von Fachleuten will eine Debatte über wirksamen Unterricht, Lesenlernen und Bildungsqualität anstossen. Die Reaktion darauf zeigt allerdings vor allem eines: Wer heute systematisches Lernen verteidigt, gerät erstaunlich schnell unter Restaurationsverdacht. Das verrät viel über die heutige Diskurskultur, meint Condorcet-Autor Carl Bossard.

An der Medienkonferenz «Wendepunkt Bildung – Mut zur Kurskorrektur» vor zwei Wochen kritisierten erfahrene Lehrpersonen, Bildungsexperten und ehemalige Verantwortungsträger die zunehmende Distanz zwischen Schulreformen und Unterrichtswirklichkeit. Ihr Manifest plädiert für systematisches Lernen, klare Grundlagenarbeit und eine stärkere Orientierung an Bildungswirksamkeit. (1)

Ausschnitt aus dem Manifest «Wendepunkt Bildung – Mut zur Kurskorrektur»

 

Man reibt sich kurz die Augen. Systematisches Lernen scheint inzwischen zu den riskanteren öffentlichen Positionen zu gehören.

Die neue pädagogische Gefahrenlage

Wer dieser Tage eine Debatte über Schule auslösen möchte, braucht keine steilen Thesen mehr. Kinder sollten lesen können und das Gelesene verstehen, dazu das Schreiben und Rechnen beherrschen. Das genügt offenbar bereits. Kaum hatte die Gruppe «Wendepunkt Bildung» ihr Manifest vorgestellt, wurde öffentlich Alarm ausgelöst. Das sei rückwärtsgewandt. Reformkritisch. Nostalgisch. Ja beinahe kulturgeschichtlich bedenklich. Einzelne Kommentatoren reagierten, als hätte eine geheime Vereinigung pensionierter Oberlehrer die Abschaffung des Stroms und die Wiedereinführung der Schiefertafel gefordert.

Carl Bossard, Condorcet-Autor und Bildungsexperte: Die neue Hermeneutik des Verdachts.

Dabei lautete der zentrale Satz des Manifests lediglich: Lernen müsse systematisch aufgebaut, geübt und gefestigt werden. Eine erstaunlich provokative Aussage im Jahr 2026! Man reibt sich kurz die Augen. Systematisches Lernen scheint inzwischen zu den riskanteren öffentlichen Positionen zu gehören.

Verdacht durch Wortnähe

Besonders auffällig war allerdings weniger die Kritik selbst als deren Stil. Diskutiert wurde selten über Lesen, Schreiben oder Rechnen. Stattdessen wurde das Alter der Beteiligten untersucht. Ihre mutmassliche Weltanschauung. Ihre vermutete Sehnsucht nach Kreidegeruch und Hellraumprojektoren.

Man erfuhr: Wer «Üben» sagt, möchte vermutlich zurück ins Jahr 1954. Wer «Lehrperson» sagt, meint eigentlich «Autorität». Und wer von Konzentration, Disziplin oder verbindlichen Erwartungen spricht, gerät rasch unter den Verdacht eines rückwärtsgewandten Bildungsverständnisses. Der bildungspolitische Diskurs hat damit eine neue wissenschaftliche Kategorie hervorgebracht: den Verdacht durch Wortnähe.

Besonders interessant ist die neue Hermeneutik des Verdachts. Sie funktioniert ungefähr so: Wenn jemand fordert, dass Kinder besser lesen lernen sollen, dann fordert er in Wahrheit etwas ganz anderes. Vermutlich Ausgrenzung. Oder Selektion. Oder mindestens eine Rückkehr in pädagogisch übersichtlichere Zeiten. Die eigentliche Aussage wird dabei zunehmend als störendes Detail behandelt. Wichtiger als das Argument erscheint die moralisch korrekte Einordnung der Person, von der es stammt.

Dass Begriffe wie Leistung, Autorität oder Disziplin historische Belastungen tragen und kritisch befragt werden, ist legitim. Problematisch wird es dort, wo bereits ihre Verwendung als politischer Verdacht genügt. Früher nannte man das ‘ad hominem’ oder ‘ad personam’. Mit Diskurs im eigentlichen Sinn hat das nur noch wenig zu tun.

Die hohe Kunst der Komplexität

Auffällig in dieser «Debatte» war auch die grosse Sorge um die Gegenwart. Mehrfach wurde erklärt, die Schule von heute sei komplexer geworden. Das stimmt selbstverständlich. Nur bleibt offen, weshalb daraus folgen soll, dass Kinder Texte schlechter verstehen dürfen.

Komplexität scheint überhaupt zur neuen Generalerklärung geworden zu sein. Sobald etwas nicht funktioniert, gilt das Problem als Beweis dafür, wie komplex alles geworden ist. Die Lösung besteht dann meist darin, weitere Komplexität hinzuzufügen – mit zusätzlichen Strukturen und Verfahren: multiprofessionelle Teams, Kompetenzraster, Förderarchitekturen, Prozessbegleitung, Qualitätszyklen, adaptive Lernsettings oder dialogische Reflexionsräume. Manches davon mag sinnvoll sein. Doch weshalb gerät darüber die elementare Frage guten Unterrichts so häufig aus dem Blick?

Wer dagegen einwendet, dass Kinder zuerst tragfähige Grundlagen erwerben sollten, bevor sie weitgehend selbstorganisiert lernen, gilt rasch als pädagogischer Restaurator.

Die Tragödie der fehlenden Links

Bemerkenswert ist zudem die tiefe Erschütterung darüber, dass einige Unterlagen der Medienkonferenz kurzfristig nicht online verfügbar waren. Das wurde teilweise behandelt wie ein Angriff auf die Aufklärung selbst.

Zeitweise entstand beinahe der Eindruck, die technische Verfügbarkeit einzelner Unterlagen sei bedeutsamer als die darin aufgeworfenen Fragen selbst. Der eigentliche Kern der Debatte geriet dabei fast in Vergessenheit: Warum sinken die Leistungen im Lesen? Warum klagen Lehrpersonen über Überforderung? Warum verlieren viele Kinder früh den Anschluss? Warum entfernen sich Theorie und Schulwirklichkeit zunehmend voneinander?

Diese Fragen wären wichtig und ergiebig. Doch man sprach lieber über die angeblich gefährliche Sehnsucht nach «Autorität». (2)

Vom Wachsenlassen

Das ist besonders unerquicklich, weil der Begriff ursprünglich von ‘augere’ kommt: wachsen lassen. Heute hingegen scheint bereits der Gedanke verdächtig, dass Kinder Orientierung brauchen könnten. Führung gilt rasch als Freiheitsbeschränkung, Struktur als Zumutung und konsequentes Üben vielerorts bereits als pädagogisch problematisch.

Der moderne Bildungsdiskurs hat eine merkwürdige Verschiebung vollzogen: Er spricht ununterbrochen vom Kind – aber erstaunlich selten vom Unterricht. Vielleicht erklärt das auch die Heftigkeit mancher Reaktionen. Doch «Wendepunkt Bildung» kritisiert lediglich ein System permanenter Reformrhetorik und Innovationsdynamik – eine Dynamik, die sich mitunter stärker für Prozesse, Steuerungsmodelle und Reformsemantik interessiert als für die konkrete Qualität des Lernens.

Wenn ein einfacher Satz provoziert

Das aber trifft einen empfindlichen Punkt. Denn wenn am Ende wieder die schlichte Frage auftaucht, ob ein Kind lesen, schreiben und rechnen kann, verlieren viele Debatten plötzlich ihre schützende Nebelwand.

Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Missverständnis unserer Bildungsdebatten: dass ein Manifest für Lesen, Schreiben und Rechnen heute bereits als kulturkämpferische Provokation gilt.

Jedes Kind geht nur einmal zur Schule.

Konzentriertes und systematisches Lernen als Grundlage des Lern- und Lebensweges

(Foto: Keystone)

 

(1) https://lvb.ch/medienecho-lvb/medienkonferenz-wendepunkt-bildung-mut-zur-kurskorrektur/ [aufgerufen: 11.05.2026]

(2) in: Zürichsee-Zeitung, 28.04.

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