29. Juni 2026
Bildung am Limit

Schulsystem als Ursache des Fachkräftemangels

Schulen sollen mehr als nur Wissen vermitteln. Doch wenn Lehrern keine Zeit für die Basiskompetenzen bleibt, wo sollen dann die gut ausgebildeten Fachkräfte herkommen? Wir bringen einen Beitrag, der zuerst in der Berliner Zeitung erschienen ist.

 

Der Fachkräftemangel gilt inzwischen als eines der größten wirtschaftlichen Risiken in Deutschland. Kaum ein politisches Thema wird so häufig beschworen – und zugleich so selten an der Ursache diskutiert. Denn bevor Fachkräfte fehlen, fehlt etwas anderes: ein deutsches Bildungssystem, das junge Menschen zuverlässig auf Ausbildung und Beruf vorbereitet.

In vielen Betrieben zeigt sich seit Jahren ein ähnliches Bild. Ausbildungsplätze sind vorhanden, Bewerber ebenfalls. Was jedoch zunehmend fehlt, sind grundlegende Voraussetzungen: sichere Sprach- und Rechenkenntnisse, Konzentrationsfähigkeit, Selbstorganisation und Belastbarkeit. Diese Defizite sind kein Randphänomen mehr, sondern betreffen weite Teile eines Jahrgangs. Das ist kein individuelles Versagen junger Menschen. Es ist das Ergebnis eines deutschen Bildungssystems, das strukturell überfordert ist.

Wirtschaftspädagoge Jens-Peter Mickmann

Schule soll heute weit mehr leisten als Wissensvermittlung. Sie soll integrieren, erziehen, soziale Probleme auffangen, präventiv wirken, Werte vermitteln und zugleich Leistungsstandards sichern. Lehrkräfte übernehmen Aufgaben, die früher außerhalb der Schule verortet waren – oft ohne ausreichende personelle, zeitliche oder fachliche Ressourcen. Unterricht findet zunehmend unter Bedingungen statt, die konzentriertes Lernen erschweren. Diese Mammutaufgabe wird von vielen Lehrkräften mit Burn-out quittiert – denn die Kernaufgabe der Schule ist immer noch der Unterricht.

Lesen und Schreiben wird zur Nebenaufgabe

Dieser Zielkonflikt wird politisch kaum benannt: Je mehr Schule kompensieren soll, desto weniger Zeit bleibt für ihren eigentlichen Auftrag. Die Vermittlung von Basiskompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen, logisches Denken – wird zur Nebenaufgabe. Doch genau diese Kompetenzen sind Voraussetzung für Ausbildungsfähigkeit und berufliche Integration.

Ein Bildungssystem kann nicht dauerhaft auf Überlastung und Selbstausbeutung funktionieren.

 

Stattdessen wird Schule immer stärker zum gesellschaftlichen Reparaturbetrieb. Was in Familien, im sozialen Umfeld oder durch politische Fehlsteuerung nicht mehr geleistet wird, landet im Klassenzimmer. Diese Entwicklung mag gut gemeint sein, sie ist jedoch nicht nachhaltig. Ein Bildungssystem kann nicht dauerhaft auf Überlastung und Selbstausbeutung funktionieren.

 

Die Folgen sind längst sichtbar. Unterrichtsausfall, Lehrermangel, das sinkende Leistungsniveau und wachsende Bildungsungleichheit prägen den Alltag. Gleichzeitig wächst der Druck aus Wirtschaft und Politik, mehr Fachkräfte hervorzubringen. Dieser Widerspruch wird bislang verdrängt.

Unterricht statt Kompensation gesellschaftlicher Defizite

Wer den Fachkräftemangel ernsthaft bekämpfen will, muss früher ansetzen. Nicht mit immer neuen Programmen, sondern mit einer grundlegenden Neujustierung des Bildungssystems. Schule braucht Entlastung, klare Prioritäten und realistische Zuständigkeiten. Lehrkräfte müssen wieder unterrichten können, statt dauerhaft gesellschaftliche Defizite zu kompensieren.

Bildung ist keine Sozialmaßnahme und kein politisches Nebenprojekt. In einem rohstoffarmen Land ist sie die zentrale Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer Schulen überfordert, gefährdet langfristig beides.

Der Fachkräftemangel beginnt nicht im Betrieb. Er beginnt im Klassenzimmer.

 

Jens-Peter Mickmann ist Wirtschaftspädagoge und Autor des Sachbuchs “Bildung am Limit”. Er befasst sich seit Jahren mit strukturellen Problemen des deutschen Bildungssystems und deren Auswirkungen auf Ausbildung, Arbeitsmarkt und Gesellschaft.

 

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Michel Foucault: die Entzauberung einer akademischen Ausnahmeerscheinung

Der Condorcet-Blog ist dem Philosophenpaar Sophie und Jean-Marie de Condorcet verpflichtet und seine Autorinnen und Autoren vertreten die Idee der Aufklärung. Deswegen haben wir immer wieder philosophische Beiträge in diesem Blog veröffentlicht. Der nun folgende Beitrag steht schon seit längerer Zeit in unserer «Pipeline». Es ist eine differenzierte Auseinandersetzung um die Diskursanalyse von Michel Foucault. Michel Foucaults Werk, und das macht seine Causa für uns interessant, ist von einer aufklärungskritischen Haltung geprägt. Die plötzlich aufgekommene Debatte um den angeblichen sexuellen Missbrauch von Jugendlichen hat uns dazu bewogen, mit der Veröffentlichung des Beitrags der Zürcher Professorin für forensische Psychologie, Henriette Haas, zuzuwarten. Wir wollten nicht in den Verdacht geraten, uns auch noch an diesem Integritätsdiskurs zu beteiligen. Inzwischen hat sich aber auch Eduard Käser in einem Beitrag («Riesen zur Schnecke machen – weite Teile der Cancel-Culture sind das Symptom einer intellektuellen Misere» 2. Mai 2021) gemeldet. Er plädiert für den «argumentativen Streit im Schlichten von Meinungsverschiedenheiten». Dies ist auch für uns eine Richtschnur. Der nun folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Geltung einer Aussage und nicht mit deren Urheber. Oder um es mit Eduard Käser auszudrücken: «Denken ist eine soziale Tätigkeit. Ein untrügliches Indiz des Denkens ist deshalb die Beobachtung, dass andere auch denken.» Henriette Haas schreibt zum ersten Mal für den Condorcet-Blog.

Zwischen Anspruch und Machbarkeit

LVB-Präsident Philipp Loretz warnt davor, dass das Instrument des Nachteilsausgleichs von überambitionierten Eltern in einen «Vorteilsanspruch» zugunsten ihrer Kinder umgedeutet wird. Er verlangt solide Daten zu Häufigkeit und Art der Diagnosen, transparente Kriterien, eine einheitliche Vergabepraxis und umsetzbare Massnahmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert