30. Oktober 2026

Das duale Prinzip kann nicht überschätzt werden

Marianne Wüthrich, ehemalige Berufsschullehrerin und Mitglied der Starken Volksschule Zürich und St. Gallen, kann den Aussagen von Professor Tobias Straumann in seinem Beitrag “Den Wert der Bildung nicht überschätzen” nicht vollumfänglich zustimmen.

Marianne Wüthrich: Die Volksschule fördert mit ihrer Kompetenzorientierung die Chancenungleichheit.

Dass die nicht-akademischen Berufe von manchen Akademikereltern zu wenig gewürdigt werden, ist zweifellos richtig. Wo ich als langjährige Berufsschullehrerin widersprechen muss: «Bildung für alle» ist nicht nur auf dem akademischen Weg zu erlangen. Gerade in der Schweiz mit ihrem qualitativ hochstehenden und durchlässigen dualen Berufsbildungssystem ist eine Berufslehre der «Königsweg» zu vielen weiterführenden Möglichkeiten. Auch für diesen Weg werden gute schulische Grundlagen vorausgesetzt. Dafür hätte die Volksschule zu sorgen, und in neun Schuljahren wäre dies auch für Kinder mit weniger guten familiären Bedingungen möglich.

Hier liegt das Problem. Denn die Schulreformen der letzten Jahrzehnte verstärken die Chancenungleichheit erheblich. Besonders gravierende Folgen für Kinder, die zu Hause wenig gefördert werden können, hat das Konzept des Lehrplan 21. Gerade sie bräuchten einen geführten Klassenunterricht. Mit «selbstorganisiertem Lernen» vermögen die vielen Kompetenz-Bröckchen in ihren Köpfen nicht zu einem strukturierten Ganzen zusammenzuwachsen. Die Volksschule steht in der Pflicht, allen Kindern die Grundlagen für eine gute Bildung zu ermöglichen. In diesem Sinn kann Bildung nicht überschätzt werden.

Dr. iur. Marianne Wüthrich.

image_pdfAls PDF herunterladen

Verwandte Artikel

Gegen die Ökonomisierung der Bildung

Bildung ist mehr als Kompetenzorientierung. Sie lässt sich nicht in Schemata pressen, normieren und skalieren. Das zeigt eine Publikation von Thomas Philipp . Ein Resümee von Condorcet-Autor Carl Bossard.

Welche Rolle spielt die Motivation bei den PISA-Testresultaten?

In einer ersten Reaktion auf die Resultate der interkantonalen Vergleichstests (24.5.19) hat der LCH-Präsident Beat Zemp das Problem der unterschiedlichen Motivation ins Spiel gebracht (Der Condorcet-Blog berichtete. Siehe Kommentar «Nationale Vergleichstests – vor Schnellinterpretationen sei gewarnt» 25.5.19).
Eine Studie in den USA und China scheint zumindest einen Hinweis dafür zu geben, dass Beat Zemps Vermutung nicht so abwegig zu sein scheint. Im Deutschlandfunk wurde die Studie der University of California in San Diego näher besprochen. Das Fazit: Die Motivation der Schüler wurde zu wenig berücksichtigt. Alain Pichard fasst zusammen und kommentiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert